Margaret Atwood in der Frankfurter Paulskirche
Margaret Atwood bei der Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche. Bild © picture-alliance/dpa

Die Schriftstellerin Margaret Atwood ist in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Sie sei eine "Messerwerferin mit Röntgenblick", hieß es in der Laudatio.

Ihre ersten Dankesworte in der Paulskirche spricht eine sichtlich gerührte Margaret Atwood auf Deutsch, wechselt dann aber bald ins Englische. "Geschichten haben es in sich", sagte die Preisträgerin am Sonntag. "Sie können das Denken und Fühlen der Menschen verändern - hin zum Besseren, aber auch zum Schlechteren."

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Die 77-Jährige mit den grauen Locken und der roten Brille hat die Lacher auf ihrer Seite, als sie selbstironisch und verschmitzt ihre kindliche Suche nach ihrem Traumberuf beschreibt.

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Mit 16 schließlich habe sie begonnen, "wild darauf loszuschreiben", warum wisse sie nicht. "Schreiben ist zu einem Großteil der Versuch zu ergründen, warum Menschen tun, was sie tun." Mit Verweis auf US-Präsident Trump und die politische Situation in den USA sagte sie: "Wir wissen nicht genau, wo wir sind. Wir wissen auch nicht mehr genau, wer wir sind." Amerika gelte nicht mehr als Symbol für Freiheit und Demokratie. "Das ist vorbei."

Mehr als 30 Jahre nach seinem Erscheinen sei ihr Roman "Der Report der Magd" nun wieder aktuell geworden. Von Männern kontrollierte Parlamente setzten sich zum Ziel, die Uhren zurückzudrehen - "am liebsten ins 19. Jahrhundert".

Atwood hat in dem 1985 erschienenen Roman eine totalitäre Gesellschaft beschrieben, in der eine christlich-fundamentalistische Gruppe mit Gewalt an die Macht kommt. Frauen werden wie Gebärmaschinen behandelt, benutzt und unterdrückt. "Die Bürger eines jeden Landes müssen sich jetzt die Frage stellen: Wie wollen wir leben?"

"Politisches Gespür und Hellhörigkeit"

Margaret Atwood sei eine der bedeutendsten Erzählerinnen der Gegenwart, begründete der Stiftungsrat die Preisvergabe an die Kanadierin. In ihren Werken zeige sie "politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen".

Über die Jahrzehnte hat die studierte Literaturwissenschaftlerin mehr als 50 Bücher geschrieben. Neben meist dystopischen Romanen veröffentlichte sie Gedichte, Kurzgeschichten, Essays, Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Opern-Libretti, Kinderbücher und Comics.

Vom Wassertropfen bis zur Sturmflut

In ihrer Laudatio bezeichnete die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse die Preisträgerin als "dramaturgisches Genie mit Röntgenblick und der Präzision einer Messerwerferin". An Romanen wie "Der Report der Magd" werde deutlich, wie sehr Atwood die Verbindung von Literatur und gesellschaftspolitischer Analyse gelinge.

Margaret Atwood, Eva Menasse, Monika Grütters
Friedenspreisträgerin Margaret Atwood (r.) erhält Applaus von ihrer Laudatorin Eva Menasse (Mitte) und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU, l.) Bild © picture-alliance/dpa

"Wo Margaret Atwood einen unruhigen Wassertropfen sieht, kann sie voraussehen und vorauserzählen bis zur Sturmflut." Menasse nannte Atwoods Erzählungen "realistisch, wahrhaftig und immer ein wenig beispielhaft". Ihr Werk zeige besonders gut, "wie Literatur sein muss, um auch eine politische Wirkung zu entfalten".

"Mahnerin für Frieden und Freiheit"

In seiner kurzen Ansprache erinnerte Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller sich an einen Besuch bei Atwood in Kanada. Mit einem Seufzer habe sie gesagt: "Ich bin wohl der einzige Mensch, der von Donald Trump profitiert." Ihre Romane erleben eine Renaissance, ein Run auf ihre Bücher hat eingesetzt. Kein Wunder, so Riethmüller. "Wenn wir spüren, dass die Welt aus der Lot zu geraten scheint, greifen wir zu Büchern. Wir hoffen, Rat und vielleicht auch Trost zu finden."

Riethmüller würdigte Atwood als "Mahnerin für Frieden und Freiheit". Mit ihren Romanen öffne die Autorin uns die Augen dafür, "wie düster eine Welt aussehen kann, wenn wir unseren Verpflichtungen für ein friedliches Zusammenleben nicht nachkommen".

"Idealtyische Botschafterin für den Friedenspreis"

Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) nannte Atwood eine "idealtyische Botschafterin für den Friedenspreis". Er wisse nicht, ob Bücher die Welt verändern können, sagte Feldmann zu Atwood gewandt: "Wir Leser können aber sagen, dass Ihre Bücher die Welt verändert haben."

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Die Emotionen, die Bücher auslösen könnten, seien wichtig für die Welt. "Wir brauchen weniger Trump und mehr Nächstenliebe, Frieden." In Frankfurt, der langjährigen Partnerstadt von Toronto, sei kein Platz für Ausländerfeindlichkeit und Rassismus.

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Friedenspreis zum zehnten Mal an eine Frau

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen in der Bundesrepublik. Es gibt ihn seit 1950. Geehrt wird eine Persönlichkeit, die in Literatur, Wissenschaft oder Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat.
Verliehen wird die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Dachverband der Buchbranche. Die Preisträger werden von einem Stiftungsrat mit einfacher Mehrheit gewählt. Vorschläge kann jeder einreichen. Atwood ist erst die zehnte Frau, die den Preis erhält. Vergangenes Jahr ging der Preis an die deutsche Publizistin Carolin Emcke.

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