Stand mit der Beschriftung France auf der Frankfurter Buchmesse
Nicht nur Frankreich, sondern die französische Sprache, die von 270 Millionen Menschen gesprochen wird, steht auf der Buchmesse im Vordergrund. Bild © Imago

Mehr Lesetipps vom Ehrengast Frankreich gefällig? Wir haben unter anderem grummelige Gedanken von "Enfant terrible" Michel Houellebecq, einen rasanten Road-Trip auf der Suche nach einer legendären Gitarre und ein dramatisches Zeugnis der Terror-Nacht im Bataclan für Sie gelesen.

Michel Houellebecq "In Schopenhauers Gegenwart"

Sonja Süß (hessenschau.de): Für alle, die auf einen weiteren großen Roman von Houellebecq hoffen: "In Schopenhauers Gegenwart" ist kein Roman. Vielmehr ist es ein Protokoll des lauten Nachdenkes von Houellebecq über seinen Lieblingsphilosophen, und damit über die Frage, warum Kunst? Und warum macht der Künstler nicht einfach nichts?

Cover Michel Houellebecq In Schopenhauers Gegenwart
Bild © Dumont

"Und dann brach in wenigen Minuten alles zusammen", schreibt Houellebecq über seine Entdeckung des deutschen Philosophen, als er gerade Mitte zwanzig war und glaubte, schon alles Relevante gelesen zu haben. Was folgt, ist die Geschichte einer Verehrung und der Versuch, einer Selbsterklärung mit den Worten eines anderen.

Die Zitate Schopenhauers nehmen in dem Bändchen fast so viel Raum ein wie die beigefügten Erläuterungen Houellebecqs. Es ist keine systematische Annäherung an das Schaffen Schopenhauers, mehr eine Houellebecqsche Lektürehilfe. Mit Schopenhauer teilt der Autor einen hoffnungslosen Blick auf den Menschen, der oft genug die eigene Dummheit nicht zu überwinden vermag.

Houellebecq lässt analytische Schärfe vermissen, er ist kein Philosoph, aber der Leser erfährt in seinem Essay etwas über die Person Houellebecq - und zwar von ihm selbst, jenseits der Porträtversuche anderer, in denen er nicht selten als genialer, aber unnahbarer und desillusionierter Misanthrop gezeichnet wird.

"Es zerrt allmählich an meinen Nerven, in einer Ära der Mittelmäßigen zu leben", schreibt Houellebecq, "umso mehr, wenn man sich selbst außerstande sieht, das Niveau wieder anzuheben." In Schopenhauer hat Houellebecq einen Mitstreiter in der Betrachtung der Welt gefunden. Dass er selbst das Niveau literarischen Schaffens der Gegenwart längst angehoben hat, beweisen seine äußerst erfolgreichen Romane besser als dieses Essay.

Jean-Paul Didierlaurent "Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky"

Cover Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky
Bild © dtv

Caroline Wornath (hessenschau.de): Sie sind auf der Suche nach einer leichten Lektüre mit liebenswerten Hauptpersonen, die miteinander eine Geschichte erleben, die zu Herzen geht? Dann greifen Sie zu "Der unerhörte Wunsch des Monsieur Dinsky" von Jean-Paul Didierlaurent.

Manelle Flandin und Ambroise Lanier sind zwei ungewöhnliche junge Menschen, deren Wege sich möglicherweise niemals gekreuzt hätten, wäre da nicht der 82-jährige Samuel Dinsky. Manelle hilft dem alten Herrn als Angestellte eines Pflegedienstes den Alltag möglichst eigenständig zu bewältigen. Ambroise hat mit Lebenden nicht viel zu tun, er kümmert sich als Leichenpräparator mit Hingabe um die Toten.

Als Dinsky von seinem Arzt der baldige Tod prognostiziert wird, beschließt der alte Herr eine letzte Reise zu unternehmen. Manelle soll
ihn begleiten und eher zufällig sind auch Ambroise und seine fidele Oma mit von der Partie. Auch wenn Tod und Sterben über jeder Seite des Buches schweben, so ist es doch ein heiteres Loblied auf das Leben.

Jean Echenoz "Unsere Frau in Pjöngjang"

Ruth Fühner (hr2-kultur): "Unsere Frau in Pjöngjang" von Jean Echenoz ist eine verspielte Parodie auf die politischen Konflikte der Gegenwart und die Rolle der Geheimdienste darin. Ein Geheimdienstgeneral auf dem absteigenden Ast will eine Spionin nach Nordkorea schicken, um seinen letzten Coup zu landen.

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Cover Jean Echenoz "Unsere Frau in Pjöngjang"

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Möglichst hübsch, möglichst ahnungslos und leicht lenkbar soll sie sein. Dafür wird Constance entführt, die nach verschiedenen irren und kuriosen Wirrungen irgendwann in Pjöngjang auf einen Vertrauten des Diktators Kim Jong-un trifft.

Die Geschichte ist eine absurde Anhäufung von fehlschlagenden Plänen, ein einziger Anschlag auf die Psychologie des Genres. So ist da der Ehemann von Constance, der erpresst wird, darauf aber nicht reagiert und sich stattdessen mit einer anderen Frau vergnügt. Oder Constance, die sich gut mit ihren Entführern versteht.

Echenoz schildert die Verhältnisse in Nordkorea ungeschönt, dennoch bleibt immer der parodistische Ton - zumal der französische Geheimdienstobere davon überzeugt ist, dass das nordkoreanische Regime irgendwie dem globalen Gleichgewicht dient und man das auch nicht aus der Balance bringen sollte.

Das Thema des Romans ist ernst, der Erzähler lässt sich davon aber nicht weiter einschüchtern. Indigniert stellt er fest, es gäbe unwahrscheinliche Wendungen und wahrscheinlich Absurditäten, aber so sei eben die Wirklichkeit. Der Roman ist kein ernstes, sondern ein leichtgewichtiges Lesevergnügen.

Aurélie Silvestre "Wir werden glücklich sein"

Lisa Landau (hessenschau.de): Der Terror hat ihr ihre große Liebe genommen: Beim Anschlag auf das Bataclan in Paris starb Aurélie Silvestres Lebensgefährte. Zu dieser Zeit ist sie gerade schwanger mit ihrem zweiten gemeinsamen Kind. Wie soll man es ertragen, dem Sohn beizubringen, dass der Vater nie wiederkommt? Wie weiterleben in einer Stadt und Wohnung, in der jeder Gegenstand Erinnerungen und Schmerz hervorruft?

Cover Aurélie Silvestre "Wir werden glücklich sein"
Bild © Diana

"Wir werden glücklich sein," flüstert sie ihrem Liebsten zu, als sie sich im rechtsmedizinischen Institut von seiner Leiche verabschiedet. Ganz zart und voller Liebe schildert Silvester ihren Lebensgefährten Matthieu, setzt ihm mit diesem Buch ein Denkmal.

Silvestres aufgeschriebene Erinnerungen sind so emotional, dass es schwer ist, mehr als ein paar Seiten am Stück zu lesen. Zu groß der Kloß im Hals und der Schmerz in den Schilderungen, den man nachfühlen kann. Und trotzdem ist dieses Buch gleichzeitig durchdrungen von Mut und Lebensfreude.

In Frankreich wurde "Wir werden glücklich sein" zum Bestseller. Silvestre gibt den Angehörigen der Terror-Opfer ein Gesicht und macht klar: Wieder glücklich werden und sich noch mehr lieben - das ist der einzige Weg, um auf Terror zu reagieren. Auch, wenn es noch so schwer ist.

Grégoire Hervier "Vintage"

Julian Moering (hessenschau.de): Grégoire Herviers "Vintage" ist das perfekte Buch für Leseratten und Fans gitarrenlastiger Rock- und Bluesmusik. In dem Roman des französischen Schriftstellers begibt sich der junge Musiker und Journalist Thomas Dubré auf die Suche nach einer sagenumwobenen E-Gitarre, der Gibson Moderne aus dem Jahr 1957. Man sagt, Jimi Hendrix habe sie gespielt, aber bis heute ist nicht sicher, ob diese Gitarre überhaupt jemals existiert hat.

Cover Vintage Grégoire Hervier
Bild © Diogenes

Ein reicher schottischer Sammler, der behauptet, einst im Besitz des legendären Instruments gewesen zu sein, schickt Thomas auf einen abenteuerlichen Road-Trip durch mehrere Länder, um die angeblich gestohlene Gitarre wiederzubeschaffen. Unser Held besucht ein Grusel-Haus am Loch Ness, das einst Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page gehörte, trifft auf einen merkwürdigen Elvis-Imitator, verrückte Musikliebhaber und jede Menge andere zwielichtige Typen, die alle etwas mit Musik zu tun haben. Dabei spinnt Hervier die Legende um die Gibson Moderne weiter, verleiht ihr dunkle und mystische Seiten - fast wie die Suche nach dem Heiligen Gral. Und ganz nebenbei führt er den Leser liebevoll durch die Geschichte des Blues und Rock.

"Vintage" ist ein ziemlich lässiger Roman, der die Leidenschaft Lesen mit der Faszination Musik verbindet. Sprachlich ist "Vintage" durchaus anspruchsvoll und mit Liebe zum Detail geschrieben: So sind etwa die Kapitel wie ein Song aufgebaut, mit Intro, Strophe, Refrain, Bridge und Solo. Aber auch Leser ohne gesteigertes Interesse für Rockmusik können durch die spannende Handlung und immer wiederkehrende Krimi-Elemente auf ihre Kosten kommen.

Valérie Zenatti "Jacob, Jacob"

Stephan Loichinger (hessenschau.de): Eine berührende Geschichte aus dem Algerien zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts, knapp 200 Seiten kurz, doch einigermaßen komplex. Es geht um Jacob Melki, den vierten und jüngsten Sohn einer jüdischen Familie in der Stadt Constantine, einst Ort der höchsten Brücken der Welt. Jacob könnte studieren, er ist sanftmütig und schön, hat ein Auge für die Schwächeren und unterscheidet sich auch sonst vor allem von seinen männlichen Verwandten.

Cover Jacob, Jacob Valerie Zenatti
Bild © Schöffling & Co

Sein Leben nimmt eine jähe Wendung, als er 1944 von der französischen Armee, der Armee also der Kolonialherren, eingezogen wird. Dort fliegen ihm die Kugeln um die Ohren, dort lernt er die Kälte des Winters und die Wärme einer Frau kennen. Selbst ein offenes Ohr findet er, als er sich seine Verzweiflung von der Seele reden muss.

So wie Jacob schildert die in Nizza geborene Autorin Valérie Zenatti auch andere Mitglieder der Familie Melki als Einzelgänger, freilich deutlich knapper. Ebenso den Kampf der arabischen Algerier um die Unabhängigkeit ihres Staates von Frankreich, bei dem ihre jüdischen Mitbewohner auf Seiten der Kolonialherren standen und bald darauf ihre Heimat verließen in Angst um ihr Leben.

Zenatti erzählt die Geschichte einer Entfremdung auf mehreren Ebenen. Manchmal reißt sie sie nur an, was zur Folge hat, dass der zweite, deutlich kürzere Teil rastlos und etwas drangeklatscht wirkt an den ersten, der Jacob in schier endlosen, schwindelig machenden Schachtelsätzen auf seinem Weg aus der engen elterlichen Wohnung ins kriegsumtoste Europa begleitet. Die Sätze biegen mal hier, mal dort ab, schwenken abrupt von einer Figur zur anderen und sind hier nicht Ausdruck eines Bewusstseinsstroms (Zenatti bedient sich eines allwissenden Erzählers), sondern symbolisieren die Wirrungen des Lebens: neben Entfremdung und dem beinah willkürlichen Umgang der französischen Kolonialherren mit den jüdischen Algeriern das dritte große Thema des Romans, der 2015 den "Prix du Livre Inter" gewann.

Ausführlich erzählt wird, wenn es wichtig und beispielhaft wird: der brutale Umgang des Vaters mit dem rebellischen Neffen Jacobs, Jacobs erste Liebesnacht, die Trauer seiner Mutter um den jüngsten Sohn im Krieg, die Brücken der für ihre Brücken berühmten Altstadt von Constantine. Zenatti schreibt das so herzerwärmend und mit so viel Verve auf, dass trotz aller geschilderten Tode und Grausamkeiten am Ende ein Gefühl die Trauer bezwingt: Liebe, natürlich.

Didier Eribon "Rückkehr nach Reims"

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Cover Didier Eribon "Rückkehr nach Reims"

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Susanne von Schenck (hr2-kultur): Der Tod seines Vaters stellte Didier Eribons Leben vollkommen auf den Kopf - nicht, weil er ihn sonderlich mochte, das hatte er noch nie, sondern weil sein Tod dazu führte, dass er sich seiner sozialen Scham stellte und wieder mit der Vergangenheit auseinandersetzte.

In "Rückkehr nach Reims" beschreibt Eribon autobiografisch, wie er in seine Heimatstadt Reims zurückkehrt und sich mit seiner Mutter alte Fotos anschaut. Als Sohn eines homophoben Fabrikarbeiters und einer Putzfrau wollte der homosexuelle Soziologie-Professor seine Vergangenheit hinter sich lassen und sich neu erfinden. Doch nun holt ihn alles wieder ein: Der gewalttätige Vater, die erniedrigen Beschimpfungen, die Formen von Gewalt wegen seiner Homosexualität und der Spagat eines Jungen zwischen seinem Milieu und der Kultur des Lernens.

Leïla Slimani "Dann schlaf auch du"

Sonja Süß (hessenschau.de): Was wissen wir über den anderen? Die ehrliche Antwort ist, meist sehr wenig. Wem würden wir unsere Kinder anvertrauen? Sehr wenigen. Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani reizt in ihrem Roman diese Frage zum Äußersten aus: Eine junge Pariser Familie stellt ein Kindermädchen ein, damit die Eltern arbeiten gehen können. Und dieses Kindermädchen bringt irgendwann die ihr anvertrauten Kinder um. Scheinbar plötzlich, bestialisch, mit einem Küchenmesser sticht sie auf die Kleinkinder ein. Das Grauen schleicht sich als Unbehagen an, doch am Ende steht die Frage, was wussten die Eltern eigentlich über die Person, deren Dienste sie bezahlen und der sie ihr Liebstes anvertrauen? Fast nichts.

Cover Leila Slimani Dann schlaf auch du
Bild © Luchterhand

Das Dilemma der jungen Familie ist so alltäglich wie schwer zu lösen: Die Mutter möchte wieder arbeiten, eine Karriere als Anwältin haben, das Muttersein alleine macht sie schwermütig. Sie machen sich die Entscheidung nicht leicht, eine Frau für sich arbeiten zu lassen, um selbst arbeiten zu können. Das Pariser Milieu der Eltern ist das der Parieser Bohème, eines von Bildung, Reflektiertheit, Karriere - und selbst die eigene Bürgerlichkeit wird noch ständig mitreflektiert.

Sie finden Louise. Louise ist, wie ein gutes Kindermädchen sein soll: Sie kümmert sich aufmerksam um die Kleinen, sie putzt mehr, als sie müsste, kocht wunderbar und bleibt immer länger, ohne zu klagen. Die beiden Kinder, mit denen Louise weit mehr Zeit verbringt als ihre Eltern, nennen sie Nounou, das französische Wort für Kindermädchen ist wie ein Kosewort, bei dem schon der Klang alles Böse unterbindet. Louise dringt in die Wohnung und das Leben der Familie ein, sie bringt Bedürfnisse mit, die sie nicht äußert, sie will dazugehören und am liebsten, dass noch ein Kind geboren wird, das dann fast ihr gehören soll. Sie nimmt sich immer mehr Raum, aber bekommt nicht, wonach sie sich sehnt.

Spätabends geht Louise zurück in ihr Leben, weit weg von den schönen Stadtteilen, dahin, wo Paris hart und dreckig ist. Sie haust in einer Wohnung, die mehr ein Loch ist - und selbst das kann sie nicht bezahlen. Ihr Leben ist unerträglich, während sie tagsüber dafür sorgt, dass das von anderen es nicht ist. Die Eltern verlieren das Gefühl dafür, dass Louise eine bezahlte Arbeitskraft ist und nicht nur aus Liebe handelt - und Louise verliert mit der Zeit ihre Liebe zu den Kindern, die sie hütet. Slimani bringt den Horror ins Alltägliche. In Frankreich war "Dann schlaf auch du" ein Bestseller.

Jean-Christophe Bailly "Fremd gewordenes Land - Streifzüge durch Frankreich"

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Cover Jean-Christophe Bailly "Fremd gewordenes Land. Streifzüge durch Frankreich"

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Martin Maria Schwarz (hr2-kultur): Mit "fremd" meint Bailly eine Justierung in seinem Kopf - entweder, weil er bewusst Orte aussucht, die weit davon entfernt liegen, was man kennt, oder weil er sich in bekannte Landschaften, Flüsse, Städte und Monumente so lange hineindenkt, bis sie vor seinen Augen verschwimmen und ganz andere Zusammenhänge sichtbar werden.

Bailly hat die Fähigkeit, gerade die Nicht-Sehenswürdigkeiten sehenswert zu machen, sucht unbedeutende Orte und schreibt ihre Weltgeschichten auf. Seine 34 Kapitel sind fordernde Lektüre, überfordernd sogar, wenn sich der Leser schnelle Erkenntnis wünschen sollte.

Sein Wissen gibt er in oft verschlungenen Sätzen wieder, somit teilt er nicht die Essenz seines Denkens sondern eher seinen Gedankenfluss mit - darauf muss man sich einlassen wollen.