Röhrenskulptur und Parthenon der Bücher
Besucher drängen sich auf der documenta 14 vor der Röhren-Installation von Hiwa K. "Parthenon of books" der argentinischen Künstlerin M. Minujin. Bild © picture-alliance/dpa

Belanglos, mit erhobenem Zeigefinder: Viele Kunstkritiker haben die documenta zerrissen. Beim Publikum schneidet die Kunstschau besser ab. Zur Halbzeit zeichnet sich ein Besucherrekord ab.

Das hat man nicht alle Tage: In Kassels Innenstadt stehen in diesen Wochen viele Menschen auf der Straße und diskutieren über moderne Kunst. Und viele Besucher sind durchaus begeistert von dem, was sie sehen. Zum Beispiel vom Parthenon der Bücher, einem Nachbau des großen Akropolis-Tempels, an dem Bücher hängen, die irgendwo auf der Welt verboten sind oder waren. "Genial!" ist ein häufiger Kommentar.

Auch einige Besucher aus dem Ausland spazieren in Kassel von Kunstwerk zu Kunstwerk. Zwei junge Frauen aus den Niederlanden schwärmen: "Besonders die Locations sind toll! Wie man eine Stadt mit Kunst kombiniert. Wir sind beeindruckt!". Insgesamt sind bislang 445.000 Kunstliebhaber nach Kassel gepilgert, ein Rekord für eine documenta zur Halbzeit. Die Halbzeitbilanz wird am Samstag mit der "Langen Nacht im Parthenon der Bücher" mit einer Lesung verbotener Bücher gefeiert.

Ratlos in Kassel

Aber nicht alle sind mit der Kunstschau, die seit sechs Wochen läuft, zufrieden. Einige stehen auch ratlos vor den Kunstwerken und schütteln den Kopf. Die Erklärtexte an den Kunstwerken sind nämlich zum großen Teil sehr knapp und kurz. Häufig steht dort nur der Name des Kunstwerks und des Künstlers.

Was das Ganze soll? Zum Beispiel ein Haufen schwarzer Seife oder Bilder mit bunten Rechtecken? Kein Kommentar. Doch: Die Ratlosigkeit gehört zum Konzept, sagt Annette Kulenkampff, Geschäftsführerin der documenta. Die Leute sollen sich selber über die Kunst Gedanken machen, nichts vorgesetzt bekommen: "Die Leute sprechen plötzlich zwei Stunden über Kunst. Wann hat man das schon mal?" Kulenkampff findet das großartig. "Wenn diese Kunst das erreicht, ist schon einen Menge erreicht."

Störendes Schwarz-Weiß-Denken

Viele professionelle Kunstkritiker haben die documenta schon in Magazinen oder Zeitungen verrissen. Belanglos sei sie und schwer verständlich. Ein Kommentator der "Welt" schrieb schon vor der Eröffnung am 8. Juni: "Die documenta sperrt die Kunst, die Künstler in ein moralinsaures Gedankengefängnis."

Und das ist tatsächlich berechtigt. Denn viele Künstler kommen mit einem erhobenen Zeigefinger daher, nach dem Motto: Böser Kapitalismus, arme Dritte Welt. "Der Westen ist an allem Übel dieser Welt schuld":  Auf diese Formel lassen sich viele Kunstwerke bringen. So manchen Besucher stört das.

documenta trotz Kritik erfolgreich

Aber: Es gibt immer noch genug, das fasziniert. Wie zum Beispiel ein 20 Meter langer Wandteppich aus Lappland in der documenta-Halle. Oder die Performance "El Objectivo" im Stadtmuseum, die an Hinrichtungen erinnert und unter die Haut geht.

Viele Kunstwerke bleiben aber auch rätselhaft. Doch das stört die documenta-Macher nicht. Der Besucher-Erfolg gibt ihnen bisher jedenfalls Recht.

Sendung: hr-iNFO, 29.7. 2017, 8.00 Uhr

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