Studenten blockieren im Mai 1968 aus Protest die Universität Frankfurt.
Studenten blockieren im Mai 1968 aus Protest die Universität Frankfurt. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Studentenstreik, Häuserkampf, Straßenschlachten: Fast 50 Jahre ist es her, da erschütterte die 68er-Revolte Deutschland. Ein neues Buch arbeitet die Ereignisse in Frankfurt auf. Wie von hier aus neue Ideen die Republik eroberten, erzählen die Autoren im Interview.

Claus-Jürgen Göpfert, Ressortleiter Frankfurt und Rhein-Main bei der Frankfurter Rundschau und Bernd Messinger, Grünen-Veteran, kennen sich seit Jahrzehnten. Jetzt haben sie ein gemeinsames Buch geschrieben: "Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968" heißt es und berichtet von einem ereignisreichen Jahr in der Mainmetropole. Nicht nur wegen des 50. Jahrestages der Studentenrevolte musste dieses Buch geschrieben werden, erzählen die beiden im Interview.

hessenschau.de: Herr Göpfert, Herr Messinger: Es gibt schon viele Bücher über die 68er-Bewegung. Was war für Sie der Anlass, Ihres zu schreiben?

Bernd Messinger: Nach der 68er-Revolte gewannen Themen wie kulturelle Offenheit, Emanzipation, Gleichberechtigung von Homosexuellen oder die Überwindung nationalstaatlichen Denkens kontinuierlich an Bedeutung. Eine Generation besetzte über Jahrzehnte die Themen der Aufklärung und Weltoffenheit. Und jetzt gibt es plötzlich einen Bruch.

hessenschau.de: Stichwort Pegida, Brexit und Trump.

Messinger: Der Europa-Gedanke steht in Frage, die Errungenschaften der Emanzipation sollen zurückgedreht werden, Rechte von Schwulen und Lesben werden diskutiert. Eine rechte Gegenbewegung ist entstanden, die zudem versucht, 68er-Begrifflichkeiten zu kopieren. Sie spricht von "Anti-Establishment-Politik", will "gegen die Verkrustung" vorgehen und dies gleichzeitig mit einer reaktionären Politik koppeln. Da denke ich: Mein Gott, das dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Und noch leben Zeitzeugen, die vermitteln können, was die ertrotzten Werte tatsächlich wert sind.

Böll, Adorno, Unseld
Der Schriftsteller Heinrich Böll, der Soziologie-Professor und Philosoph Theodor W. Adorno und der Verleger Siegfried Unseld (v.l.) bei einer Veranstaltung gegen die Notstandsgesetzgebung der damaligen Bundesregierung. Adorno war einer der geistigen Väter der 68er-Bewegung. An den Notstandsgesetzen entzündeten sich viele Proteste. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Claus-Jürgen Göpfert: Dann ist natürlich auch ein ganz wesentlicher Punkt, dass  das Kapitel Frankfurt noch nicht so beleuchtet war. Beim 50. Jubiläum im kommenden Jahr werden wieder alle über Berlin reden. Wir wollten zeigen: Frankfurt ist mindestens das zweite Zentrum gewesen …

Messinger: … das erste!

hessenschau.de: Was hat Frankfurt zur 68er-Bewegung beigetragen?

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Biografien

Claus-Jürgen Göpfert (geb. 1955 in Wiesbaden) arbeitet seit 1976 als Journalist für Rundfunk und Print. Seit 1985 ist er Redakteur bei der Frankfurter Rundschau und leitet inzwischen die Ressorts Frankfurt und Rhein-Main. Bernd Messinger (geb. 1952 in Hasselbach/Taunus) war Landtagsabgeordneter der Grünen und Vizepräsident des Hessischen Landtags (1982-1987), später arbeitete er im Presseamt der Stadt Frankfurt und war Büroleiter der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU).

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Göpfert: In Frankfurt ging es intellektueller zu als an anderen Orten. Hier lehrte Adorno, an dem sich die Bewegung in einer Art Hass-Liebe abgearbeitet hat. Dann lebte der intellektuelle Kopf der Bewegung, Hans-Jürgen Krahl in Frankfurt - der berühmte "Robespierre von Bockenheim". Was gerne vergessen wird: Hier war das Zentrum des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, hier gab es ganz wichtige Anfänge der Frauenbewegung. In Frankfurt wurde der Weiberrat gegründet, die erste Gruppe von Frauen, die keine Männer mehr dabei haben wollte.

Daniel Cohn-Bendit 1968
Daniel Cohn-Bendit (re.) am 24. Mai 1968 vor streikenden Studenten. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Messinger: Daniel Cohn-Bendit hat aus Frankreich außerdem ein spezielles anarchistisches, freiheitlich-undogmatisches Moment mitgebracht. Und es gab in Frankfurt eine viel stärkere Beziehung zum Aufbruch in Osteuropa als in anderen Städten, in denen eine antikommunistische Haltung eher verpönt war. Nach Frankfurt kamen nach dem Prager Frühling Menschen wie der Filmemacher Pavel Schnabel und Milan Horacek und haben aus eigener Erfahrung anti-totalitäre Ansichten mitgebracht. Das alles war Frankfurt, und das ist vielleicht alles gar nicht so präsent.

hessenschau.de: Sie waren damals beide Teenager. Wie haben Sie die Zeit selbst erlebt?

Göpfert: Wir sind als Gymnasiasten immer von Wiesbaden nach Frankfurt gefahren, weil in Wiesbaden gar nichts los war. Wobei wir damals noch nicht viel verstanden haben. Ja, da war etwas mit Vietnam. Ja, es gab eine Art Aufstand.

Messinger: Ich war damals 16, und es kamen die ersten Referendare an unser Gymnasium, die in der Vor-68er-Zeit sozialisiert worden sind. Das war für uns Schüler eine echte Sensation. Da kamen Leute, mit denen man reden konnte. Unser Deutschlehrer hat mit uns Grass, Lenz oder Böll gelesen. Der hat uns für Bücher begeistert. Bis dahin hatten wir Lehrer, die noch in der Nazi-Zeit ausgebildet waren. Schule war teilweise ein richtiger Horror…

Göpfert: … wo wir noch mit dem Lineal gezüchtigt wurden. Ich war an einem sehr konservativen Gymnasium. Mein Sportlehrer hat in seinem alten Wehrmachtsmantel Unterricht gegeben. Und wir mussten die alten Lieder der Hitlerjugend singen.

Proteste 1968
Tausende Studenten protestierten 1968 gegen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den senegalesischen Präsidenten Lépold Séar Senghor. Die Demonstranten warfen ihm vor, sich nicht klar genug zu den Unabhängigkeitskämpfen und zur Hungersnot in Biafra (Nigeria) zu positionieren. Bild © picture alliance / AP Images

hessenschau.de: Pünktlich zum 30. Jubiläum der Bewegung übernahmen 1998 mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer die Alt-68er die Regierung der Bundesrepublik. Wie desillusionierend war das?

Cover Göpfert Messinger Das Jahr der Revolte
Bild © Schöffling

Messinger: Es gab vor allem heftige Diskussionen um die Frage militärischer Interventionen. 25 Jahre nach 68 gab es im Römer 1993 eine Diskussionsrunde mit Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer. Zu der Zeit hatte Fischer noch viel pazifistischere Ansichten, während Cohn-Bendit schon damals die internationale Verantwortung Deutschlands betont hat. Für mich war danach Fischers politischer Wandel, der stark vom Völkermord in Srebrenica geprägt wurde, das Prägnanteste, was ich aus der Zeit mitgenommen habe.

Göpfert: Es gab auch Diskussionen darüber, ob eine Art Bürokratisierung der 68er stattgefunden hat. Dass das freiheitliche Denken in Gesetzeslogik gepresst wurde. Aber die Fragen von Krieg und Frieden, das hat unsere Generation bewegt.

hessenschau.de: Wo sind die 68er gescheitert?

Messinger: Die Bewegung hätte sich viel früher  und schärfer mit der Gewalt und dem Terror der RAF auseinandersetzen müssen. Es gab viel zu lange eine indifferente Beziehung zwischen den 68ern und der RAF. Es hat bis 1976 gedauert, bis Joschka Fischer in seiner berühmten Rede auf dem Römerberg für die Frankfurter Linken einen Schlussstrich gezogen hat.

hessenschau.de: Hätte es dann weniger Gewalt, weniger Tote gegeben?

Messinger: Ich weiß es nicht. Vielleicht, wenn die Protagonisten nicht das Gefühl gehabt hätten, es gibt zumindest eine partielle Solidarität. Das ist rückblickend schwer zu sagen.

hessenschau.de: Sie sagten eingangs, Sie haben das Buch geschrieben, weil viele Errungenschaften der 68er inzwischen in Frage gestellt werden. Was aber wird von ihnen bleiben?

Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger (v.l.)
Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger (v.l.) Bild © privat (Messinger), peter-juelich.com

Messinger: Ich glaube, das Denken, das bornierte nationalstaatliche Sichtweisen überwunden hat, wird sich nicht zurückdrehen lassen. Ich glaube auch, dass sich die Frauen das, was sie erkämpft haben, nicht mehr nehmen lassen. Und ich glaube, trotz allem, was aus dem Osten - und nicht nur von dort - an Angriffen auf Homosexuelle auf uns zukommt, das wird auch nicht zurückgedreht - zumindest auf absehbare Zeit. Wenn man über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte redet, weiß man nie, wohin die Entwicklung geht.

Göpfert: Eine ganz wichtige Errungenschaft ist auch, dass sich die Deutschen nicht mehr ohne Weiteres für den Krieg begeistern lassen. Auch die Demokratisierung und Mitbestimmung auf unterschiedlichen Ebenen werden bleiben. Nicht zu vergessen der kulturelle Impuls, der von den 68ern in Richtung Musik, Theater oder Verlage ausgegangen ist.

hessenschau.de: Finden Sie, dass diese Werte vehement genug verteidigt werden, zum Beispiel durch die Pulse-of-Europe-Bewegung?

Messinger: Ich glaube schon, dass die Menschen mehr und mehr merken, dass es etwas gibt, was es zu verteidigen lohnt. Ich betrachte die jetzige Generation überhaupt nicht mit Skepsis.

Göpfert: Die muss ihren eigenen Weg finden. Es wäre falsch, das von oben herab zu bewerten. Ich glaube auch nicht, dass die heutige Generation unpolitisch ist. Das erlebe ich ganz anders. Sie drückt sich nur anders aus. Das muss man akzeptieren, jede Generation hat ihre eigene Form.

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Kurzkritik

Die Autoren zeichnen die Chronologie des Jahres 1968 in Frankfurt nach, lassen Zeitzeugen wie den ehemaligen Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit (Grüne) zu Wort kommen und porträtieren wichtige Frankfurter Protagonisten und Organisationen. Das tun sie mit einem Hauch von Nostalgie, an den entscheidenden Stellen aber auch mit der nötigen kritischen Distanz. Wenig schmeichelhaft ist zum Beispiel, was Göpfert und Messinger über den oft mystifizierten RAF-Mitbegründer Andreas Baader schreiben. Spannend sind die Abschnitte über bislang wenig beleuchtete Organisationen wie das Sozialistische Anwaltskollektiv oder die Rolle der Frankfurter Theater. Fazit: absolut lesenswert, nicht nur für Frankfurter.

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Das Gespräch führte Sonja Fouraté.