Sänger Robert Smith in der Festhalle Frankfurt
Die Frisur sitzt: The-Cure-Sänger Robert Smith am Montagabend in der Frankfurter Festhalle. Bild © Jens Naumann/hr1

Von wegen Retroseligkeit älterer Herrschaften: The Cure wirkten bei ihrem Auftritt in der Frankfurter Festhalle eher so, als wären sie gerade einem Jungbrunnen entstiegen. 29 Songs innerhalb von zweieinhalb Stunden ließen kaum Zeit zum Verschnaufen.

Robert Smith hat es noch voll drauf, selbst wenn das Zauselhaar nicht mehr ganz so hochtoupiert ist wie zu seligen Wavepop-Zeiten. Auch mit 57 Jahren schafft er es mühelos, gegen die mächtige Soundwand anzusingen, die er und seine vier gestandenen Musiker am Montagabend von Anfang an in die Frankfurter Festhalle zimmern.

Wo bleiben die Hits?

An der charakteristischen, immer etwas klagenden Stimme Smiths kann man sich zu Beginn ganz gut festhalten, denn zunächst steht die Frage im Saal: Wo sind sie denn, die vielen kleineren und größeren melancholisch-euphorischen Hits, die einen damals so gut von der Abizeit bis ins Grundstudium getragen haben? Das dauert ein bisschen - und dann sind sie auch noch rar gesät. "In Between Days", das hat man schon mal gehört, kurze Zeit später kommen mit "Just like Heaven" und "Lovesong" zwei weitere halbwegs gute Bekannte. Allzu viel mitwippen und mitsingen muss man im ersten Teil des Konzerts aber nicht, hier stehen eher Songs der zweiten Reihe im Vordergrund.

Das gibt genügend Gelegenheit, sich auf die vor allem in weiß gehaltene Lichtshow zu konzentrieren, die sehr effektvoll von fünf riesigen Leinwandsegmenten hinter der Bühne unterstützt wird. Einmal wird die Festhalle aus der Sicht des Schlagzeugers gezeigt - ein beeindruckender Effekt, der die Kulisse quasi noch einmal verdoppelt.

Zwischen Virtuosität und leichtem Wahnsinn

Bei aller raffinierter Technik kommt es bei The Cure aber auf die Musik an. Neben Robert Smith, der beim Singen oft zur Gitarre mit dem unnachahmlich etwas kratzigen, "wavigen" Sound greift, rennt der ewig junge Simon Gallup in Punkmanier mit kniekehlentief baumelndem Bass über die Bühne und baut darauf das mächtige Soundfundament. An der Leadgitarre zeigt Reeves Gabrels, dass er nicht umsonst schon bei David Bowie mitgespielt hat. Seine Soli halten gekonnt die Balance zwischen Virtuosität und dem leichten Wahnsinn, der bei The Cure einfach dazugehört. Schlagzeuger Jason Cooper leistet Schwerstarbeit an den Drums. Lediglich die Keyboards von Roger O'Donnell gehen bei der beträchtlichen Lautstärke hie und da unter.

So flott, wie die fünf Briten ihre Nummern spielen, ist dann auch die erste Halbzeit vorbei. Doch nun geht es mit dem genauso langen Zugabenteil erst richtig los: Ob frühe Düster-Klassiker wie "A forest" oder Megahits wie "Lullaby" - da sind sie ja, die bekannten Nummern. Aus dem letzten Drittel wird dann doch noch fast so etwas wie ein Best-Of-Konzert. "Boys don't cry" und "Close to me" bringen die Zuschauer auch auf den Rängen zum Aufstehen und Tanzen, beim Party-Grundausstattungshit "Friday I'm in Love" hält es sowieso niemanden mehr.

Doppelt so schnell wie auf den Alben

Dass gefühlt praktisch jede Nummer fast doppelt so schnell gespielt wird wie auf den Studioalben, tut der fast fröhlichen Stimmung keinen Abbruch. Fast konnte man vergessen, dass The Cure mal als Weltschmerz-Könige des Pop ihre Karriere begannen. Vielleicht waren auch deswegen kaum düster geschminkte und gekleidete Fans zu sehen. Vielleicht ist das der überwiegend anwesenden Zielgruppe zwischen Mitte 30 und Mitte 50 auch einfach zu albern geworden.

Obwohl über dem ganzen Konzert naturgemäß mehr als ein Hauch Nostalgie wehte, war schnell klar, dass The Cure keine Retro-Show spielen wollten. Die alten Wave-und Popklassiker haben sie in ein fast zeitlos-rockiges Gewand gepackt, bei dem sicherlich einige Feinheiten und auch ein bisschen vom Mystischen verlorenging. Das passt aber ganz gut zu den großen Hallen, die Robert Smith und seine Kollegen auf ihrer ersten Tour seit acht Jahren quer durch Europa in 17 Ländern mit 30 Auftritten bespielen.

Hat sonst noch etwas gefehlt? Ja, ausgerechnet ihren vielleicht übermütigsten Song, "The Lovecats", haben The Cure dem Frankfurter Publikum vorenthalten. Das ist aber nach diesem 150 Minuten langen hochenergetischen, nicht gerade leisen Gig auch so zufrieden. Vielleicht sogar ein bisschen erschöpft.