Édouard Louis
Édouard Louis Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Warum wählt in manchen Regionen Frankreichs jeder Zweite den rechtsradikalen Front National? Die Bücher von Édouard Louis liefern Antworten: Seine Themen sind Gewalt, Homophobie und Rassismus.

Édouard Louis ist noch nicht einmal 22 Jahre alt, da löst er in Frankreich ein literarisches Erdbeben aus. In seinem Debütroman "En finir avec Eddy Bellegueule" ("Das Ende von Eddy") beschreibt er seine Kindheit als Homosexueller in einem Dorf in Nordfrankreich.

Hier, in der Provinz, gilt als echter Kerl, wer Fußball spielt, wer säuft und sich prügelt. Frauen haben Kinder zu kriegen, Intellektuelle haben "keine Eier", Schwule sind verachtenswert. Der schmächtige Eddy, der so "tuntig" läuft und lieber Theater als Fußball spielt, wird regelmäßig verprügelt und angerotzt. Eddy will nicht als "Opfer" gelten, also erträgt er die Gewalt, tagtäglich, jahrelang. Einen Ausweg gibt es erst, als er wegzieht - der echte Eddy ändert sogar noch seinen Namen.

Soziale Frage vernachlässigt

"Das Ende von Eddy" wird in Frankreich zum Bestseller. Kritiker schreiben von einer literarischen Sensation. Louis' Familie dagegen ist geschockt. In mehreren Interviews tut sie ihr Entsetzen kund, legt der autobiografische Roman doch gnadenlos ihre bittere Armut mit allen Folgen offen. Frankreich diskutiert: Wie weit darf ein autobiografischer Roman gehen? Und: Hat die politische Elite die Armen des Landes vergessen?

Definitiv, sagt Édouard Louis in Interviews, in denen er auch erklärt, warum seine Eltern den rechtsextremen Front National wählen: "Sie haben das Gefühl, dass er die einzige Partei ist, die sie wahrnimmt." Selbst linke Politiker vernachlässigen die soziale Frage, erklärt Louis. Auch soziale Exklusion sei Gewalt, sagt der junge Autor, und die werde in Form von Homophobie oder Rassismus weitergegeben.

Stranguliert und vergewaltigt

Das thematisiert Louis auch in seinem zweiten Roman: In "Histoire de la violence" ("Im Herzen der Gewalt") verarbeitet er seine Vergewaltigung. Kern der Geschehnisse ist eine einzige Nacht: Édouard schlendert am 25. Dezember 2012 um vier Uhr in der Früh über die Place de la République im Zentrum von Paris. Reda, Anfang 30, algerischer Berber, läuft ihm über den Weg und flirtet ihn an.

Nach anfänglichem Zögern nimmt Édouard Reda mit in seine Wohnung. Zunächst lieben sie sich, "vier-, fünfmal", zwischendurch erzählen sie sich von ihren Familien. Als Édouard Reda später des Diebstahls bezichtigt, kippt die Stimmung. Reda stranguliert Édouard, hält ihm eine Pistole an den Hinterkopf, vergewaltigt ihn - am Ende vertreibt ihn der Gepeinigte aus seiner Wohnung.

Klage eines gewissen Ridah B.

Wie schon Louis' erster Roman wird "Im Herzen der Gewalt" heftig diskutiert, auch weil das Buch schon kurz nach seinem Erscheinen die Gerichte beschäftigt: Der echte Reda, ein gewisser Ridah B., wird anhand einer DNA-Spur identifiziert, verbringt elf Monate im Gefängnis und ist inzwischen auf Bewährung frei. Er bestreitet die Vergewaltigung und verlangt im Gegenzug Schadensersatz von Louis - erfolglos.

Dabei ist der Roman keine Anklage, er ist eine kunstvoll verschachtelte Analyse: Zum einen berichtet Hauptfigur Édouard von seiner Schreckensnacht. Zum anderen lässt er seine (fiktive) Schwester zu Wort kommen, die ihrem Mann von dem Übergriff berichtet. Die beiden werden dabei von Édouard belauscht, was er wiederum innerlich kommentiert. Der Bruder wie die Schwester auch, versuchen Reda zu verstehen und werfen einen Blick auf den tief in der Gesellschaft verwurzelten Rassismus.

Greifbares Gefühlschaos

Sprachlich ist "Im Herzen der Gewalt" atemberaubend: Von der ersten Seite an wird der Leser von einem Erzählfluss, besser einer Stromschnelle mitgerissen. Die Angst, die Machtlosigkeit, das Gefühlschaos des Autors sind greifbar. Das Buch ist ganz anders geschrieben als "Das Ende von Eddy". Hier sind Louis' Schilderungen von Gewalt zwar auch schonungslos, im Ton aber fast sachlich und distanziert, so als wäre er gar nicht dabei gewesen was das Buch auf seine eigene Art ergreifend macht.

Herausragend ist in beiden Romanen, wie geschickt der Autor biografische Bezüge mit politisch-sozialer Kritik verbindet. Er, der den Aufstieg geschafft hat, ist weiterhin mit denen verbunden, die "unten" sind. Beide Romane sind zutiefst politisch - sie machen Édouard Louis zu einem der wichtigsten Gesellschaftskritiker seiner Generation.

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Édouard Louis wurde am 30. Oktober 1992 als Eddy Bellegueule in Hallencourt (Region Hauts-de-France) geboren. Seinen Schulabschluss machte er in Amiens, später zog er zum Studium an der École normale supérieure nach Paris, wo er weiterhin lebt und arbeitet.

  • "Das Ende von Eddy". Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, Frankfurt, 18,99 Euro, ISBN 978-3100022776
  • "Im Herzen der Gewalt". Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, Frankfurt, 20 Euro, ISBN 978-3-10-397242-9
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