Röhrenskulptur und Parthenon der Bücher
Besucher drängen sich auf der documenta 14 vor der Röhren-Installation von Hiwa K. "Parthenon of books" der argentinischen Künstlerin M. Minujin. Bild © picture-alliance/dpa

Sieben Millionen Euro - so hoch soll das Defizit sein, das die eben beendete documenta 14 produziert hat. Woher das Finanzloch kam, darüber sollen Wirtschaftsprüfer am Donnerstag aufklären. Fest steht: Der Ärger ist groß, doch Defizite haben bei der Weltkunstschau fast schon Tradition.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das documenta-Defizit hat Tradition

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Kaum jemand kennt die Geschichte der documenta so gut wie der Kasseler Kunstsammler Hansjörg Melchior. Der 80-Jährige war zehn Jahre lang Vorsitzender des "documenta forums", eines Fördervereins für die Weltkunstausstellung.

Melchior, früher Urologe, hat dafür Spendengelder eingesammelt und zu Hause auch mal Künstler empfangen. Mit documenta-Gründer Arnold Bode (1900-1977) war er befreundet. Dass die aktuelle documenta in Kassel und Athen tiefrote Zahlen hinterlässt, ist für ihn keine Überraschung.

Streit um Einfluss und Geld

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"Von den bisher 14 documenta-Ausstellungen haben zwölf das Budget überzogen", erzählt er. "Bei den ersten vier sogar so stark, dass man Arnold Bode entmachtet hat." Der Maler und Kurator Bode hatte 1955 die erste documenta ins Leben gerufen und war dann drei Mal ihr alleiniger künstlerischer Leiter. Nach Streit um Einfluss und Geld erlebte Bode die vierte Ausstellung nur noch als Mitglied eines 24-köpfigen documenta-Rates.

Die fünfte documenta bekam im Jahr 1972 einen neuen künstlerischen Leiter: Harald Szeemann, wie Bode ein Star der Kunstszene. Doch auch er hinterließ ein Riesen-Loch: 800.000 Mark waren das damals, ein Skandal, erzählt Hansjörg Melchior, der auch Szeemann gut kannte: "Nach Harald Szeemann, den man vor Gericht stellen wollte, hat man die documenta gGmbH gegründet. Ein Geschäftsführer wurde eingestellt."

Dem Gefängnis entgangen

Letztendlich entging Szeemann dem Gefängnis, die Schulden wurden beglichen. Professionelle Geschäftsführer sollten das Finanzielle regeln und den künstlerischen Leitern auf die Finger schauen. Und das war gar nicht so einfach. Denn die Ausstellung wurde immer größer: Ausstellungsorte, jetzt zum Beispiel auch in Afghanistan, kosteten mehr Geld. Und doch endeten die documenta-Ausstellungen 2007 und 2012 ohne Defizit.

Das an sich war schon Kunst, vollbracht vom damaligen Geschäftsführer Bernd Leifeld. Der verabschiedete sich vor drei Jahren in den Ruhestand, die Kunsthistorikerin Annette Kulenkampff übernahm für ihn. Die aktuelle documenta sollte bahnbrechend sein: Zwei gleichwertige Standorte, Kassel und Athen, das gab es noch nie.

"Man hätte reden müssen"

Bahnbrechend, aber teuer, so das Fazit von documenta-Insider Hansjörg Melchior: "Das wusste man schon vergangenes Jahr, dass die documenta 14 aus dem Ruder laufen würde", sagt er und ärgert sich: "Es kann nicht sein, dass man das Budget überzieht, ohne mit den Verantwortlichen darüber zu reden."

Allerdings: Der documenta-Aufsichtsrat, in dem die Stadt Kassel und das Land Hessen als Gesellschafter sitzen, hatte sich in der vergangenen Woche überrascht von der Finanzierungslücke gezeigt, die Zahlungsfähigkeit aber durch Bürgschaften gesichert.