Konstantin Sacher Buchautor
"Und erlöse mich" ist Konstantin Sachers erster Roman. Bild © Kathrin Wesolowski

Dass ein Theologe über Gott schreibt - geschenkt. Dass das dann in die detaillierte Beschreibung von Sexszenen mündet, ist schon eher ungewöhnlich. Genau das hat der Königsteiner Konstantin Sacher in seinem Debütroman getan.

Für manche mag eine Uhr nur unscheinbar ticken, nicht so für den namenlosen Ich-Erzähler in dem Roman "Und erlöse mich": Der hört nämlich nur "Fick, fuck, fick, fuck". Es ist eben alles Anschauungssache. Und für den
Protagonisten des Buches ist das vor allem Sex. Er stürzt in eine Sinnkrise, als seine erste große Liebe stirbt. Es folgt ein Leben zwischen schnellem Sex und tiefer Verzweiflung.

Geschrieben hat das Buch der evangelische Theologe Konstantin Sacher. Der gebürtige Königsteiner war früher Vikar, derzeit promoviert er in Leipzig. Er lebt mit seiner Frau, die Pfarrerin ist, und seinen Kindern in Heusenstamm.

Wie kommt ein Theologe darauf, einen Roman über Sex und lüsterne Vorstellungen zu schreiben? Das verrät er im Interview mit hessenschau.de.

hessenschau.de: Kurz und knapp: Worum geht es in Ihrem Buch?

Sacher: Es geht um Sex und Religion und die Sinnsuche des Menschen. Der Ich-Erzähler beichtet dem Leser sein Leben, das ein Leben voller Sex und Rausch war, aber auch von der Suche nach Gott geprägt war. Gottsuche ist ja gewissermaßen auch Ich-Suche. Die Beichte seines Lebens durchmischt er mit Reflektionen über Glaube, Gott und Leben.

Der Erzähler kommt aus einer wohlhabenden Familie, lebt in einem goldenen Käfig – durch seine erste Freundin kam das erste Mal Sex und durch ihren Tod das Elend in seine Welt. In dem Erzähler herrscht immer ein Hin und Her zwischen dem ich-bezogenen, oberflächlichen Leben und dem Wissen, dass es auch noch andere Menschen gibt.

hessenschau.de: Sie schreiben: "Gott ist einer Muschi ähnlich". Können Sie das erläutern?

Sacher: Das ist ein Zitat aus einem Buch von Michel Houellebecq. Religiöses Sprechen ist immer Symbolisches sprechen. Wenn ich "Gott" sage, dann meine ich etwas, das ich nicht besser ausdrücken kann. Deswegen sagt man in der Theologie, über Gott spreche man nur symbolisch.

Im Roman ist es so gemeint, dass aus der Muschi Leben rauskommt, Kinder geboren werden. Das fasziniert den Erzähler. Das Versprechen von immer weiterem Leben ist wie Gott, der auch weiteres Leben verspricht. Das ist jedoch kein Vergleich, den ich selbst benutzen würde. 

hessenschau.de: Sie haben als Vikar gearbeitet, schreiben gleichzeitig sehr detailliert über Sex. Passt das zusammen?

Buchcover "Und erlöse mich"
Bild © Tempo

Sacher: Das passt gut zusammen. Jeder Pfarrer ist ein ganz normaler Mensch und beim Pfarramt geht es um das Leben der Leute. Es ging mir darum, die Lebenswelt eines jungen Mannes zu schildern. Und ich glaube, um das realistisch zu machen, spielt Sex eine große Rolle.

Sex muss man nicht nur als was Cooles, Positives darstellen, sondern auch als etwas Schwieriges, was einen behindert, was einem Steine in den Weg legen kann. Das wollte ich zeigen.

Klar, könnte es ältere Menschen in der Gemeinde geben, die das anstößig finden. Aber eigentlich ist die explizite Darstellung von Sex heutzutage ja nichts Besonderes mehr. Wenn es im Kontrast zum Pfarrersein steht, dann aus Gründen, die man ad acta legen müsste.

hessenschau.de: Wie viel Religion ist in Ihrem Roman?

Sacher: Viel! Die Frage ist, was Religion ist? Für mich ist Religion die Sinnsuche im Angesicht des Unbedingten. Der Mensch versucht sich in der Welt zu orientieren, fragt sich: "Wo komme ich her, wo gehe ich hin?" Wir sind ja einfach in die Welt gesetzt worden. In diesem Feld sucht sich der Mensch einen Sinn des Lebens. Darum geht es in meinem Buch die ganze Zeit.

hessenschau.de: Ihre Frau ist Pfarrerin in Heusenstamm. Was sagt sie zu Ihrem Sex-Roman?

Sacher: Meine Frau ist da offen, sie hat mit dem Roman keine Probleme.

hessenschau.de: Und was sagt die Gemeinde dazu? Es ist ja schon ziemlich detailliert.

Sacher: Es gab keine Reaktionen. Die kennen das Buch, es kursiert, bisher gab es aber keine kritischen Nachfragen.

hessenschau.de: Wie viel Autobiografie ist in Ihrem Roman?

Sacher: In meinem Roman beschreibe ich existenzielle Gefühle. Natürlich kann ich als Autor nur glaubhafte Gefühle beschreiben, die ich auch selbst kenne - wie zum Beispiel die innere Zerrissenheit. Diese Zerrissenheit, diese Suche nach Gott, der Wunsch, Gott zu finden, ist natürlich autobiografisch. Einerseits wollen wir Menschen das Leben, so wie es ist, in vollen Zügen genießen. Andererseits sehnt man sich danach, anzukommen. Das beschreibe ich in meinem Roman.

hessenschau.de: Können Sie sich vorstellen, nach so einer Publikation noch Pfarrer zu werden?

Sacher: Alles ist offen. Ich bin gerne in der Wissenschaft, ich arbeite auch als Lehrer an der Uni Leipzig. Andererseits habe ich den Pfarrberuf nie ausgeschlossen und kann mir das auch wieder vorstellen.

Das Gespräch führte Kathrin Wesolowski.