Cover Marie NDiaye "Die Chefin"

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Ruthard Stäblein (hr2-kultur): In "Die Chefin" von Mari NDiaye verliebt sich ein Jungkoch in seine Chefin – und je mehr sie sich ihm entzieht, desto mehr verliebt er sich und desto mehr möchte er von ihr erfahren. Manchmal erzählt die Dame, die auch die Schmeicheleien ihrer Gäste und Gastro-Kritiker nicht ertragen kann, ein wenig, doch alles andere erfährt der junge Mann von ihren Bekannten, die er ausfragt.

Die Chefin ist in armen Verhältnissen aufgewachsen, kommt mit 15 Jahren zu einer Familie der Bourgeoisie, die eine Essenskultur pflegt, wie sie es nur in Frankreich gibt. Irgendwann, wie das Leben manchmal so spielt, steht sie in der Küche der Familie, sie ist die geborene Köchin – und durch ihr Essen wird die Familie zu einer besseren. Und obwohl es zu der Zeit der 60er immer mehr von der Opulenz und Fleischeslust hin zur schlanken und schlichteren Nouvelle Cuisine geht, ist es bei der Chefin anders – sie verbindet das Unbekannte mit dem Unerwarteten.

Der Erzähler hat selbst nur eine Ausbildung zum Koch und spricht manchmal rhetorisch gewandt wie ein Memoirenschreiber des 17. Jahrhunderts. Marie NDiaye benutzt erlesene Wörter mit präzisen Bedeutungen und kräftigen Kontrasten, sie pflegt einen raffinierten Satzbau mit gegenläufigen Rhythmen. "A la bonheur" heißt das Restaurant der Chefin – das heißt so etwas wie "gut so", "genau richtig", "geglückt" – und das kann man auch über den Roman sagen.