Vor dem Parthenon: Chorist Peter Anhalt
Vor dem Parthenon der Bücher: Chorist Peter Anhalt Bild © Jens Wellhöner (hr-iNFO)

Ein qualmender Turm, zerborstene Flüchtlingsboote, Schrumpfköpfe - ist das Kunst? Das mögen sich manche Besucher auf der documenta in Kassel fragen. Ihnen helfen die Choristen, die offiziellen Kunstführer der Ausstellung.

Peter Anhalt zeigt auf den Zwehrenturm des Fridericianums. Aus seinem Obergeschoss strömt weißer Rauch. Ein Brand? Einige Besucher hätten schon die Feuerwehr gerufen, erklärt Anhalt. "Aber das ist kein Feuer sondern Kunst", sagt er.

Der Künstler Daniel Knorr habe in Athen Müll gesammelt, zu Büchern pressen lassen und diese dann verkauft. "Mit dem Geld bezahlt er die Rauchzeichen am Zwehrenturm, weiß Anhalt. Das soll an die Bücherverbrennung durch die Nazis vor 80 Jahren vor dem Zwehrenturm erinnern", erklärt er.

Peter Anhalt ist ein Chorist - einer von 160 auf der documenta. So heißen die offiziellen Kunstvermittler auf der documenta. Sie sollen an den Chor in griechischen Dramen erinnern sollen, der den Theaterbesuchern einst die Handlung erklärte. So sollen auch die Kasseler Choristen den Besuchern beim Verstehen der documenta helfen.

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Mit seinem knallbunten Polo-Shirt und dem langen dunklen Bart sieht Anhalt fast selbst aus wie ein documenta-Kunstwerk. Er kommt aus Karlsruhe, hat Kunstgeschichte studiert. Nach einem Bewerbungsgespräch bei der documenta wurde er genommen. Jetzt läuft er mit einem Dutzend Besucher, die diesen Spaziergang vorher gebucht haben, durch die Innenstadt.

Wo Harry Potter verboten ist

Wenig später steht die Gruppe vor dem Parthenon der Bücher, dem inoffiziellen Wahrzeichen der documenta 14. Die Installation ist ein Nachbau des zentralen Tempels der Athener Akropolis. Tausende Bücher hängen an dem Tempel, Bücher, die irgendwo auf der Welt einmal verboten waren oder noch verboten sind.

"Da hängen auch Harry Potter-Bücher", erklärt Anhalt. Die Bücher seien nämlich in einigen Bundesstaaten der USA verboten. Die Geschichte sei den Zensoren dort zu okkult, denn Harry Potter sei ja Zauberer. Aber auch Donald Duck-Comics hängen am Parthenon. Er soll in Finnland verboten gewesen sein. Aber das ist umstritten.

Der Scharfschütze auf dem Dach

Der Chorist erklärt seinen Besucher die Kunst, er stellt aber auch Fragen, versucht seine Besucher in ein Gespräch zu verwickeln. Und tatsächlich: Vor dem Parthenon diskutieren die Besucher über verbotene Bücher - machen sich so ihre Gedanken über die neue Inschrift über dem Eingang zum Fridericianum, einem zentralen Ausstellungsort der Documenta:  "Being safe is scary" - zu Deutsch: "Sicher zu sein ist beängstigend". "Es soll uns daran erinnern, dass Sicherheit immer einen Preis hat", sagt Chorist Anhalt.

Die Inschrift "Being safe is scary" statt dem Schriftzug "Museum Fridericianum" ziert das Fridericianum. Die Inschrift stammt von der Künstlerin B. Cennetoglu.
Die Inschrift "Being safe is scary" statt dem Schriftzug "Museum Fridericianum" ziert das Fridericianum. Die Inschrift stammt von der Künstlerin B. Cennetoglu. Bild © picture-alliance/dpa

Ich selbst erinnere mich bei dem Spruch an den Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung der documenta vor einigen Wochen.  Da war ein Scharfschütze der Polizei auf dem Dach eines Kaufhauses. Er hatte auch uns Reporter im Visier. Ein Hubschrauber kreiste ständig über uns.

Vor Terroristen waren wir wohl sicher, doch beängstigend war das schon. Als ich meine Gedanken formuliere, gibt mir der Chorist recht. "Genau zu solchen Gedanken will die kurdische Künstlerin Banu Cennetoglu anregen", sagt Anhalt und lächelt.

Mein Fazit: diese Kunstführung hat Spaß gemacht - und man kann wirklich die documenta besser verstehen.

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