Yasmina Reza
Yasmina Reza Bild © Imago

Die Terroranschläge und die jüngsten Wahlen haben Frankreich tief verändert. Mehrere prominente Autoren zeigten sich besorgt über den zunehmenden Populismus in ihrem Land. Die "Macron-Euphorie" teilen sie nicht (ganz).

Star-Autorin Yasmina Reza zeigte sich bei ihrem einzigen öffentlichen Auftritt im Frankfurter Schauspielhaus "erstaunt über die unterschiedliche Wahrnehmung von Emmanuel Macron im In- und Ausland". Das sei so wie in Italien, als der junge Matteo Renzi mit 39 Jahren zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Damals hätten alle in Frankreich einen solchen dynamischen Politiker an der Spitze der Regierung gewünscht. Rezas italienische Freunde und viele anderen Italiener seien dagegen von Anfang an wenig begeistert gewesen von Renzi.

Reza sieht Macron zwiespältig

Natürlich sei die Wahl Macrons zum neuen Präsidenten Frankreichs und der Sieg seiner Bewegung eine große Veränderung für ihr Land, meinte Reza. Viele Franzosen hoffen, dass er Erfolg hat. Tatsächlich sei Macron jung, unverbraucht und ein attraktiver junger Mann. "Ich bin mir aber nicht sicher, ob er einen neuen Wind bringt", zeigte sich die 58 Jahre alte Autorin von "Der Gott des Gemetzels" und "Babylon" (Dumont) skeptisch.

Reza gehört zu den wenigen Schriftstellern, die mit dem konservativen Staatschef Nicolas Sarkozy sympathisierten. Sie schrieb 2007 mit "Frühmorgens, abends oder nachts" ein Portrait von Sarkozy verpackt als Wahlkampf-Tagebuch. "Er war in seiner Widersprüchlichkeit eine äußerst reizvolle und dramatische Figur."

Marie NDiaye hingegen hat wegen Sarkozy das Land verlassen - aus Protest gegen seine harte Einwanderungspolitik. "Nach den Wahlen hatte ich keine Lust mehr, in Frankreich zu leben, und ging nach Berlin", sagt sie gegenüber buchmesse.ARD.de. Sie nannte damals das Frankreich von Sarkozy abscheulich und lieferte sich einen verbalen Schlagabtausch mit konservativen Politikern.

NDiaye beunruhigt über Aufstieg der Front National

Inzwischen ist die 50 Jahre alte Schriftstellerin, die 2009 den renommierten Prix Goncourt für ihr Werk "Drei starke Frauen" erhielt, nach Frankreich zurückgekehrt, bleibt aber auf Distanz zur Politik. "In Frankreich hat sich vieles zum Schlechten verändert", beklagt sie. Besonders der Aufstieg der rechtsextremen Front National macht ihr Sorge.

Auch die Darstellung der neuen "Première Dame" in den Medien fand sie unglaublich. Die Presse hätte ständig nur über den großen Altersunterschied zwischen Brigitte und Emmanuel Macron berichtet. Dass US-Präsident Donald Trump eine 24 Jahre jüngere Frau hat, rege niemanden auf.

Französische (Frauen-)Revolution

NDiaye schreibt in ihren Romanen gern über starke Frauen. In ihrem neuesten Buch "Die Chefin - Roman einer Köchin" (Suhrkamp), schildert sie, wie eine Frau aus bescheidenen Verhältnissen zur Chefköchin eines Top-Restaurants in Bordeaux aufsteigt und einen Stern bekommt. "In Frankreich gibt es immer mehr Chefköchinnen, die mit Sternen ausgezeichnet werden."

Mit der Diskriminierung und Befreiung der Frauen beschäftigt sich auch Radikalfeministin und Skandal-Autorin Virginie Despentes. In ihren Romanen zeigt sie die harte Wirklichkeit der Prostitution und Pornoindustrie. Für Furore sorgte Despentes mit "Baise-moi" (Fi** mich), wo zwei Frauen wahllos Sex haben und mordend durch Frankreich ziehen.

Despentes beschreibt die Islamisierung der Submilieus

Ihr neuestes Buch "Vernon Subutex" (Kiepenheuer & Witsch) ist eine Art Gesellschaftsportrait über das Pariser Drogen- und Musik-Submilieu. Darin zeigt sie, wie die Islamisierung und der Aufstieg der Rechtsextremen den Alltag auch in den Randschichten beeinflussen. Auf der Buchmesse äußerte sich Despentes gegenüber buchmesse.ARD.de schockiert über die zunehmende Popularität der Front National und den wachsenden Rassismus. Mitschuld an dieser Entwicklung sei Sarkozy. Zudem hätten die Eliten versagt

Eher über den islamischen Terror zeigt sich Autor, Filmregisseur und Theaterbesitzer Eric Emmanuel Schmitt beunruihigt. Seit den Terroranschlägen von Paris kämen "30 Prozent weniger Besucher ins Theater", beklagte Schmitt am Rande der Buchmesse. Er betreibt das Théatre Rive Gauche in Paris.

Das gespaltene Frankreich

Ein gespaltenes Frankreich sieht die Westschweizerin Pascale Kramer, die in Paris lebt. "Die Terroranschläge haben die Spaltung noch verstärkt", meint sie. Die einen seien für ein offenes Frankreich, die anderen fürchten eine Überfremdung. In "Autopsie des Vaters" (Rotpunktverlag) thematisiert sie das Schicksal afrikanischer Flüchtlinge. Nach der Ermordung von zwei Sans-Papiers in einem Vorort von Paris mischt sich ein linker Radiojournalist ein, der sich später das Leben nimmt.  

Ob sich Schriftsteller ähnlich engagieren sollen, ist unter ihnen umstritten. Während Virginie Despentes eine Einmischung in gesellschaftliche Themen propagiert, sieht Delphine de Vigan die Literatur nicht als "Ort für politisches Engagement". Auf der Buchmesse hat sie ihr Buch "Nach einer wahren Geschichte" (Dumont) präsentiert.

"Immer ein bisschen heimatlos"

Die Identifizierung mit ihrem Land fällt einigen französischen Autoren denn auch schwer. Zumal viele von ihnen selbst Kinder von (geflüchteten) Einwanderern sind. Yasmina Reza zum Beispiel ist Tochter einer jüdischen Ungarin und eines Iraners, die beide dort nie aufgewachsen sind. "Ich war immer ein bisschen heimatlos, aber das machte mir nichts aus. Ich habe mich im Exil eingerichtet und leide nicht darunter."