Dim Sampaio - Auschwitz
Gleise nach Auschwitz-Birkenau, Screenshot von der d14-Ankündigung Bild © picture-alliance/dpa (Archiv), Dim Sampaio

Versöhnliches Ende im Streit um die documenta-Performance "Auschwitz on the beach": Sein Gedicht mit Holocaust-Vergleichen hat der Autor Franco Berardi öffentlich zerrissen. Dass er es geschrieben hat, bereut er nicht.

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documenta-Kurator Paul B. Preciado (li.) und Franco Berardi

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Auschwitz on the beach"-Performance entschärft

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Ihre geplante Kunstperformance mit dem Titel "Auschwitz on the beach" hat so viel Protest und Entrüstung hervorgerufen, dass die documenta-Künstler ihr Werk änderten. Am Donnerstagabend sollte es endlich im Fridericianum in Kassel aufgeführt werden, unter dem neuen Titel "Shame on us".

Anstatt dabei das Gedicht mit dem Holocaust-Vergleich vorzutragen, entschied sich der italienische Dichter Franco Berardi allerdings dafür, ein Statement abzugeben. "Ich weiß, es ist ein zu starkes Wort, Holocaust, es hat Menschen getroffen, die ich respektiere. Ich werde niemals mehr das Wort Gauleiter benutzen", sagte er vor rund 150 Zuhörern, die dicht gedrängt im Veranstaltungssaal saßen. Den Zettel, auf dem das Gedicht stand, zerriss er demonstrativ.

Das Künstlerteam um den Dichter Berardi, der für seine scharfe Kapitalismuskritik bekannt ist, hatte zuvor im Ankündigungstext für die Performance auf der Internetseite der documenta 14 geschrieben, die Europäer würden in Nordafrika Konzentrationslager für Flüchtlinge errichten und Gauleiter aus Libyen dazu benutzen, die Flüchtlinge zu vernichten. Das Salzwasser des Mittelmeeres sei "das neue Zyclon B" hieß es ebenfalls.

Berardi bereut Gedicht nicht

Auf diesen Text verzichtete Berardi zwar, bei der Veranstaltung am Donnerstagabend erklärte er dafür dann 20 Minuten lang, warum er ihn geschrieben hat. Dabei wurde er immer wütender, redete sich in Rage, ballte die Faust. Er wollte etwas Schockierendes tun, um die Menschen in Europa auf das Leid der Flüchtlinge im Mittelmeerraum zu stoßen, meinte Berardi. "Ich wollte den Namen Auschwitz als Schutzschild benutzen, gegen den Faschismus, der wiederkommt. Gegen den Holocaust, der am Horizont lauert!"

Berardi hob in seinem Vortrag hervor, dass er es keineswegs bedauere, das Gedicht geschrieben zu haben. "Mein Gedicht ist nicht schlecht, aber wenn es Leiden hervorruft, ist es nichts wert", sagte er. Die Bezeichnung der Veranstaltung "Shame on you" sei auf zahlreiche Zuschriften an ihn zurückzuführen, die mit dem Satz "Schämen sie sich!" endeten. "Ja, ich schäme mich, weil ich den Faschismus in Europa nicht stoppen kann", sagte er. 

Treffen mit jüdischer Gemeinde

Wenige Stunden vor Beginn der Veranstaltung hatten sich Vertreter der jüdischen Gemeinde und anderer zivilgesellschaftlicher Gruppen mit der documenta-Leitung und Berardi getroffen und sich über einen Verzicht auf den Vortrag des Gedichtes verständigt. An der Verstaltung konnten wegen begrenzter Plätze lediglich 150 Besucher teilnehmen, das Interesse aber war weitaus größer.

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Das etwa anderthalbstündige Gespräch mit Berardi sei sehr gut gewesen, sagte Eva Schulz-Jander, die ehemalige katholische Präsidentin der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, dem Evangelischen Pressedienst. "Herr Berardi kann zuhören und hat verstanden, was wir wollen", sagte sie.

Bündnis gegen Antisemitismus demonstrierte

Vor dem Museum Fridericianum protestierte während der Veranstaltung das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel gegen die documenta. Über Megafon sagt ein Sprecher, die Gleichsetzung des Holocaust mit der Situation der Flüchtlinge im Mittelmeerraum sei antisemitisch. Berardi würde die Ermordung der Juden in der Nazi-Zeit relativeren.

Auch Martin Sehmisch von der Informationsstelle Antisemitismus Kassel äußerte sich dazu entschieden: "Habt ihr von der documenta mal nachgedacht, wie das auf Überlebende der Schoa wirkt? Ich würde gerne sehr laut und deutlich von den Verantwortlichen hören, dass das ein Fehler war!"

Die geplante Performance hatte auch für politischen Wirbel gesorgt. Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) hatte bei documenta-Leiter Adam Szymczyk persönlich gegen die Performance protestiert und die Aktion in einem Gespräch mit dem hr eine "ungeheuerliche Provokation" genannt. Kunstminister Boris Rhein (CDU) sowie die jüdische Gemeinde Kassel hatten den Vergleich mit dem Holocaust ebenfalls heftig kritisiert.