Kinder sitzen mit Büchern auf den Knien vor einem Bücherregal.
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Ein maskiertes Küken mit nichts als Blödsinn im Kopf, ein niedlicher Hund, der sich als Rassist entpuppt, ein Mädchen, das vom IS rekrutiert wird: Buchmessen-Ehrengast Frankreich hat außergewöhnliche Kinder- und Jugendbücher im Angebot. Wir stellen eine Auswahl vor.

Marie Dorléans "Der Kannenhut, der steht dir gut"

Cover Marie Dorléans Der Kannenhut, der steht dir gut
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Spitznasig und geradlinig kommen sie daher, die Figuren in Marie Dorléans "Der Kannenhut, der steht dir gut". So recht sympathisch sind die Figuren nicht - müssen sie auch nicht sein, denn im Grunde sind sie konsumgierige Einfaltspinsel, die sich Teekannen und Eimer auf den Kopf stülpen und glauben, damit unfassbar trendy zu sein.

Wie es dazu kommt? Niemand möchte dem Verkäufer etwas abkaufen, wenn er auch noch so eifrig wirbt. Die Leute haben einfach schon alles. Plötzlich jedoch geschieht etwas Merkwürdiges. Von einem Sonnenstich geplagt, beginnt der Händler die Worte zu verdrehen und preist Topfhüte und Kannentaschen, Regenschäler und Schirmlampen an. Das wiederum finden die Leute klasse, denn einem neuen Trend muss man selbstredend folgen. Dass die Gartenschlauchschals und Kannenhüte ein bisschen albern aussehen - geschenkt. Trend ist Trend! Zum Glück baut eines Tages ein zweiter Händler seinen Stand auf und alles kommt wieder ins Lot.

Ein Vorlesespaß mit herrlichen Illustrationen - ebenfalls aus der Feder von Marie Dorléans. Die Händlerstände sind wahre Wimmelbilder. Ein schönes zeichnerisches Detail: Die dargestellten Kinder und Tiere sind durchweg skeptisch. Sie scheinen zu ahnen, dass die Erwachsenen sich da ganz schön was haben andrehen lassen.

Claude Ponti "Horst, das maskierte Küken"

Cover Horst das maskierte Küken
Claude Ponti "Horst, das maskierte Küken", Jacoby&Stuart, 80 Seiten, 15 Euro, ab 6 Jahren Bild © Jacoby&Stuart

Horst, das maskierte Küken, hat nichts als Blödsinn im Kopf. Mit seiner roten, frech grinsenden Teufelchenmaske vor dem Gesicht und seinen Kumpels im Schlepptau, richtet er liebend gerne Unsinn an. Unsinn, der in Phantasiewelten spielt, und den der Autor und Illustrator Claude Ponti in knallbunte Bildergeschichten mit großem Detailreichtum packt.

Es sind die ersten wilden Küken-Geschichten in deutscher Sprache, die jetzt erschienen sind. In Frankreich hat das Katastrophen-Federvieh, das dort auf den Namen Blaise hört, seit Anfang der 90er-Jahre seine Fangemeinde. Drei Bildergeschichten sind in dem kleinen Band enthalten, die auf poetische Weise Dinge aus dem Alltagsleben der Kinder aufgreifen. Wer kennt es nicht, das Aufgedrehtsein vor dem Einschlafen oder das abendliche Schaumbad, das auf wundersame Weise zur Wasserschlacht ausartet?

In Pontis erdachten Welten musss man nur einen Stopfen ziehen, um einen Sturm auszulösen - das lässt sich Horst nicht zweimal sagen. Gespickt sind die kurzen Texte mit ordentlich Sprachwitz, so dass auch Erwachsene beim Vorlesen ihren Spaß haben dürften. Einziger Wermutstropfen: Die drei Geschichten sind leider schnell wegerzählt - aber vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung.

Luc Blanvillain "Tagebuch eines Möchtegern-Versagers"

Cover Tagebuch eines Möchtegern-Versagers
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Auf den ersten Blick schaut das "Tagebuch eines Möchtegern-Versagers" aus wie ein Titel aus "Gregs Tagebuch"-Reihe, doch mit Klamauk im Comic-Stil hat der Kinderroman von Luc Blanvillain nichts zu tun. Die Geschichte von Nils ist lustig, klug und unterhaltsam erzählt. Im Leben des Zwölfjährigen geht es ein bisschen kompliziert zu. Nils ist hochbegabt, was seinen Alltag nicht gerade vereinfacht. Alles was Spaß macht, erlauben seine Eltern nicht. Fernsehgucken, Fußball spielen - Nils soll sich einzig aufs Lernen konzentrieren.

Als der Schulwechsel in eine Begabten-Klasse ansteht, packt er die Gelegenheit auf einen Neuanfang beim Schopf und stapelt tief. Doch so zu tun, als sei man weniger klug als man tatsächlich ist, ist gar nicht so einfach. Nils muss schwindeln was das Zeug hält und dieses Lügenkonstrukt fliegt ihm schon bald um die Ohren. Das alles ist herrlich turbulent und fröhlich geschrieben, gespickt mit einer zarten Liebesgeschichte. Ein Buch, an dessen Ende man hofft, Nils und seine Freunde noch durch die nächsten Schuljahre begleiten zu dürfen.

Christophe Léon "Väterland"

Cover Väterland von Christophe Léon
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"Väterland" von Christophe Léon spielt im Paris der Zukunft. Einer Zukunft, die geprägt ist von Ausgrenzung und Hass gegenüber Minderheiten. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der zwölfjährigen Gabrielle. Sie kommt aus Somalia und wurde von einem schwulen Väterpaar adoptiert. Der Erzählton zeigt, dass an dieser Konstellation für Gabrielle nichts außergewöhnlich ist. Sie sind eine ganz normale, glückliche Familie, in der beide Elternteile ihr Geld als Künstler verdienen.

Doch die Zeiten in Frankreich stehen auf Veränderung. Wirtschaftskrise und Unzufriedenheit lassen nach Schuldigen suchen und die sind schnell gefunden. Homosexuelle werden ausgegrenzt, mit einem Arbeitsverbot belegt und in ein spezielles Viertel umgesiedelt. Zu ihrem "eigenen Schutz" sollen sie eine rosa Raute auf ihrer Kleidung tragen. Wer in die Innenstadt von Paris möchte, benötigt einen Passierschein. Als George und Phil sich eines Tages unerlaubt auf den Weg machen, um ein Geburtstagsgeschenk für Gabrielle zu besorgen, nimmt das Unheil seinen Lauf.

Christophe Léon zeigt beeindruckend auf, dass durchaus auch wieder passieren kann, was in gar nicht ferner Vergangenheit im Nationalsozialismus geschehen ist. Rechtzeitig gegensteuern, scheint die Lösung. Doch was tun, wenn der Prozess schleichend, kaum spürbar vor sich geht? "Väterland" ist ein Roman, der das Zeug zur Mittelstufen-Schullektüre hat und den durchaus auch Erwachsene zur Hand nehmen dürfen.

Mit einer besonderen Herausforderung hatte Übersetzerin Rosemarie Griebel-Kruip zu kämpfen. Ein zentraler Begriff des französischen Originals beruht auf einem Wortspiel, das nur in dieser Sprache funktioniert und so folgerichtig unübersetzt blieb. Um nichts vorwegzunehmen, soll hier nicht mehr verraten werden. Bleibt zu hoffen, dass die jugendlichen Leser darüber stolpern und ihre Französisch-Grundkenntnisse zur Sinnerfassung ausreichen.

Audren "Mein Hund ist Rassist"

Cover Mein Hund ist Rassist
Bild © Little Tiger

Der zehnjährige Maël ist glücklich und verzweifelt zugleich. Als er einen niedlichen, weißen Hund im Hausflur findet und der Besitzer auch trotz intensiver Suche nicht zu ermitteln ist, darf der Junge das struppige, kleine Tier behalten. Doch Mizie, wie Maël seinen neuen Freund nennt, hat eine unangenehme Eigenschaft. Menschen mit schwarzer Hautfarbe knurrt oder bellt er an, versucht sie gar zu beißen. Die Sache scheint klar, der sonst so putzige Mizie ist ein Rassist. Maëls Familie stellt allerhand an, um das neue Familienmitglied zu kurieren, doch mit Rassismus ist das so eine Sache - gutes Zureden hilft da nicht.

"Mein Hund ist Rassist" ist das erste Buch der in Frankreich erfolgreichen Schriftstellerin und Musikerin Audren, das auf Deutsch erscheint. Ein ausgezeichneter Einstand, der Lust auf mehr macht. Audren gelingt es, das schwierige Thema Rassismus kindgerecht zu erklären, ohne zu verurteilen. Dass das "tiefe Innere" eines Menschen - oder in Mizies Fall Tieres - nicht leicht zu verändern ist, man die Hoffnung aber niemals aufgeben sollte, ist die gute Botschaft der Geschichte. Ein zauberhaftes Buch, das bei der Erwähnung der historischen Figuren Nelson Mandela, Martin Luther King und Rosa Parks aber noch einiger Hintergrundinformationen durch Erwachsene bedarf. Die Schwarz-Weiß-Illustrationen von Clément Oubrerie transportieren die Stimmung der Protagonisten ganz wunderbar.

Matthieu Sylvander "Beatrice die Furchtlose"

Cover Beatrice die Furchtlose
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Diese Heldin fürchtet sich vor nichts und niemandem. "Beatrice die Furchtlose" ist ein rothaariges Pferdeschwanz-Mädchen, das auf seiner weißen Streitrössin Veronique durch die Lande reitet, Drachen beseitigt und dusselige Prinzessinnen rettet. Dabei geht sie nicht gerade zimperlich zur Sache. Rasch wischt sie sich das Drachenblut von der Messerklinge an ihre Tunika, um allerdings wenig später doch von Neugierde gepackt einem sehr weiblichen Ansinnen zu folgen: Ein Prinz soll verheiratet werden und alle Prinzessinnen des Landes stehen Schlange, um sich von der Königin begutachten zu lassen.

Aber weder Königin noch Prinz sind typische Vertreter ihrer Art. Die Königin lässt sich locker mit einem Leberwurstbrot bestechen und der Prinz? Na ja, sagen wir mal so: Sämtliche männliche Figuren haben in den beiden Geschichten von Matthieu Sylvander kein besonders gutes Standing. Die Zeichnungen von Parceval Barrier kommen so robust und bodenständig daher wie das rabiate Heldenmädchen. Wer keine Lust auf rosafarbene Kindergeschichten mit Flitterfaktor hat, wird an Beatrice seine Freude haben. Die bringt sogar den Teufel zum Weinen.

Jean-Marc Fiess "Frei und gleich geboren"

Cover Jean-Marc Fiess Frei und gleich geboren
Bild © Fischer Sauerländer

"Frei und gleich geboren" ist ein besonderes Kinderbuch, ein Buch, das der Erläuterung durch Erwachsene bedarf. Das kleine Büchlein, es hat ein Format von gerade mal 12 mal 16 Zentimetern, kommt unscheinbar daher, hat es aber mächtig in sich. 7 der 30 Artikel umfassenden Menschenrechte werden als einfache, jedoch eindrucksvolle Pop-up-Szenen dargestellt. Daneben steht jeweils nur ein einziger Satz.

Im Grunde besteht dieses Buch also aus sieben Sätzen und sieben 3D-Grafiken, die beim Aufklappen ihre Wirkung entfalten. Dazu im Anschluss noch - quasi als Kleingedrucktes - alle 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Jean-Marc Fiess ist Fotograf und Regisseur und hat ein Faible für Pop-Up-Bücher. Mit "Frei und gleich geboren - die Menschenrechte" hat er mit eindrucksvoller Einfachheit ein Büchlein geschaffen, das der perfekte Ausgangspunkt für lange Eltern-Kind-Gespräche sein kann. Fiess gibt den Impuls, den Rest müssen die Leser schaffen.

Dounia Bouzar "Djihad, mon ami"

Cover Dounia Bouzar Djihad, mon ami
Bild © Knesebeck

Wer sich jemals gefragt hat, wie es sein kann, dass junge Menschen sich in kürzester Zeit radikalisieren und sich dem IS anschließen, sollte dieses Jugendbuch von Dounia Bouzar lesen. Es ist die fiktive Geschichte der Freundinnen Camille und Sarah. Camille, die mit dem Islam eigentlich nichts zu tun hat, gerät über die Internet-Recherche für ein Referat in Kontakt mit Islamisten. Wie geschickt und mit welch perfiden Methoden die Hintermänner vorgehen, um Jugendliche einzulullen und für den IS zu rekrutieren, schildert Bouzar erschreckend nüchtern aus den zwei Perspektiven der beiden Mädchen.

Ganz nah dran an der Realität ist Bouzars Geschichte, denn die Autorin arbeitet als Beraterin für Jugendliche und zeigt ihnen Wege aus politischer und religiöser Radikalisierung auf. Mit "Djihad, mon ami" (dt. "Djihad, mein Freund") ist ihr ein Buch gelungen, das informiert, aufklärt und für das Problem der Radikalisierung sensibilisiert. Dabei verzichtet sie nahezu auf den erhobenen Zeigefinger und auf Vorwürfe. Einzig in der Rolle des Vaters, der hilflos wütet, werden Reaktionen aufgezeigt, die Jugendliche in ähnlicher Situation erwarten dürften. Kluges Gegengewicht bilden Mutter und beste Freundin, die mit Hilfe von Experten zeigen, wie man es besser macht. Ein guter Ratgeber für ein Thema, das immer wichtiger wird und in das uns meist die Einblicke fehlen.

Brigitte Smadja "11 Tage mit Papa"

Cover 11 Tage mit Papa Brigitte Smadja
Bild © Rowohlt

Wenn Eltern sich trennen, beginnt für Kinder eine verwirrende Zeit. So geht es auch Naomi, deren Zusammensein mit Papa nun gut durchgetaktet wird. Dass ihr Vater plötzlich kocht und Ausflüge plant, ist für Naomi nicht nur spannend, sondern auch reichlich verwirrend. Sie entdeckt ganz neue Seiten an ihrem Vater. Ärgerlich nur, dass sie kaum noch freie Zeit für ihre beste Freundin hat. Das Zeitmanagement wird durch eine Trennung - nicht nur für Eltern - reichlich kompliziert.

Brigitte Smadja ist mit "Elf Tage mit Papa" ein unaufgeregtes Buch über Scheidung und die Folgen für die ganze Familie gelungen. Schuldzuweisungen bleiben völlig aus, Smadja konzentriert sich in ihrer Geschichte auf das Vater-Tochter-Verhältnis, das sich neuen Herausforderungen stellen und sich neu definieren muss. Im französischen Original lautet der Titel "Oublie-moi un peu, papa!" - "Vergiss mich ein bisschen, Papa". Das mag im ersten Moment merkwürdig klingen, trifft aber den Knackpunkt der Story. Nur wer loslässt, kann sich nähern. Die einzelnen Kapitel starten mit zarten Illustrationen von Patrick Wirbeleit, so dass man am Ende auch konkrete Bilder von allen Hauptfiguren im Kopf hat.

Anaïs Vaugelade "Ich bau mir einen großen Bruder"

Cover Ich bau mir einen großen Bruder
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Susa ist sauer. Sie hatte sich so sehr einen großen Bruder gewünscht und dann eine kleine Schwester bekommen - so eine Enttäuschung. Sie beschließt daher, sich selbst einen großen Bruder zu bauen. Tatkräftig unterstützt wird sie dabei von ihren Puppen und Stofftieren, allen voran dem klugen Krokodil, das wichtige Details zum Körperbau in seiner Enzyclopedia Crocodilis nachschlägt.

"Ich bau mir einen großen Bruder" von Anais Vaugelade ist ein außergewöhnliches Anatomie-Sachbuch, das mit Detailtiefe aufwartet. Schritt für Schritt baut Susa in bester Frankenstein-Manier einen menschlichen Körper nach. Erst das Skelett, dann die Muskulatur, Nerven und Sinnesorgane, Blutkreislauf und so weiter. In einer schmalen Erzählleiste wird die Handlung vorangetrieben, den Hauptteil des großformatigen Buches nehmen detaillierte Informationen zu den jeweiligen Körper-Baustellen ein, an denen Susa sich gerade befindet.

Die Zeichnungen der Handlung sind zwar für Kinder im Kindergartenalter gestaltet, den Erläuterungen allerdings dürften ältere Grundschulkinder gerade so gewachsen sein. Ein Buch, bei dem die Vorlese- und Erklärqualitäten von Erwachsenen durchaus gefragt sind - sofern sie damals selbst im Biologie-Unterricht gut aufgepasst haben und eine Ahnung haben, was Adenosin-Triphosphat sein könnte. In Frankreich wird das Buch ab fünf Jahren empfohlen, der deutsche Verlag hat ihm ein "ab sieben Jahren" mitgegeben. Aber im Grunde kann man nach der intensiven Komplettlektüre auch getrost das Proseminar-Anatomie überspringen.