Ein lesendes Mädchen liegt bäuchlings im Gras.
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Gefährliche Spurensuche nach einem Filmriss, eine Reise in ein magisches Wunderreich oder Youtuber LeFloid, der Jugendlichen Demokratie erklärt. Teenager zum Lesen zu bringen, ist nicht immer einfach. Mit diesen Titeln kann es gelingen.

Ursula Poznanski "Aquila"

Cover Ursula Poznanski Aquila
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Es ist ein Albtraum. Die 19-jährige Nika wacht in ihrem WG-Zimmer in Siena auf und hat einen totalen Filmriss. Ihr Schlüssel und ihr Ausweis sind verschwunden, auch ihr Handy fehlt. Noch dazu hat jemand die Wohnungstür abgeschlossen und von ihrer Mitbewohnerin Jenny fehlt jede Spur. Einzig ein Zettel mit merkwürdigen Notizen, den Nika in ihrer Hose findet, könnte Licht ins Dunkel der verlorenen Tage bringen. Sie begibt sich auf eine gefährliche Spurensuche, die dramatische Wahrheiten enthüllt.

Mit "Aquila" ist Ursula Poznanski einmal mehr ein fesselnder Jugendbuchthriller gelungen, den auch Erwachsene gerne zur Hand nehmen können. Die allerdings dürfen kein allzu rasantes Erzähltempo erwarten. Die gefundenen Indizien setzen sich recht gemächlich zu einem Gesamtbild zusammen. Gestreute Finten, die den Leser zeitweilig daran zweifeln lassen, ob die Guten tatsächlich eine reine Weste haben, werden rasch wieder aufgelöst. Dass die Protagonistin aus Erwachsenen-Sicht im Umgang mit der Polizei nicht besonders clever agiert - geschenkt. Alles in allem eine gute Geschichte, an deren Ende man gerne eine Reise nach Siena unternehmen möchte, um die Schauplätze genauer unter die Lupe zu nehmen.

Dounia Bouzar "Djihad, mon ami"

Cover Dounia Bouzar Djihad, mon ami
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Wer sich jemals gefragt hat, wie es sein kann, dass junge Menschen sich in kürzester Zeit radikalisieren und sich dem IS anschließen, sollte dieses Jugendbuch von Dounia Bouzar lesen. Es ist die fiktive Geschichte der Freundinnen Camille und Sarah. Camille, die mit dem Islam eigentlich nichts zu tun hat, gerät über die Internet-Recherche für ein Referat in Kontakt mit Islamisten. Wie geschickt und mit welch perfiden Methoden die Hintermänner vorgehen, um Jugendliche einzulullen und für den IS zu rekrutieren, schildert Bouzar erschreckend nüchtern aus den zwei Perspektiven der beiden Mädchen.

Ganz nah dran an der Realität ist Bouzars Geschichte, denn die Autorin arbeitet als Beraterin für Jugendliche und zeigt ihnen Wege aus politischer und religiöser Radikalisierung auf. Mit "Djihad, mon ami" ist ihr ein Buch gelungen, das informiert, aufklärt und für das Problem der Radikalisierung sensibilisiert. Dabei verzichtet sie nahezu auf den erhobenen Zeigefinger und auf Vorwürfe. Einzig in der Rolle des Vaters, der hilflos wütet, werden Reaktionen aufgezeigt, die Jugendliche in ähnlicher Situation erwarten dürften. Kluges Gegengewicht bilden Mutter und beste Freundin, die mit Hilfe von Experten zeigen, wie man es besser macht. Ein guter Ratgeber für ein Thema, das immer wichtiger wird und in das uns meist die Einblicke fehlen.

Martin Schäuble "Endland"

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Cover Martin Schäuble Endland

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Hadwiga Fertsch-Röver (hr2-kultur): Der Thriller "Endland" von Martin Schäuble handelt von einem Deutschland in naher Zukunft, in dem eine rechtsnationale Partei, die nationale Alternative, regiert. Die Grenzen werden dicht gemacht, um Flüchtlinge aus Krisen- und Hungergebieten abzuwehren und Europa und der Euro sind zerfallen. Die Wehrpflicht wurde auch wieder eingeführt, um die Grenzsicherung zu gewährleisten. Im Mittelpunkt des Romans steht der junge Soldat Anton, der von einer rechten Gruppe angestiftet wird, sich als Flüchtling zu tarnen und in einem Asylheim einen Anschlag zu verüben. Dieser soll dann den Flüchtlingen zur Last gelegt werden.

Der Jugendroman soll in erster Linie aufklären und setzt deswegen auf drei Identifikationsfiguren: Anton, den rechten Soldaten, seinen Freund Noah, der Widerstand leistet, und Fana, eine Krankenpflegerin, die aus Äthiopien geflüchtet ist. Manchmal sind die Figuren jedoch sehr holzschnittartig und prototypisch angelegt, manche Situationen zu weit hergeholt. Der Roman ist spannend zu lesen, aber insgesamt doch sehr didaktisch, sehr eindeutig, was Gut und Böse angeht. 

John Boyne "Der Junge auf dem Berg"

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Cover John Boyne Der Junge auf dem Berg

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Bianca Schwarz (hr2-kultur): Die Geschichte von "Der Junge auf dem Berg" von John Boyne beginnt in Paris, wo der siebenjährige Pierrot lebt.  Seine Mutter ist Französin, sein Vater ein vom ersten Weltkrieg schwer traumatisierter, deutscher Soldat. Pierrots bester Freund ist der jüdische Junge Anschel, mit dem er glückliche Kindertage verbringt. Doch eines Tages nimmt sich sein traumatisierter Vater das Leben, auch seine Mutter stirbt bald und er kommt zu seiner Tante Beatrix, die auf dem Berghof, der Sommerresidenz Hitlers, als Haushälterin arbeitet. Adolf Hitler findet schnell Gefallen an dem Jungen, gibt ihm Wertschätzung und verändert den kleinen Pierrot bis dieser zu Peter wird, einem Jungen, der sich für was Besonderes hält, seine französische Herkunft verleugnet und brutal und eiskalt mit Untergebenen umgeht. Er verehrt den Führer und lernt, selbst seine schlimmsten Taten zu rechtfertigen.

Der Junge auf dem Berg lässt sich in zwei Teile gliedern. Der erste ist reine Fiktion, der zweite gut recherchiert. Jedes Kapitel greift etwas auf, das sich tatsächlich auf dem Obersalzberg ereignet hat – von Verrat, über Mord und emotionale Eiseskälte. Zu verfolgen, wie Pierrot vergisst, wer er ist, wie er seine Menschlichkeit verliert, wie er Hitler so beeindruckend findet, ist ergreifend und erschreckend zugleich.  Die Frage, die im Laufe der Lektüre immer lauter durch die Zeilen schallt, ist die Frage nach der Schuld. Nicht nur nach der Schuld von Pierrot, sondern stellvertretend nach der Schuld der Menschen, die sich in Hitlers Bann ziehen ließen.  

"Der Junge auf dem Berg" ist ein Kinder- und Jugendbuch, das nicht nur Kinder und Jugendliche lesen sollten.

Rafik Schami "Sami und der Wunsch nach Freiheit"

Cover Rafik Schami Sami und der Wunsch nach Freiheit
Bild © Beltz

Dieses Buch ist zauberhaft. Rafik Schami zeichnet in "Sami und der Wunsch nach Freiheit" die Geschichte der Freunde Sami und Scharif und ihre Kindheitserlebnisse in Damaskus nach. Scharif gelingt als junger Erwachsener die Flucht aus Syrien und in Deutschland angekommen, erzählt er dem Schriftsteller Rafik Schami von seinem besten Freund Sami, mit dem er wie ein Bruder aufwuchs.

Sami ist ein mutiger, abenteuerlustiger Junge, der gegen Unrecht kämpft und mit einem großen Herzen gesegnet ist - mit Platz für viel Liebe und Verliebtheit. Dies bringt ihn nicht nur ein ums andere Mal in Schwierigkeiten, sondern sorgt auch für körperliche Narben, von denen jede ihre eigene Geschichte hat. Wie nebenbei erfährt man Details über Syrien und den Ausbruch der Revolution.

Rafik Schami ist ein Erzählkünstler, dem es mit wenigen Worten gelingt, den Leser in eine ihm bis dato fremde Welt zu ziehen. Behutsam und ohne Hast reiht Schami Geschichte für Geschichte aneinander und schafft ein lebendiges Bild von Freundschaft und der Sehnsucht nach Freiheit.

Ross MacKenzie "Das Wunderreich von Nirgendwo"

Cover Das Wunderreich von Nirgendwo
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Der schottische Autor Ross MacKenzie öffnet in seinem Buch "Das Wunderreich von Nirgendwo" die Tür zu einem fantastischen Haus mit unzähligen Räumen. Als Daniel auf der Flucht vor fiesen Typen aus der Nachbarschaft davonläuft, rettet er sich in ein geheimnisvolles Geschäft. Dessen Inhaber erkennt in dem Jungen einen Meister der Fantasie und nimmt ihn unter seine Fittiche. Für Daniel öffnet sich eine Welt voller Magie und Gefahren, denn auch im Wunderreich gibt es fiese Typen und dort kann Davonlaufen lebensgefährlich sein.

Für sein Wunderreich wurde Ross MacKenzie in Schottland mit Preisen dekoriert - zurecht. Er erschafft eine Welt voller Magie und Merkwürdigkeiten. Anfangs verwirrende Zeitsprünge zu Geschehnissen der Vergangenheit ergeben nach und nach ein Bild, und die Rätsel lösen sich. Dies alles mit einem Spannungsbogen, der für angehende Jugendliche perfekt dosiert ist. Nicht zu gruselig, aber eben auch kein Babykram. Ein Buch, bei dem die Fantasie Purzelbäume schlägt.

LeFloid "Wie geht eigentlich Demokratie" #FragFloid

Cover LeFloid Wie geht eigentlich Demokratie
Bild © Fischer KJB

Wie kann man des Interesse junger Leute für Politik wecken? Der Youtuber LeFloid klärt in seinem neuen Buch "Wie geht eigentlich Demokratie" die Grundlagen, die es sonst im Sozialkundeunterricht zu vermitteln gilt. Grundgesetz, Wahlen und Parteienlandschaft: Der 30-Jährige erläutert Schritt für Schritt worauf Demokratie und Politik in Deutschland fußen.

Das ist solide gemacht, gut strukturiert und mit Grafiken anschaulich aufbereitet, erinnert in Teilen aber dennoch an ein Schulbuch - nur dass LeFloid ab und an um die Ecke schaut. Sehr gelungen sind die Interviews mit Politikern mit Fragen, die sich wahrscheinlich auch Erwachsene schon mal gestellt haben. Was macht zum Beispiel eine Generalsekretärin genau? Und darf man als Oppositionspartei eigentlich auch mal mit der Regierung einer Meinung sein? Witzig sind die regelmäßig eingeschobenen Funfacts. So wurde angeblich noch kein einziges Kaugummi unter den Tischen und Stühlen des Plenarsaals gefunden. Kaum zu glauben!