Mann und Frau stehen auf einem Autodach
Szene aus "Wunder der Wirklichkeit" Bild © Thomas Frickel

Skurrile Kurzfilme waren die Spezialität des Rüsselsheimer Regisseurs Martin Kirchberger. Er starb bei seinem letzten Dreh bei einem Flugzeugabsturz. Ein preisgekrönter Dokumentarfilm - zu sehen auf dem Kasseler Dokfest - erinnert an den Filmemacher.

Es ist kurz vor Weihnachten, der 22. Dezember 1991: Eine junge Filmcrew besteigt ein Flugzeug vom Typ Douglas DC-3. Es ist der letzte Drehtag für einen Kurzfilm. "Bunkerlow" soll er heißen. Dann passiert die Katastrophe: Das Flugzeug stürzt ab.

Nur vier Menschen überleben den Absturz bei Heidelberg, 28 sterben, darunter der Rüsselsheimer Regisseur Martin Kirchberger. Ihm und seiner Crew hat der Dokumentarfilmer Thomas Frickel ein filmisches Denkmal gesetzt: "Wunder der Wirklichkeit" heißt der inzwischen preisgekrönte Streifen, der am 17. November auf dem Kasseler Dokfest zu sehen ist.

Schwerster Unfall bei Filmproduktion

Er wolle an den schwersten Unfall erinnern, der sich in Deutschland bei einer Filmproduktion ereignet hat, erklärt Thomas Frickel: "Bei Filmaufnahmen sind nie mehr Menschen umgekommen als bei dieser Geschichte, und trotzdem wissen es auch in unserer Branche nur ganz, ganz wenige." Das solle sich mit seinem Film ändern.

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Dokfest Kassel

14. bis 19. November 2017, u.a. Bali Kinos, Filmladen und Gloria Kino Kassel

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Frickel kannte Kirchberger. Für seine ganz persönliche Spurensuche ist er die Route von damals nachgeflogen, außerdem zeigt er bislang unveröffentlichte Bilder vom Dreh.

Pilot war wohl durch Dreh abgelenkt

Die tragische Ironie: "Bunkerlow" war als Satire zum Thema Sicherheit geplant. Menschen sollten im Flugzeug eine Kaffeefahrt machen. Es sollte aber keine Kaffeemaschinen zu kaufen geben sondern Luftschutzbunker - ein Anti-Kriegs-Statement von Martin Kirchberger.

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Martin Kirchberger

Kirchberger wurde 1960 geboren. Er studierte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach und war Mitbegründer der Rüsselsheimer Künstlergruppe "Wendemaler". Bekannt wurde er mit satirischen Kurzfilmen und Pseudo-Dokumentationen - darunter die Geschichte eines Südtiroler Bauern, der Salatgurken im Schnee sticht oder die Geschichte eines Masseurs, der anhand der Verspannungen spürt, woher jemand kommt. Zum Gedenken an Kirchberger und sein Team wurde im Oktober 1992 die Cinema Concetta Filmförderung gegründet, welche "Bunkerlow" fertigstellte und seit 1994 die Rüsselsheimer Filmtage mit satirischen Kurzfilme veranstaltet.

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Doch ausgerechnet an diesem letzten Drehtag ging allerhand schief: Der Pilot war durch die Filmaufnahmen abgelenkt und verflog sich in dichtem Nebel. Die Maschine kollidierte bei Heidelberg mit einem Baum.

Liebevolle Hommage

Für die Rüsselsheimer ist die Erinnerung an all das heute noch hart: Die meisten Komparsen kamen von dort. Die Angehörigen unterstützen Thomas Frickel und seine Dokumentation trotzdem. Herausgekommen ist ein Film, der ganz ohne Voyeurismus zeigt, wie Menschen mit einer Tragödie umgehen. Und: "Wunder der Wirklichkeit" ist eine liebevolle Hommage an eine Künstler und seine Freunde, deren Leben viel zu früh endeten.