documenta-Highlights
Kunst mit "Wow"-Effekt: Die Arbeit "A War Machine" (2017) des Peruaners Sergio Zevallos. Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

Die documenta in Kassel hat ihre Pforten geöffnet. hessenschau.de zeigt Ihnen sieben Werke, die Sie unbedingt anschauen sollten.

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zum Video Was die documenta zeigt

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Flucht, Unterdrückung, Unsicherheit und Gewalt sind die Hauptthemen der diesjährigen documenta. Das spiegelt sich vor allem in den eigens für die Weltkunstschau angefertigten Arbeiten wider. Insgesamt sind mehr als 160 Künstler bei der weltweit wohl wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst dabei. hessenschau zeigt Ihnen sieben Werke, die Sie nicht verpassen sollten.

Neue Post ("Neue Neue Galerie")

documenta-Highlights
Vor "77sqm_9.26min" sind schon am ersten Preview-Tag viele Besucher stehen geblieben. Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

Die meisten, eigens für die documenta 14 angefertigten Arbeiten sind in der Neuen Post (vom documenta-Team in "Neue Neue Galerie" umgetauft) in der Gießbergstraße [PDF - 4mb] zu finden. Der Betonbau steht fast leer oder wird von verschiedenen öffentlichen Diensten benutzt. In der ehemaligen Entladehalle, im hinteren Eck, findet sich ein erstes documenta-Highlight: Das Video "77sqm_9.26min" (2017) rekonstruiert die Ermordung des 21-jährigen Halit Yozgat in seinem Internetcafé im Jahr 2006.

Forscher des "Forensic Architecture Institute London" bezweifeln in dem Video, dass der damalige hessische Verfassungsschützer Andreas Temme von dem Mord durch den NSU nichts mitbekommen hat. Das Video ist auf drei Bildschirme aufgeteilt: Auf einem ist eine Zeitleiste zu sehen, auf dem anderen nachgestellte Szenen mit Schauspielern, auf einem anderen laufen Computeranimationen ab. Obwohl (oder gerade weil) es nüchtern gehalten ist, berührt das Video und lässt die Zuschauer wegen vieler offener Fragen kopfschüttelnd zurück.

documenta-Highlights
Kunst mit Gruselfaktor: "Pile o’ Sápmi" von Máret Ánne Sara. Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

Mit einer ganz anderen Ausprägung von Gewalt beschäftigt sich eine Künstlerin, die der Gemeinschaft der Sámi (Norwegen) angehört. Máret Ánne Sara hat einen morbiden Vorhang aus 300 Rentierschädeln mit Einschusslöchern (Pile o’ Sápmi, 2017) geknüpft. Sie erinnert damit an den Kampf der Sámi um die eigene Identität, zu der das Halten kleiner Rentierherden gehört. Die wiederum waren immer wieder von massenhaften Zwangskeulungen betroffen.

documenta-Halle

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Überreste echter Flüchtlingsboote in der documenta-Halle. Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

Eigentlich ist die Halle ein Highlight an sich. Hier verbindet sich Klangkunst mit Performances und raumgreifenden Installationen. Der mexikanische Künstler Guillermo Galindo macht in der Hohen Halle mit Wrackteilen von Booten (Fluchtzieleuropahavarieschallkörper, 2017) das Leid von Flüchtlingen greifbar.

  • When We Were Exhaling Image
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Berührend: "When We Were Exhaling Images" von Hiwa K. Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

Das ist auch Thema einer Arbeit des kurdischen Künstlers Hiwa K. vor der documenta-Halle: Hier hat er 20 Betonröhren (When We Were Exhaling Images, 2017) übereinandergestapelt, um an diejenigen zu erinnern, die im griechischen Hafen von Patras Flüchtlingen als Unterkunft dienten. Studenten der Kunsthochschule Kassel haben die Röhren innen wohnlich gestaltet.

Neue Galerie

Die Performance-Künstlerinnen Annie Sprinkle und Beth Stephens lockern die teils fast bieder-historisch daherkommende documenta-Präsentation in der Neuen Galerie auf. Zu sehen ist ein Video, auf denen sich die beiden Feministinnen mit der Erde verheiraten, außerdem Bilder, vergoldete Unterhosen oder Sex-Magazine (Arbeiten der Jahre 1973 bis 2017). Ein Highlight ist das Manifest "25 Ways to Make Love to the Earth", auf dem sie unter anderem fordern, Gewalt gegen die Erde zu unterlassen, sie zu küssen oder einen Nackttanz für sie aufzuführen.

documenta-Highlights
Annie Sprinkle und Beth Stephens zeigen, was frau mit Brüsten so alles machen kann. Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)
documenta-Highlights
Beate Zschäpe als Schrumpfkopf. Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

Provokant und atemberaubend ist die Arbeit "A War Machine" (2017) des Peruaners Sergio Zevallos im zweiten Stock der Neuen Galerie. Zavallos übernimmt pseudodokumentarisch die Schädelmaße, mit denen Ethnologen zu Kolonialzeiten beweisen wollten, dass "Wilde" von Natur aus dumm sind. Die Maße legt er an (vermeintlich) geborene Kriminelle an. Am Ende formt er Schrumpfköpfe - zum Beispiel vom mutmaßlichen NSU-Mitglied Beate Zschäpe. Aber auch von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen oder IWF-Chefin Christine Lagarde.

documenta-Highlights
Knallharte politische Kunst von Pélagie Gbaguidi, die auf den ersten Blick locker-bunt wirkt. Bild © Sonja Fouraté (hessenschau.de)

Ebenfalls im zweiten Stock findet sich eine Arbeit der senegalesischen Künstlerin Pélagie Gbaguidi, die auf den ersten Blick locker-bunt daher kommt. Von der Decke eines Seitengangs hängen bemalte Stoffbahnen, dazwischen stehen Schultische. Auf die Tische sind Schwarzweiß-Fotos geklebt, die es in sich haben: Es geht um Rassenhass und den "Code Noir", ein Dekret zur Sklavenhaltung aus dem Jahr 1685 - der "monströseste juristische Text der Moderne" (so Sorbonne-Professor Louis Sala-Molins). Titel der Arbeit ist denn auch: "The Missing Link. Dicolonisation Education by Mrs Smiling Stone" (2017). Auch das ist eine Arbeit, die documenta-Besucher gesehen haben sollten.