Depeche Mode in Frankfurt
Gebt mir eure Liebe: Sänger Dave Gahan (rechts) und Hauptsongschreiber Martin Gore von Depeche Mode am Dienstag in Frankfurt. Bild © Imago

Dienstagabend, ausverkaufte Commerzbank-Arena in Frankfurt: Mehr als 40.000 Menschen sind gekommen, um Depeche Mode zu feiern. Ein enthusiastisches Publikum trifft auf eine hochmotivierte Band in Topform.

Die Sonne scheint gleißend auf die Sitzplätze gegenüber der Bühne, der halbe Innenraum ist noch sonnenbeschienen. Nicht unbedingt das ideale Setting für ein Depeche-Mode-Konzert, zumal es die Tour zur neuen CD "Spirit" ist, die insgesamt recht düster und weltgrüblerisch ausgefallen ist und die Frage aufwirft, wo es zur nächsten Revolution geht.

Ein kurzer Einspieler eines Beatles-Klassikers ("You say you want a revolution") greift das Thema auf, und als die Band fast pünktlich um 20.45 Uhr auf die Bühne kommt, stehen die Massen im Innenraum schon gut verdichtet, ein Menschenmeer bricht in Jubel aus. Mit "Going backwards" und "So much love" werden gleich zwei neue Songs präsentiert und mit frenetischem Jubel aufgenommen. Das Konzert geht quasi von null auf hundert, für Band und Publikum.

Gahan flirtet mit den Massen

Anders als bei Konzerten dieser Tour in Leipzig oder Berlin trägt Sänger Dave Gahan kein rotes, sondern ein dunkelgraues Jacket und keine roten, sondern silbern glitzernde Cowboy-Boots. Gut, das sieht weniger nach altem Tangotänzer und mehr nach Depeche Mode aus. Und nach Lied eins ist das Jacket entsorgt, der Oberkörper bis auf eine Weste freigelegt.

Gahan scheint ganz bei sich zu sein, bespielt die gesamte Bühne mit bester Laune, charismatisch, offen und einnehmend, lächelt und flirtet in die Massen. Gut zu erkennen auf den beiden riesigen LED-Monitorwänden rechts und links neben der Bühne. Gahans Gegenspieler – oder seine bessere Hälfte - Martin Gore steht mit seiner Gitarre links am Bühnenrand, schwarze Klamotten, schwarze Fingernägel, er hat seinen Platz und strahlt ungeheure Präsenz aus.

Gahan amüsiert mit Hip-Hop-Zitat

Die Band spannt musikalisch einen weiten Bogen von 1983 bis 2017, fünf Lieder der plus Zugaben insgesamt 22 Titel stammen vom neuen Album "Spirit", der Rest verteilt sich auf neun weitere Alben, wobei von "Violator" (1990) und "Songs of Faith and Devotion" (1993) jeweils drei Titel dabei sind. Bei "Barrel of a Gun" (Ultra, 1997) erheitert Gahan das Publikum mit einem Texteinsprengsel von Grandmaster Flashs "The Message" - kleiner Gruß in die Oldschool-Hip-Hop Ecke.

Einige Songs sind von Videos begleitet, die allerdings eher ablenken, und ein wenig von der Stimmung absorbieren. Am besten ist die Wirkung, wenn die LED-Wände die Band in Aktion zeigen, denn bei der Größe des Stadions kann ohnehin kaum jemand die Menschen auf der Bühne erkennen.

Im Mittelteil die Martin-Gore-Festspiele

Während Dave Gahan auf der Bühne und ihrem laufstegartigen Ausläufer in das Publikum den Pfau gibt und mit den Armen rudert, stolziert, mit dem Po wackelt, sich in seine Posen wirft, lockt und animiert, ist der Hauptsongschreiber Martin Gore der Fixstern am Bühnenrand. Als er seine Stimme zu "A Question of Lust" erhebt, nur vom Klavier begleitet, ist das einer der Gänsehautmomente der gut zwei Stunden dauernden Show. Die Stimme glasklar, der Sound in dem großen Stadion einwandfrei, das ist zart und stark.

Mit "Home" legt Gore gleich noch einen nach, diesmal mit Bandbegleitung. Der Mittelteil des Konzertes gehört ihm, das ist so anders als Gahans Performance, und im Publikum meint man die Ergriffenheit bis in die letzte Ecke des Stadions zu spüren.

80.000 Hände in der Luft

Das wenig später folgende "Where is the Revolution" vom neuen Album wird auch gefeiert, wenn auch nicht so stark. Zu diesem Zeitpunkt könnte die Band Kinderlieder präsentieren und die Massen würden toben. Die Lust am Depeche-Mode-Kult und am Abfeiern dieser Band-Institution ist einfach zu groß. Allerdings: In Revolutionsstimmung ist in der Commerzbank-Arena vermutlich niemand.

Ab Lied 14, "Everything Counts", das seit über zehn Jahren nicht mehr im Programm war, wird es auch langsam dunkel im Stadion. Das ist zwar für den Gesamteindruck schöner, allerdings war das Publikum bis in die letzte Reihe trotz Sonne von Minute eins an zu 100 Prozent dabei. Das hat vor vier Jahren mit derselben Band im selben Stadion nicht so gut geklappt. Mit "Stripped" und "Enjoy the Silence" strebt das Programm dem Höhepunkt entgegen, bei "Never Let Me Down Again" bieten mehr als 40.000 Menschen eine gleichförmige Choreografie mit den Armen, angeleitet vom Zeremonienmeister Gahan – hier fasziniert die schiere Masse.

Publikum und Band begeistert und dankbar

Als Zugabe serviert Martin Gore "Somebody" und Dave Gahan singt eine liebevoll-schräge Version von David Bowies "Heroes", zu der seine Stimme perfekt passt. Die Bühne ist in warmes gelbes Licht getaucht, auf den bühnenhohen  LED-Bildschirmen wehen schwarze Flaggen – die Inszenierung ist perfekt, der Gruß an den im vorigen Jahr verstorbenen großen Bowie gelungen.

Mit "Personal Jesus" ist das Konzert dann schließlich nach gut zwei Stunden vorbei, die Fans spenden minutenlang frenetischen Applaus, die Band bedankt sich strahlend beim Publikum. Die Chemie hat einfach gestimmt an diesem warmen Sommerabend in Frankfurt.

Die nächste Gelegenheit, Depeche Mode live zu erleben, ergibt sich am 24.11.2017 in der Festhalle in Frankfurt.

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