Romuald Karmakar documenta 14
Der Filmemacher Romuald Karmakar zeigt auf der documenta 14 in Kassel sein Werk "Byzantion" - eine Filminstallation mit othodoxen Mönchsgesängen. Bild © katrin Kimpel (hr)

Der in Wiesbaden geborene Filmemacher Romuald Karmakar lässt Mönche auf der documenta singen. Im Interview erklärt er, was das mit der Spaltung Europas zu tun hat und warum Kunst aber nicht tagesaktuellen Themen nachjagen sollte.

Der Filmemacher Romuald Karmakar ("Der Totmacher", "Denk ich an Deutschland in der Nacht" bespielt auf der documenta 14 in Kassel den Westpavillon der Orangerie. In dem Raum hat er ein Tryptichon aus großen Monitoren vor drei Fenstern aufgestellt. Auf dem Bildschirm zeigt Karmakar zwei Filme, in denen Mönche in Russland und Griechenland jeweils den in nahezu allen orthodoxen Kirchen verbreiteten Marien-Hymnus "Agni Parthene" in Griechisch und Kirchenslavisch singen.

Ob das zu den großen documenta-Themen "Flucht, Vertreibung, Spaltung, Unsicherheit" passt und warum dem Künstler das gar nicht so wichtig ist, erzählt er im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: Herr Karmakar, wie ist die Idee zu dieser documenta-Arbeit entstanden und wie waren die Dreharbeiten?

Romuald Karmakar: Das Lied "Agni Pathene" habe ich vor einiger Zeit im Internet bei einem amerikanischen Sender entdeckt, der nur lithurgische Musik spielt. Ich habe mich damit beschäftigt und festgestellt, dass es verschiedene Varianten gibt, etwa griechische und russische. Ich habe den griechischen Sänger kontaktiert und er gehört zu einer Kirche in Athen, in deren Nähe ich als Jugendlicher fünf Jahre lang gelebt habe.

Das Kloster in Russland habe ich über das Auswärtige Amt kontaktiert. Dort fährt man zwei Stunden mit dem Boot hin und übernachtet auch im Kloster, auf der Insel gibt es kein Hotel. Das war sehr spannend. Ich war mit zwei Kameras und zwei Tonleuten unterwegs.

hessenschau.de: Warum dieses Lied?

Karmakar: Das "Agni Parthene" wird in der gesamten christlich-orthodoxen Welt gesungen, in allen Ländern und Varianten. Über dieses Lied kann ich ausgehend vom Süden bis hoch in den Norden eine Achse beschreiben. Eine christlich-orthodoxe Achse, die meiner Meinung nach eine Grundlage dafür ist, dass es eine verwunschene Linie in Europa gibt zwischen dem lateinischen Europa und dem griechisch-byzantinischen Europa. Eine Spaltung Europas, die eigentlich im Mittelalter entstanden ist. Die Geschichte dieser Spaltung kann ich mit diesen zwei Interpretationen des Liedes erzählen.

hessenschau.de: Die großen Themen der documenta 14 sind Flucht, Vertreibung, Spaltung, Unsicherheit. Wie ordnen Sie Ihre Arbeit da ein?

Karmakar: Als Künstler muss man meiner Meinung nach aufpassen, dass man nicht einfach das abarbeitet, was jeden Tag in den Tagesthemen kommt. Kunst entsteht ja nicht, indem man öffentliche Diskurse bestätigt. Grundsätzlich ordne ich meine Arbeit nicht in Kontexte ein oder positioniere sie gegenüber den Arbeiten anderer docummenta-Teilnehmer.

hessenschau.de: Haben Sie das Thema Griechenland für sich im Rahmen der documenta erschlossen, oder beschäftigt Sie das schon länger?

Karmakar documenta Installation
Auf einer dreigeteilten LED-Wand zeigt Romuald Karmakar im Westpavillon der Orangerie in Kassel sein Werk "Byzantion". Die geöffneten Fenster im Hintergrund sind Teil der Installation. Bild © Katrin Kimpel (hr)

Karmakar: Als ich die Einladung bekam, war mir noch nicht klar, dass es dieses Motto gibt. Für mich ist aber klar, dass die Auseinandersetzung mit Griechenland anders stattfinden muss, als der gängige öffentliche Diskurs. Wenn man sich den während der EU- oder der Finanzkrise anschaut, da gab es nach meiner Wahrnehmung ein ganz starkes Nord- Süd-Gefälle im Stil "armer Süden, reicher Norden". Und es gab auffallend starke Aggressionen gegen Griechenland, obwohl Griechenland im Vergleich zu Spanien und Italien völlig unbedeutend ist für das Ungleichgewicht der EU. Da fragt man sich schon, wo kommt dieser Hass, diese Aggression her?

hessenschau.de: Sie haben auch persönliche Bezüge nach Griechenland?

Karmakar: Ich habe als Jugendlicher fünf Jahre in Athen gewohnt von 1977 bis 1982. Das Viertel, in dem wir lebten, heißt Neu-Izmir, dort hatten sich die Menschen aus Kleinasien in den 1920er-Jahren angesiedelt. Dort gibt es ein Café, das Byzantion heißt. Nach dem Ort, an dem Konstantinopel gegründet wurde. Ich bin von der documenta eingeladen worden, in Athen und in Kassel etwas zu machen. Aber wegen meines Kinofilms "Denk ich an Deutschland in der Nacht" und der schwierigen Ortssituation in Athen konnte ich für dort nichts machen und habe mich dafür auf Kassel konzentriert.

hessenschau.de: Ihre Arbeit wird im Westpavillon der Orangerie in Kassel gezeigt. Sind Sie mit dem Standort zufrieden?

documenta Westpavillon Orangerie
Die Installation "Byzantion" von Romuald Karmakar hat ihren Platz im Westpavillon der Orangerie in Kassel gefunden. Bild © Katrin Kimpel (hr)

Karmakar: Wenn ich als Filmemacher im Kunstkontext arbeite, ist für mich der Raum das Entscheidende. Denn wenn nicht, könnte ich ja mit meinem Film auch einfach in ein Kino gehen. Die Frage ist, wie kann ich Film und Raum zusammenbringen? Für mich sind an diesem Ausstellungsort die drei großen Fenster entscheidend, die hinter den drei großen Monitoren sind. Meine Bedingung war, dass sie immer geöffnet sein müssen. Damit man diese unendliche Perspektive in die Karlsauen hat.

documenta Karmakar Fenster
Aus dem Raum im Westpavillon der Orangerie fällt der Blick in die Weite der Karlsauen. Für den Künstler Romuald Karmakar ist dieser Blick entscheidend. Bild © Katrin Kimpel (hr)

hessenschau.de: Die documenta ist ja für Besucher auch fordernd. Wollten Sie mit Ihrer Arbeit und der Musik auch einen Raum der Ruhe schaffen?

Karmakar: Naja, das hat auf jeden Fall etwas Kontemplatives. Aber es gibt verschiedene Ansatzpunkte, je nachdem, wie weit man als Betrachter bereit ist, zu gehen. Ich möchte da ganz sicher keine Vorgaben machen. Man kann von allem nichts wissen und sich einfach diesen Gesang anhören und ihn schön finden. Oder nicht. Oder denken, oh, das klingt anders und sieht anders aus, als unsere protestantischen Kirchen. Und sich vielleicht fragen: Warum singen die das in Griechenland und in Russland?

Ach so, das sind ja Christen…. Aber, was wissen wir in Westeuropa von diesen Christen? Da kann ein Denkschritt auf den nächsten folgen und vielleicht landet man dann bei "den großen documenta-Themen". Vielleicht aber auch ganz wo anders.

Das Gespräch führte Katrin Kimpel

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"Agni Parthene" und seine Interpreten

Den griechischen Teil von "Byzantion" hat Romuald Karmakar in Athen mit Archimandrit Nikodimos gedreht. Dieser hochrangige Repräsentant der griechisch-orthodoxen Kirche ist in der byzantinischen Musikwelt sehr bekannt. Die Version in Kirchenslavisch wurde im Kloster Valaam, auf der gleichnamigen Insel in Russland gedreht. Auch der Chor dieses Klosters ist berühmt für seinen Gesang.

Das Lied "Agni Parthene" ist ein Marienhymnus, geschrieben vom heiligen Nektarios von der Pentapolis. Die Melodie stammt von Mönchen aus dem Kloster Simonos Petras auf dem Berg Athos.

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