Die von Ibrahim Mahama mit Jutesäcken verhüllte Torwache in Kassel
Die von Ibrahim Mahama mit Jutesäcken verhüllte Torwache in Kassel Bild © picture-alliance/dpa

Erinnert an den Verhüllungskünstler Christo, ist aber etwas ganz anderes: Künstler Ibrahim Mahama lässt mit seiner documenta-Arbeit die Kasseler Torwache in Sack und Asche gehen. Eine persönliche Annäherung.

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Jutesäcke von Ibrahim Mahama

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Verhüllte Torwache: Verdammt hässlich - verdammt schön

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Stellen Sie sich vor, die Torwache am Brüder-Grimm-Platz in Kassel ist nicht mehr zu sehen. Stattdessen: ein hässlicher, brauner, zerschlissener Umhang. Genau genommen zwei Umhänge, denn sie verhüllen zwei einander gegenüber stehende Gebäude. Am besten, man gewinnt erstmal Abstand. Und geht dann ganz nah ran.

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Kunst "to go" von der documenta

Die documenta hat ihre Pforten geöffnet. Die Kunstwelt schaut nach Kassel. hr2-Reporterin Tanja Küchle hat sich auf der Weltkunstausstellung umgesehen. In der Reihe "documenta to go" stellt sie ihre persönlichen Lieblingswerke vor.

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Über den monumentalen Gebäuden wirken jetzt diese Flickenteppiche aus Jutesäcken monumental. Es sind hunderte, tausende vielleicht, zusammengehalten von unsauberen, wülstigen Nähten. "Product of Ghana" steht auf manchen. In ihnen wurde Kakao, Kaffee und Reis, Bohnen oder auch Holzkohle in die USA und nach Europa transportiert.

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Der Künstler Ibrahim Mahama aus Ghana hat sie dem globalen Warenkreislauf entzogen. Ihre Löcher, Verfärbungen, ausgebleichte Stellen, machen sie zu Zeugen: Hier die Profiteure im Westen - dort die wenig lukrative Rohstoffgewinnung und schlecht bezahlte Handarbeit auf dem afrikanischen Kontinent.

Ja, ich profitiere auch davon. Und Sie?

Stellen Sie sich vor, aus den Jutesäcken werden Häute und aus ihren Nähten Narben. Ihnen ist die Brutalität eines von Ausbeutung und Abhängigkeit geprägten Wirtschaftssystems eingeschrieben, das den Kolonialismus ganz und gar nicht hinter sich gelassen hat. Die Fesseln heißen jetzt nur Euro und Dollar.

Auch im Krisen gebeutelten Griechenland. Dort, in Athen, dem zweiten Spielort der documenta 14, wurden die Jutesäcke unter anderem zusammengenäht – von hunderten Händen freiwilliger Helfer.

Jetzt weht der Umhang in Kassel im Wind, bauscht sich wild über den Gebäuden auf, scheint fast zu atmen. Ja, ich gehöre zu den Profiteuren. Doch Moment! Dieses Werk klagt mich gar nicht an. Es ist zurückhaltend, still. Manchmal sogar windstill. Verdammt hässlich - und ergreifend schön.

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