Dim Sampaio - Auschwitz
Gleise nach Auschwitz-Birkenau, Screenshot von der d14-Ankündigung Bild © picture-alliance/dpa (Archiv), Dim Sampaio

Setzen der italienische Schriftsteller Franco Berardi und der brasilianische Künstler Dim Sampaio die europäische Flüchtlingspolitik mit dem Holocaust gleich? Ihre für Ende August geplante documenta-Performance "Auschwitz am Strand" erhitzt schon jetzt die Gemüter.

Schon der Titel irritiert: "Auschwitz on the beach" ("Auschwitz am Strand") heißt eine Performance, die der brasilianische documenta14-Künstler Dim Sampaio zusammen mit dem italienischen Autor und Philosophen Franco Berardi vom 24. bis 26. August im Kasseler Fridericianum aufführen will.

Noch irritierender klingt der weitere Ankündigungstext: Schande und Niedertracht breiteten sich rund um das Mittelmeer aus, "auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat."

Flüchtlingspolitik mit Shoah vergleichbar?

Mit seiner Performance will Sampaio offensichtlich die europäische Flüchtlingspolitik kritisieren. Die Performance soll sich auf Worte des italienischen Philosophen Franco "Bifo" Berardi, einem Vordenker der globalisierungskritischen Linken, beziehen. Der hatte sich mit den oben zitierten Sätzen kürzlich aus einem europäischen linken Netzwerk verabschiedet.

Ein Vergleich der europäischen Flüchtlingspolitik mit der systematischen, industriell betriebenen Vernichtung von sechs Millionen europäischen Juden - Martin Sehmisch, Leiter der "Informationsstelle Antisemitismus Kassel" ist entsetzt: "Die documenta 14 lädt zu einer Performance ein, die bereits mit ihrer Ankündigung die nationalsozialistische Judenvernichtung relativiert."

Historische Tatsachen ignoriert

Der Text der documenta setze die Verbrechen der Nationalsozialisten moralisch mit der europäischen Migrationspolitik gleich und ignoriere damit sowohl historische Tatsachen als auch den Stand der Forschung zur NS-Ideologie. Das werde weder der Shoah noch den Ursachen der Fluchtkrise gerecht.

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Hintergrund

Die geplante einstündige Performance "Auschwitz on the Beach" basiert auf einem Gedicht von Franco Berardi mit einem Soundtrack von Fabio Stefano Berardi und einer Bildinstallation von Dim Sampaio. Sie findet am 24. und 26. August um 20 Uhr im Fridericianum in englischer Sprache und am 25. August in italienischer Sprache statt. Am 24. August soll sie auch als Livestream verfügbar sein.

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Auch die Jüdische Gemeinde Kassel übt heftige Kritik. Ihre Vorsitzende Ilana Katz erinnert daran, dass "viele Menschen, die Konzentrationslager und Verfolgung überlebt haben, bis heute mit den Spätfolgen zu kämpfen haben." Das sei eine schwere Last auch für Angehörige und Nachfahren.

"Die Ankündigung der Performance ist eine politisch-moralische Bankrotterklärung der Verantwortlichen", ergänzt Martin Sehmisch. Eine Debatte derart zu entgrenzen sei auch angesichts der Ausbreitung von demokratieskeptischen, antisemitischen, verschwörungstheoretischen und fremdenfeindlichen Bewegungen unverantwortlich.

"Das Unmenschliche ist zurück"

Das sieht die documenta-Leitung anders. "Ich denke nicht, dass Franco Bifo Berardi eine direkte Analogie zwischen den Konzentrationslagern und Lagern für Geflüchtete herstellt", schreibt Paul B. Preciado, Kurator der Öffentlichen Programme auf Anfrage von hessenschau.de. Das Gegenteil sei der Fall: "Er nutzt das unberührbare Wort Auschwitz, um unser Gewissen zu wecken. Er nutzt die Sprache, besonders diesen Namen, so, wie ein Maler Farbe oder ein visueller Künstler ein Portrait nutzen würde, als historisches 'Dokument‘, eingefügt in ein Stück Poesie."

Franco Berardi selbst erklärt schriftlich: "Ich habe lange gezögert, diese Worte zu schreiben, denn ich bin mir darüber bewusst, dass der Name von Auschwitz nicht sinnlos vergeudet werden darf, denn es ist der Name dessen, was gänzlich unmenschlich und inakzeptabel in der Geschichte der Menschheit ist. Am Ende entschied ich, dass wir sagen müssen, was wir sehen: Das Unmenschliche ist zurück."

Israel-Bezug aus Text genommen

Auschwitz als "Farbe" oder "Dokument" in einem Kunstwerk? Ganz wohl scheint den d14-Verantwortlichen aber offenbar nicht zu sein. Einen Bezug auf Israel haben sie aus dem Ankündigungstext herausgenommen, der aber in Berardis Ursprungstext noch vorhanden ist. "... und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen, Ägypten und Israel dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres zu erledigen...", heißt es hier noch.