Publizistin Carolin Emcke bei der Verleihung des Friedenspreises in der Paulskirche
Publizistin Carolin Emcke bei der Verleihung des Friedenspreises in der Paulskirche Bild © picture-alliance/dpa

Früher hat Carolin Emcke die Friedenspreis-Vergabe mit ihren Eltern am Fernseher angeschaut. Am Sonntag (23.10.2016) bekam sie ihn selbst verliehen. In ihrer Rede ging es um Liebe, Fußball, Dragqueens - vor allem aber: uns alle.

Am Morgen vor ihrer Dankesrede für den Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche twitterte Carolin Emcke das Foto eines Powerriegels. "Hoffentlich hilft's", bemerkte dazu die lampenfiebrige Publizistin, die früher die Preisvergabe immer mit ihren Eltern am Fernseher verfolgt hatte.

Nun also sind die Kameras auf sie gerichtet. Und im Scheinwerferlicht hält die 49-Jährige eine energiegeladene Rede für eine demokratische und vielfältige Gesellschaft und gegen Ausgrenzung und Fanatismus.

"Reden, aber nicht heiraten?"

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Dabei wird die Preisträgerin ("Ich bin homosexuell") persönlich, als es darum geht, deutlich zu machen, was es heißt, Menschen immer wieder in Kategorien ein- und damit auch auszuschließen: "Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten und Kinder adoptieren dürfen wir nicht?"

Es ist eine der Botschaften ihrer halbstündigen Rede: die Menschen sind unterschiedlich, aber gleich an Rechten: "Verschiedenheit ist kein Grund für Ausgrenzung, Ähnlichkeit keine Voraussetzung für Grundrechte."

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Und weil das kompliziert klingt, fügt Emcke "für Paulskirchen-Verhältnisse mal etwas salopp" als Beispiel an, sie sei Fan von Borussia Dortmund und habe weniger Verständnis für Schalker. "Und doch käme ich nie auf die Idee, Schalker Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen."

"Dafür sind wir alle zuständig"

Ihre zweite Botschaft ist: Der aktuelle Fanatismus beschädige nicht nur jene, die er sich als Opfer suche, sondern alle. "In Wahrheit geht es gar nicht um Muslime oder Geflüchtete oder Frauen." Die Fanatiker wollten alle einschüchtern, die sich einsetzten für die Freiheit des Individuellen.

Und weil alle gemeint seien, lasse sich die Antwort auf Hass und Verachtung nicht einfach nur an 'die Politik' delegieren, "dafür sind wir alle zuständig". Die Gesellschaft und jeder einzelne könne sprechend und handelnd eingreifen. "Da ist jeder und jede relevant", sagt Emcke, Dragqueens und Pastoren, Polizistinnen und Türsteher, Erzieher und Großeltern.

"Warum sollte es einfach zugehen?"

Ist so eine freie und demokratische Gesellschaft mühsam? "Ja. total", sagt Emcke. Wird es Konflikte zwischen verschiedenen Überzeugungen geben? "Ja, gewiss", sagt sie, "aber warum sollte es auch einfach zugehen."

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Immer wieder nach solchen Sätzen brandet Beifall in der Frankfurter Paulskirche auf. Am Ende erhebt sich das Publikum um Bundespräsident Joachim Gauck. Zuvor hatte Emcke gesagt: "Sie wollen uns einschüchtern, die Fanatiker, mit ihrem Hass und ihrer Gewalt, damit wir unsere Orientierung verlieren und unsere Sprache."

Nun ist klar: Ihre Rede war ein Powerriegel für jene, die sich einer offenen Gesellschaft verpflichtet fühlen. Zumindest heute hat's geholfen.

Hoffentlich hilft's #friedenspreis