Nasan Tur, documenta 14 Radio
documenta 14-Künstler Nasan Tur: Seine Soundcollage läuft im documenta-Radio und ist im Internet zu hören Bild © Nasan Tur

Atmen, Schlucken, Räuspern - mehr lässt der Offenbacher Künstler von wichtigen Politiker-Reden nicht übrig. Warum er für die documenta 14 auf solche Körpergeräusche setzt, erzählt er im hessenschau.de-Interview.

Nasan Tur erforscht in seiner Arbeit "Speech" die Macht eines der wichtigsten politischen Werkzeuge überhaupt: der Rede. Er entkernt die Rede, entfernt alle Worte und lässt nur Zwischengeräusche stehen. Komposition, Struktur und Rhythmus rücken so in den Vordergrund. Warum ihn die intimen Körpergeräusche der weltmächtigsten Politiker Angela Merkel, Donald Trump und Vladimir Putin so faszinieren und wie er zum documenta-14-Radio kam, erzählt Nasan Tur im Gespräch mit hessenschau.de.

hessenschau.de: Beschreiben Sie doch mal Ihre Soundinstallation "Speech". Was hören wir da?

Tur: Es sind Reden von Politikern. Ich habe die komplette Sprache rausgeschnitten und mich darauf konzentriert, zwischen die Sprache zu hören. Es bleiben dann nur noch die Körperlaute: Luftschnappen, Lippenbefeuchten, Schmatzen, Räuspern, etc. Ich wollte diese Geräusche in den Vordergrund bringen und dadurch eine andere Ebene eröffnen.

hessenschau.de: Sind das Polit-Schwergewichte oder eher Akteure aus der zweiten und dritten Reihe?

Tur: Ich habe drei Politiker ausgewählt, die das Weltgeschehen derzeit sehr bestimmen, zum Teil stark angegriffen werden und aber auch eine sehr große Macht haben: Trump, Putin und Merkel. Das sind wichtige Reden, die eine jeweilige Grundhaltung zeigen. Bei Putin ist es die Rede vor dem Kongress nach der Annektierung der Krim, bei Trump war es der Inauguration-Day und bei Merkel ist es die Pressekonferenz, bei der sie zur Flüchtlingsfrage "Wir schaffen das!" gesagt hat. Für mich persönlich sind das Reden, die Vorzeigecharakter für diese Politiker haben.

hessenschau.de: Diese Atmer machen beim Zuhören ganz atemlos. Ist dieser Effekt gewünscht?

Tur: Es geht nicht um Effekte. Dass es atemlos macht, oder für andere vielleicht lustig wirkt, oder eine Intimität erzeugt, die unangenehm ist, ist individuell verschieden. Was der Zuhörer fühlt, ist seine Sache.

hessenschau.de: Was interessiert Sie an Politiker-Reden, wenn es nicht deren Inhalt ist?

Tur: Diese Körper-Geräusche hört man sonst nur, wenn man mit Menschen intim ist, sich auf sie einlässt. Innerhalb der Soundinstallation kann ich so eine gewisse Fragilität der Personen zeigen. Diese Politiker sind ja eigentlich darauf getrimmt, keine Schwächen zu zeigen, und die Massen mit ihren Reden zu begeistern. Die Geräusche, die man in der Arbeit hört, sind die, die in der Regel nicht wahrgenommen werden. Es reduziert die Person auf das Menschsein.

hessenschau.de: Welche Funktion haben für Sie politische Reden?

Tur: Sie sind eine Plattform und die Inszenierung eines Personenkultes. Und es geht darum, Meinungen so zu festigen, dass die Politiker in der Gesellschaft einen Rückhalt bekommen, die Massen hinter sich zu positionieren. Ein Politiker, der keine Reden führen kann, hat kaum Chancen, seine politische Agenda durchzusetzen.

hessenschau.de: Gibt es eine politische Rede, die sie persönlich besonders berührt hat?

Tur: Das kann ich so nicht sagen. Mich persönlich berühren diese Reden nicht mehr, weil ich sie aus einem analytischen Blickwinkel für meine Arbeit wahrnehme. Mich fasziniert dann eher die Inszenierung des Ganzen.

hessenschau.de: Wie kam es zu der documenta-Teilnahme? Warum eine Audio-Arbeit zur documenta?

Tur: Zur documenta wird man als Künstler eingeladen. Es gibt das Projekt documenta-Radio. Und dafür haben sie von mir eine Neuproduktion angefragt. Die Idee für diese Soundinstallation verfolge ich schon seit längerer Zeit. Nun habe ich sie für die documenta 14 umgesetzt. Diese Arbeit ist jetzt auch noch nicht abgeschlossen. Ich werde sie mit anderen Reden weiterführen und eine Soundinstallation für den Raum entwickeln.

Weitere Informationen

Nasan Tur - Künstler

Nasan Tur wurde 1974 in Offenbach am Main geboren. Bis 2003 studierte er an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG). Seinen Abschluss machte er im Lehrgebiet Experimentelle Raumkonzepte. Auch am Städel in Frankfurt studierte Tur. Seit 2006 lebt und arbeitet der Künstler in Berlin. Tur hat zahlreiche Preise erhalten, auch international, seit 2001 hatte er über 30 Einzelausstellungen.

Ende der weiteren Informationen

Das Interview führte Katrin Kimpel.

Das könnte Sie auch interessieren