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Jubel nach 4.000 Kilometern: Vincent Keller (li.) und Leon Groß kurz nach ihrer Ankunft in Kassel. Bild © Leon Groß/Vincent Keller

Geschafft! Zwei Monate waren Vincent Keller und Leon Groß von Athen nach Kassel unterwegs - mit dem Fahrrad. Im Interview erzählen sie, wie sie ihr persönliches documenta-Projekt erlebt haben und warum es fast gescheitert wäre.

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Die Kasselaner Leon Groß und Vincent Keller hatten ihr ganz eigenes documenta-Projekt: Zur Eröffnung der Weltkunstschau in Athen starteten sie von dort, waren zwei Monate auf Fahrrädern in 14 Ländern unterwegs, schliefen im Zelt oder bei gastfreundschaftlichen Menschen und versorgten sich mit dem Gaskocher. Pünktlich zur offiziellen Eröffnung in Kassel beendeten sie ihre Tour: Jetzt sind sie wieder zu Hause.

hessenschau.de: Leon und Vincent, was habt ihr als erstes gemacht, als ihr in Kassel ankamt?

Vincent Keller: Als erstes? Gejubelt (lacht).

Leon Groß: Da kamen alle Emotionen hoch, das war schon ein besonderer Moment. Vorher gab es schon ein großes "Hallo!", denn wir wurden auf den letzten Kilometern von unseren Familien und ein paar Freunden begleitet. Dann standen viele Leute vor dem Parthenon der Bücher und haben uns zu unserer Reise befragt. Zwei Stunden später hatten wir ein Treffen mit Oberbürgermeister Bertram Hilgen, mit dem wir auch lange gesprochen haben.

hessenschau.de: Warum habt ihr eure Route mit der documenta verknüpft?

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Vincent Keller (li.) und Leon Groß kurz vor der Abfahrt mit zwei documenta-Künstlern aus Mali in Athen. Bild © Leon Groß/Vincent Keller

Leon Groß: Wir wurden von der documenta 13 "angefixt". Ich hatte in der Schule Kunst-Leistungskurs und zeichne selbst sehr gern. Deswegen hatte ich für die documenta auch eine Dauerkarte.

Vincent Keller: Die documenta 13 fand ich aus vielen Gründen toll. Dazu zählt, dass es eine documenta mit vielen öffentlich zugänglichen Ausstellungen war, die unter anderem in der ganzen Aue verteilt waren. Außerdem fand ich das Motto super, welches so viel hieß wie: aus Altem Neues machen.

hessenschau.de: Am Parthenon der Bücher habt ihr dann ein Buch gespendet. Welches?

Vincent Keller: Ja, wir hatten während der ganzen Reise das "Tagebuch der Anne Frank" dabei, das war unsere inhaltliche Verknüpfung zur documenta, die zu Bücherspenden für den Parthenon aufgerufen hat. Anne Franks Leben im Hinterhaus könnte kaum gegensätzlicher zu unserer Reise sein. Wir haben das große Privileg, uns frei bewegen zu können. Anne Frank war dagegen extrem eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit, sie lebte auf wenigen Quadratmetern.

hessenschau.de: Ihr wolltet auf der Tour auch über die documenta reden, hat das geklappt?

Vincent Keller: Wir sind oft gefragt worden, wie wir auf die Idee zu der Tour kamen, dann haben wir von der documenta und Kassel erzählt. Auch über Anne Frank haben wir wegen des Tagebuchs immer mal wieder gesprochen. Wäre es ein offizielles documenta-Projekt gewesen, hätten wir es wahrscheinlich öfter gemacht.

hessenschau.de: Ging denn alles glatt auf der Tour?

Leon Groß: Eigentlich schon. Drei Tage vor dem Ende, da hatten wir noch etwa 200 Kilometer vor uns, bin ich allerdings krank geworden und habe Fieber bekommen. Aber wir wollten es irgendwie schaffen. Wir wollten den letzten Tag kurz vor Kassel  verbringen, damit wir am Ende nicht so einen Stress haben. Wir sind tatsächlich nochmal 80 und einmal 100 Kilometer gefahren. Vincent hat mir meine Taschen abgenommen. Es war abenteuerlich.

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Ein Sturz in Montenegro endete in einer Freundschaft: Eine Familie half Leon Groß, sein kaputtes Fahrrad zu reparieren. Bild © Leon Groß/Vincent Keller

Vincent Keller: Wir waren kurz davor, abzubrechen. Das wäre ziemlich bitter gewesen, gerade weil wir eine so lange Strecke geschafft hatten.

Leon Groß: Vor allem, weil wir auf der ganzen Strecke keine Probleme hatten. Als wir durch Mazedonien und das Kosovo fuhren, da waren wir beide erkältet, aber ansonsten hatten wir keine Verletzungen, nichts. Vor allem gab es viele positive Überraschungen.

hessenschau.de: Welche?

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Die beiden Radfahrer in einer kosovarischen Großfamilie, die nicht verstehen konnte, wie man im Zelt schlafen kann. Bild © Leon Groß/Vincent Keller

Leon Groß: Wir haben eine unbeschreibliche Gastfreundschaft erlebt, gerade in Albanien und im Kosovo. Wir haben öfter Hausbewohner gefragt, ob wir unser Zelt in der Nähe aufschlagen dürfen, weil uns geraten worden ist, in der Nähe von Menschen zu bleiben. Da wurden wir mehrmals zum Essen oder Übernachten eingeladen. In Deutschland haben wir so etwas noch nicht erlebt…

Vincent Keller: … wobei wir dann eine Erfahrung gemacht ahben, die uns eines Besseren belehrt hat: Wir klingelten im strömenden Regen in Leising, 50 Kilometer vor Leipzig, an einem Haus und auch dessen Bewohner haben uns auf ihrem Dachboden übernachten lassen.

hessenschau.de: Ihr habt auch die Flüchtlingsroute gestreift. Was waren eure Eindrücke?

Leon Groß: Von der Flüchtlingskrise haben wir nichts mitbekommen. Wir haben keine Menschen gesehen, die unterwegs waren. Auch Flüchtlingslager muss man inzwischen gezielt suchen. In Belgrad haben wir den Bahnhof gesehen, wo im Winter viele Flüchtlinge gelebt haben, aber da war keiner mehr.

hessenschau.de: Hattet ihr die Gelegenheit, die documenta in Athen anzuschauen?

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Bauruinen waren bei schlechtem Wetter eine Übernachtungs-Alternative - hier in Albanien. Bild © Leon Groß/Vincent Keller

Leon Groß: Wir wollten eigentlich ins National Museum of Contemporary Art. Dort standen aber sehr viele Polizisten, weil dort auch gerade offizielle Eröffnung war, so dass wir ewig hätten warten müssen. Also sind wir doch schon einmal losgefahren - wir hatten einen straffen Zeitplan. In Kassel haben wir ja jetzt viel Zeit, die documenta zu besichtigen.

hessenschau.de: Bislang seid ihr noch nicht dazu gekommen?

Leon Groß: Bislang noch nicht, ich habe mich erstmal auskuriert. Außerdem war es sehr voll.

Vincent Keller: Ich arbeite jetzt da und werde mir unter der Woche die Zeit nehmen, wenn die Schlangen nicht so lang sind.

hessenschau.de: Euer Fazit: Würdet ihr so eine Tour nochmal machen?

Vincent Keller: Die Tour hat auf jeden Fall Lust auf mehr gemacht. Gerade mit dem Rad ist man ja sehr unabhängig, das macht einfach Spaß. Ich würde auch sagen, dass ich offener und unabhängiger geworden bin.

Leon Groß: So geht es mir auch. Wir persönlich haben auch die Lücke Balkan für uns gefüllt, das war vorher ein großer Fleck auf unserer Landkarte. Die nächste Reise werden wir aber nicht mehr so strukturiert planen, um auch mal spontan irgendwo länger bleiben zu können.

Das Gespräch führte Sonja Fouraté.

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