Geprägt von Studenten und Migranten: die Kasseler Nordstadt
Geprägt von Studenten und Migranten: die Kasseler Nordstadt Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Sie ist ein zentraler Spielort der documenta: die Kasseler Nordstadt. Nirgendwo trifft der politische Anspruch der Weltkunstausstellung auf mehr Realität. Eine Foto-Reportage.

Eigentlich verirren sich nur wenige Touristen in die Kasseler Nordstadt: "Es ist schon ein bisschen amüsant zu sehen, wie die documenta-Besucher durch die Straßen geistern und die Ausstellungsorte suchen", sagt Ortsvorsteher Hannes Volz: die verfallene Tofufabrik, die verlassene Gottschalk-Lagerhalle und vor allem die Neue Hauptpost, die die documenta-Macher verspielt in Neue Neue Galerie umgetauft haben.

Der Brutalobau aus den 70ern steht zum Teil leer. Den Rest teilen sich Straßenverkehrsamt, Diakonie und die Fitnesskette McFit. Der Bau ist nicht wirklich in einem guten Zustand. Wenn das documenta-Bistro im zweiten Stock die Küche anwirft, ziehen die Gerüche runter ins Fitnesstudio, wie Studioleiterin Elke Seitz erklärt. "So kriege ich hier unten auch was von der Kunstaustellung mit", sagt sie lächelnd. Gesehen hat sie die Ausstellung noch nicht. Keine Zeit. In der Nordstadt wird gearbeitet. Das war schon immer so.

Hat vor einem Jahr ein syrisches Restaurant aufgemacht: Mohammad Tamim
Hat vor einem Jahr ein syrisches Restaurant aufgemacht: Mohammad Tamim Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Ein paar Meter weiter in der Jägerstraße verkauft Mohammad Tamim syrischen Kebap. "Adam Szymczyk war schon oft hier",  sagt Tamim. Für gewöhnlich bestelle der documenta-Leiter etwas Vegetarisches. Zuletzt hätten die documenta-Leute gleich 30 Essen bei ihm bestellt. Ein gutes Geschäft. Vor einem Jahr hat der 29 Jahre alte Syrer sein Restaurant unweit der Neuen Neuen Galerie eröffnet.

In der Kasseler Jägerstraße
In der Kasseler Jägerstraße Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Vor drei Jahren flüchtete er mit seiner Familie aus Damaskus, hier in der Kasseler Nordstadt ist er gelandet - wie so viele vor ihm. Ende der 60er Jahre kamen die Gastarbeiter: Türken, Spanier, Italiener, Griechen. Viele arbeiteten in den Henschel-Werken, einem alten Rüstungsunternehmen, das im Zweiten Weltkrieg den Panzer Tiger und danach den Leopard baute.

Später kamen Südosteuropäer und Afrikaner dazu. 62,5 Prozent der gut 16.000 Bewohner in Nord (Holland) - so heißt der Stadtteil offiziell - haben nach aktuellen Angaben der Stadt einen Migrationshintergrund.

Reste der Henschel-Fabrik auf dem Gelände der Uni Kassel
Reste der Henschel-Fabrik auf dem Gelände der Uni Kassel Bild © hessenschau.de

Wer Hunger hat, geht in Tamims Restaurant, Geld in die Heimat überweisen kann man im Afrah Somali Shop, einen neuen Haarschnitt gibt es in Haarstudio Burhan und in Kazim's Hair-Palast. Eigentlich kein Wunder, dass eine Kunstausstellung, die Migration, Flucht und Vertreibung zu ihren Themen macht, hierhergekommen ist. Das Raumschiff documenta ist in der Kasseler Nordstadt gelandet - und jetzt?

"Es gibt mehr Polizeikontrollen. Das ist gut", sagt Restaurantbesitzer Tamim. Jägerstraße und angrenzende Straßen sind ein sozialer Brennpunkt. Es wird gedealt und konsumiert. Vor einigen Wochen wurde bei einer Messerstecherei ein Mensch lebensgefährlich verletzt.

documenta-Mitarbeiterin Ayşe Güleç
documenta-Mitarbeiterin Ayşe Güleç auf dem Halitplatz Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

"In der Nordstadt herrscht ein anderer Rhythmus als in den anderen Kasseler Stadtteilen", sagt documenta-Mitarbeiterin Ayse Gülec. Alles sei schneller, alles in Bewegung. Es kommen prozentual weit mehr Menschen in die Nordstadt als in die Gesamtstadt - und es ziehen mehr weiter.

Der Durchschnittsbürger in Kassel wohnt 20 Jahre in der Stadt, in der Nordstadt sind es nur 13 Jahre. "Die Nordstadt ist ein Transitort", sagt Ayse Gülec, die vor 31 Jahren nach Kassel zog.

Gülec hat der palästinensischen documenta-Künstlerin Ahlam Shibli geholfen, jene Vertriebenen und Flüchtlinge in der Nordstadt zu finden, die sie für ihre Reportagen suchte.

Videobeitrag

Video

zum Video Von Vertriebenen und Gastarbeitern - Die Foto-Reportagen von Ahlam Shibli

Ende des Videobeitrags

Die Fotos Shiblis sind in der Neuen Hauptpost zu sehen: griechische Rentner beim Kartenspiel, Spanier beim gemeinsamen Fußballschauen im Club Juvenil und Kicker des FC Bosporus Kassel, die sich in der Umkleide auf das nächste Spiel vorbereiten.

Das Clubhaus des Vereins steht unweit der Holländischen Straße, den die documenta-Macher in einem Katalog zur Ausstellung in "Halitstraße, ehemalige Holländische Straße" umgetauft haben.

Heute wird hier Honig verkauft: Tatort des Mordes an Halit  Yozgart
Heute wird hier Honig verkauft: Tatort des Mordes an Halit Yozgart Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Der 21 Jahre alte Halit  Yozgart starb am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in der Holländischen Straße 82 durch zwei gezielte Pistolenschüsse in den Kopf. Den Mord verübte mutmaßlich die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).

Zur Tatzeit war auch der damalige Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes, Andreas Temme, in dem Café. Er will aber weder die Schüsse gehört noch beim Verlassen des Ladens den Verblutenden gesehen haben.

Externer Inhalt
Ende des externen Inhalts

Forscher des "Forensic Architecture Institute London" haben sich das Polizeivideo, das Temme bei der Tatortbegehung zeigt, genauer angeschaut - und eigene Nachforschungen erstellt.

Sie bauten den Tatort minutiös nach, um die Blickachsen zu berechnen, ließen das Geräusch des Schalldämpfers von Ballistikern analysieren und befragten Geruchsexperten, wie sich das Schießpulver ausbreitete. Ihr Forschungsergebnis zeigen sie in einem Video in der Neuen Neuen Galerie. Der Tenor: Temme muss den Mord mitbekommen haben. Warum leugnet er? Was hat er zu verbergen? Die documenta als Kriminalistin.

Künstler Anton Kats: "Wollen zuhören und Mut machen zu handeln"
Künstler Anton Kats: "Wollen zuhören und Mut machen zu handeln" Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Die documenta 14 will politisch sein. "Wir wollen zuhören und Mut machen zu handeln", sagt der ukrainische Künstler Anton Kats. Er sitzt an einem großen weiten Tisch im Narrowcast House in der Gottschalkstraße.

Anwohner können herkommen und etwas auf die Beine stellen, ein Radioprogramm, eine Ausstellung . "Es geht um Partizipation“, sagt Katz. Kürzlich habe er mit bulgarischen Flüchtlingskindern Radio gemacht, sagt er stolz. Die documenta als Animateur.

"Die Nordstadt ist ein junger Stadtteil, geprägt von den Migranten, die hier ihre neue Heimat gefunden haben und der Universität", sagt Ortsvorsteher Volz. Tatsächlich ist die Bevölkerung in der Nordstadt durchschnittlich sieben Jahren jünger als in der Gesamtstadt. Die Universität liegt am "Hopla", dem Holländischen Platz. Rund 25.000 Studenten studieren hier.

Campus der Universität Kassel am Holländischen Platz
Campus der Universität Kassel am Holländischen Platz Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Wer auf den Campus will, musste bis vor kurzem in den Untergrund. Es gab über den Platz keine Ampeln. Die autogerechte Stadt Kassel verbannte die Fußgänger unter die Straße.  "Kassel ist eine Stadt der Unterführungen", erklärt documenta-Mitarbeiterin Gülec. Inzwischen hat sich der "Der Raum für urbane Experimente" des Tunnelsystems angenommen und viele Flaschen Farben in grellbunte Graffitis verwandelt. Ganz ohne documenta.

Es kommt drauf an, was man draus macht: Der Verein "Der Raum für urbane Experimente" bei der Verschönerung des Kasseler Untergrounds
Es kommt drauf an, was man draus macht: Der Verein "Der Raum für urbane Experimente" bei der Verschönerung des Kasseler Untergrunds. Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Ilker Sengül studiert im vierten Semester Politik. Der 20-Jährige engagiert sich auch in der Stadtteilpolitik, macht Wahlkampf für die Linken. Er prangert die Räumung einer Villa an, die Studenten kürzlich besetzt hatten.

Die Villa sei jahrelang leer gestanden und von der Uni nur als Lager benutzt worden, sagt er. "Wir brauchen ein sozio-kulturelles Zentrum. Platz für Kultur, Konzerte, Kochen, Essen, Sprechen", sagt er. Die Villa wäre genau richtig gewesen. Der Kampf geht wohl weiter.

Student Ilker Sengül: "Wir brauchen ein sozio-kulturelles Zentrum"
Student Ilker Sengül: "Wir brauchen ein sozio-kulturelles Zentrum" Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Die Universität hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Zuletzt stellte die Landesregierung 100 Millionen Euro für Bau- und Sanierungsmaßnahmen zur Verfügung. Bereits 2011 war ein neuer Hörsaal entstanden. Nicht alle sehen die Entwicklung positiv. "Es ist alles so glatt geworden. Der neue Hörsaal erinnert mich eher an ein Gefängnis", sagt Ayşe Güleç

Alt neben Neu: Auf dem Gelände der Kasseler Universität
Alt neben Neu: Auf dem Gelände der Kasseler Universität Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Als er vor 31 Jahren aus der Türkei als politischer Flüchtling hierher gekommen sei, habe es noch richtige Bäckereien und Metzgereien in der Nordstadt gegeben, sagt Ali Timtik. "Heute gibt's nur noch Kneipen." Er selbst hat auch eine. "Bei Ali" heißt sie. Das Geschäft läuft gut.

Draußen sitzt junges Volk, auch documenta-Besucher. 20 Prozent mehr Umsatz mache er durch die Kunstausstellung, schätzt er.

Narrowcast House in der Kasseler Nordstadt
Will Nachbarschaftshilfe leisten: Narrowcast House in der Kasseler Nordstadt Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Auch Timtik sieht die Vergrößerung der Uni kritisch. Es kämen jetzt immer mehr Studenten in die vordere Nordstadt und verdrängten ärmere Familien in den hinteren Teil des Viertels. Dort gebe es keine schicken Kneipen, allenfalls einen Kiosk. "Ich hätte es gut gefunden, wenn die documenta auch dort hingegangen wäre", sagt der 51-Jährige.

Kuppel des ehemaligen Gießhauses. Auf dem Gelände der Uni stehen noch einige Gebäude, die an die Firma Henschel erinnern. Hier wurden eins Panzer gebaut.
Kuppel des ehemaligen Gießhauses. Auf dem Gelände der Uni stehen noch einige Gebäude, die an die Firma Henschel erinnern. Hier wurden einst Panzer gebaut. Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Was sich hier im Kleinen andeutet, scheint auch für die Gesamtstadt zu gelten: eine soziale Teilung der Quartiere. "Ich hatte viele Besucher aus anderen Stadtteilen Kassels, die zum ersten Mal in ihrem Leben in der Nordstadt waren", sagt documenta-Kunstvermittlerin Sarah Steiner. Bringt die documenta das was zusammen, was mal zusammen gehörte?

Kunstvermittlerin als Stadtteilvermittlerin: Sarah Steiner
Kunstvermittlerin als Stadtteilvermittlerin: Sarah Steiner Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

"Ja, das gibt's wirklich", pflichtet Ali Timtik bei. Aber auch andersherum. "Es gibt Leute, die schon seit Jahrzehnten in der Nordstadt wohnen, aber noch nie auf der Wilhelmshöhe waren", sagt er. Unverständlich sei das für ihn. Als er vor über drei Jahrzehnten in die Stadt gekommen war, sei er erstmal mit dem Fahrrad zum Herkules gestrampelt.

Was die Weltkunstausstellung sonst noch für das Viertel bedeutet: Es sei sauberer geworden. "Wenn Müll auf der Straße liegt, wird er gleich abgeholt", sagt Timtik.

"Heute gibt’s nur noch Kneipen": Kneipenbesitzer Ali Timtik
"Heute gibt’s nur noch Kneipen": Kneipenbesitzer Ali Timtik Bild © Andreas Bauer (hessenschau.de)

Wie man die Teilung der Stadt überwinden könne? Da fallen Timtik eher noch die Streetbolzer ein. Fußballer aus dem Kiez, die gegen Kicker aus anderen Stadtteilen antreten. Zuerst habe es wilde Schlägereien gegeben, inzwischen seien sogar Freundschaften jenseits der Stadtteilgrenzen entstanden.

"Die documenta ist eine temporäre Geschichte. In 100 Tagen ist alles vorbei. Sie wird die Nordstadt nicht verändern", sagt Ortsvorsteher Volz. Dieser junge, vibrierende Stadtteil macht das wohl von ganz alleine.   

Das könnte Sie auch interessieren