Protest gegen rechte Verlage
Vertreter des Börsenvereins demonstrierten auf der Buchmesse gegen Rassismus. Bild © Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Buchmesse-Organisatoren werden zu Demonstranten auf ihrer eigenen Veranstaltung und OB Feldmann versetzt einen Messestand-Tisch: Die Präsenz rechter Verlage auf der Frankfurter Buchmesse sorgt für Aufregung - und für eine ungeplante Begegnung vor laufenden Kameras.

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In Halle 3.1 in Reihe G der Frankfurter Messehallen wurde es am Mittwochvormittag eng. Hier hat der rechte Verlag Antaios seinen Stand. Bücher wie "Gibt es Germanen?", "Völkerpsychologie" oder "Identitär!" liegen in den Regalen. Am Stand schräg gegenüber lauten die Titel "Lagebild Antisemitismus", "Gaming und Hate Speech" oder "Vom Willkommen zum Ankommen". Das ist kein Zufall: Die Organisatoren der Buchmesse haben dem Antaios-Verlag als Gegengewicht die Amadeu-Antonio-Stifung als Nachbarn zugewiesen.

Börsenverein verteidigt umstrittenen Verlagsstand

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels steht zu seiner Entscheidung, rechte Verlage nicht von der Buchmesse auszuschließen. "Meinungsfreiheit umfasst alle", sagt Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins. "Aber es ist unsere Pflicht, laut und deutlich für unsere Werte und gegen Rassismus einzutreten." Deshalb ist Buchmesse-Organisator Skipis am Mittwoch als Demonstrant in der Messehalle 3.1 unterwegs. Er und etwa zwei Dutzend andere Mitglieder des Börsenvereis oder Verlagsvertreter halten Protestschilder hoch: "Gegen Rassismus" oder "Freiheit und Vielfalt" ist darauf zu lesen.

Die Mitarbeiter der Antonio-Stiftung unterstützen die Aktion und begrüßen gleichzeitig die Entscheidung des Börsenvereins, Antaios und andere rechte Verlage zuzulassen. "Sonst wären wir nicht besser als die", finden die Stiftungs-Mitarbeiter. Sie wollen lieber das Gespräch mit den Mitarbeitern des Antaios-Verlags suchen. "Unser erster Versuch ist allerdings knapp ausgefallen, es kam keine Reaktion", berichten sie.

Die Messebesucher seien dafür umso gesprächiger und diskussionsfreudiger. Eine öffentliche Diskussion, zu der der Antaios-Verlag die Mitglieder der Antonio-Stiftung in einem offenen Brief aufrief, lehnt die Stiftung allerdings ab: Eine Bühne wolle man der Neuen Rechten nicht bieten.

OB Feldmann kritisiert Börsenverein

Ein paar Meter weiter hat die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank ihren Stand. Gedränge auch hier: Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat sich angekündigt - und wettert, kaum angekommen, gegen die "Fehlentscheidung des Börsenvereins", rechte Verlage zuzulassen. Die Organisatoren seien "zu passiv", man müsse, "die Vielfalt, die wir in Frankfurt leben, ernstnehmen".

Aktion "Mund auf" auf der Buchmesse
Aktion "Mut- Mutiger - Mund auf!" auf der Buchmesse Bild © hr

Lachend lässt er sich von einem Mitarbeiter der Bildungsstätte knipsen, genauer gesagt: seinen Mund. Denn die Bildungsstätte hat die Aktion "Mut – Mutiger – Mund auf!" gestartet, mit der sie für eine tolerante Gesellschaft eintreten will. Mit Mund-Fotos im Netz und Buttons auf der Messe. "Wir wollen nicht die Rechte auf die Zielscheibe setzen, sondern der Mehrheit eine Stimme geben", sagt Meron Mendel von der Bildungsstätte. Die Aktion wird von so unterschiedlichen Organisationen wie dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), dem Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft oder dem Haus am Dom unterstützt. Und vom Oberbürgermeister.

"Sie wollen mit mir über Demokratie sprechen?"

OB Peter Feldmann bei der "Mund auf"-Aktion
Zupackend: OB Feldmann versetzt einen Tisch. Bild © hr

Der schnappt sich schließlich kurzerhand einen kleinen Tisch mit "Mund auf"-Buttons und Flyern und trägt ihn zum Antaios-Stand. Deren Geschäftsführer Götz Kubitschek beobachtet das Geschehen interessiert. Einige seiner Mitarbeiter haben sich inzwischen auch schon "Mund-auf"-Buttons angesteckt. Intoleranz sei etwas sehr Gefährliches, sinniert Kubitschek, der als einer der Vordenker der neuen Rechten gilt. "Manchmal ist es schwierig, mit der Intoleranz der Toleranten zu leben."

Am Morgen hatten Unbekannte 30 Bücher des Verlags mit Kaffeesatz und einer Art Zahnpasta verdreckt, wie der Verlag per Twitter mitteilte. Man werde Anzeige erstatten. Mit Gegenwind habe er gerechnet, gibt sich Kubitschek gelassen. Sein Verlag plant mehrere Veranstaltungen auf der Messe, unter anderem eine Gesprächsrunde mit dem bereits wegen Volksverhetzung verurteilten Autor Akif Pirincci.

Während Feldmann vor Fernsehkameras betont, er wolle auf der Messe Werbung für diejenigen machen, die für Meinungsvielfalt eintreten, stellt sich Kubitschek neben ihn ins Kamera-Licht. "Sie wollen mit mir über Demokratie sprechen?", fragt der Verleger, was Feldmann nur kurz aus dem Tritt bringt. "Man muss nicht auf alle Provokationen eingehen", sagt der OB den Journalisten zugewandt.