Eine Brille liegt auf einem aufgeschlagenen Buch, dahinter eine Tasse Tee.
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Viele Titel, die es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017 geschafft haben, erscheinen erst in den kommenden Wochen. Zu einigen Titeln haben wir aber bereits Buchbesprechungen. Hier können Sie reinhören.

Mirko Bonné "Lichter als der Tag"

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Cover Mirko Bonné "Lichter als der Tag"

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Birgit Spielmann (hr2-kultur): Im Zentrum dieses Romans steht Raimund Merz, ein Journalist, Vater zweier Töchter, der zufällig nach langen Jahren seine Jugendliebe Inga wiedertrifft. Nach dieser Begegnung ist nichts mehr, wie es vorher war. Damit beginnt der Anfang des Endes seines bisherigen Lebens - ein Leben, das in Gleichgültigkeiten erstarrt ist.

Es ist ein Nachdenken über gelebte und vertane Chancen, ein Roman über eine tiefe Lebenskrise. Bonné erzählt das alles sehr sprachmächtig und bildreich. Ihm gelingt es eine sehr dichte, konzentrierte und spannungsgeladene Atmosphäre zu schaffen. Man bleibt das ganze Buch über dicht dran und gefesselt.

Franzobel "Das Floß der Medusa"

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Cover Franzobel Das Floß der Medusa

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Mario Scalla (hr2-kultur): Es ist eine spannende Geschichte von 1816. Damals überlebten 15 von etwa 150 Menschen den Untergang der Fregatte Medusa auf einem Floß. Es ist ein realistischer Roman, aber auch ein Abenteuerroman - hinzu kommt noch der Beweggrund des Autors, dieses Buch zu schreiben: Die Katastrophen im Mittelmeer, das Ertrinken der Flüchtlinge.

Franzobels Buch basiert auf zwei Augenzeugenberichten, ist aber aus heutiger Sicht geschrieben. Der Roman ist gespickt mit aktuellen Anspielungen - das Motiv des Schiffbruchs eignet sich dafür auch hervorragend. Wie agieren Ober- und Unterschicht miteinander? Warum stehen ausgerechnet inkompetente Idioten auf der Kommandobrücke? Es ist eine Abenteuergeschichte, die spannend ist, die gruselig ist und es gibt die Bedeutungsebene mit schönen literarischen Ideen. Ein guter historischer Roman, der einige Überraschungen parat hält.

Thomas Lehr "Schlafende Sonne"

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Cover Thomas Lehr Schlafende Sonne

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Ulrich Sonnenschein (hr2-kultur): 638 Seiten, die einen einzigen Sommertag beschreiben. Es geht um die Kondensierung der Geschichte des 20. Jahrhunderts – an einem einzigen Tag. Am 19. August 2014 findet eine Ausstellung von Milena Sonntag statt, die in der DDR aufgewachsen ist. In ihrer Kunstausstellung zieht sie Bilanz – vom ersten Weltkrieg bis ins heutige Berlin.

Thomas Lehr erzählt vielstimmig, mal kommt Milena zu Wort, mal ihr Ehemann Jonas, mal Rudolf, ihr Lehrer und ehemaliger Liebhaber. Es gibt keine eindeutige Perspektive. Der Roman ist eine Sprachflut, nichts ist voneinander getrennt. Eigentlich zerschlägt der Autor die Zeit, denn Zeit ist hier keine lineare Dimension sondern eine flächige.

Das Buch ist eine große Herausforderung und erzählt die Geschichte des 20. Jahrhunderts in vier Spektralfarben: einmal rein physikalisch, dann das Licht als Metapher für die Wahrheit, als Metapher für politische Macht bis hin zum Nationalsozialismus und natürlich das künstlerische Licht in der Malerei. Der Roman ist Auftakt einer Trilogie - es wird eine Art Opus Magnum für die deutsche Literatur.

Robert Menasse "Die Hauptstadt"

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Robert Menasse "Die Hauptstadt"

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Mario Scalla (hr2-kultur): "Die Hauptstadt" von Robert Menasse ist ein politischer Roman. Es geht um viele Geschichten in einer, so auch um das Jubiläumsprojekt für 50 Jahre europäische Union und Im- und Exporte. Der Roman handelt zudem von Entscheidungsfindung, dem Dschungel der Bürokratie und Lobbyismus.

"Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen", ist das Motto eines Kapitels und eigentlich auch des Romans, das sich auch auf die Form der EU übertragen lässt. Der Charme des Romans ist zudem, dass man nicht weiß, was Wahrheit und was Fiktion ist.

Die zweite Botschaft des Romans ist, dass das Unheil, das in der Bürokratie und in Brüssel angerichtet wird, immer geringer ist als das Unheil des Nationalismus. Würden wir mehr zusammenarbeiten, anstatt die Ellbogen auszufahren und nur um die Interessen des eigenen Landes zu kämpfen, wäre die EU viel stärker. Das Problem ist also nicht Europa, sondern es sind die nationalen Interessen. Am Ende des Romans ist man schon überzeugt, dass die EU ein politischer Fortschritt ist.  

Autorengespräch mit Ingo Schulze

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Autor Ingo Schulze

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ingo Schulze im Gespräch (hr2-Doppelkopf)

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Julia Wolf "Walter Nowak bleibt liegen"

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Cover Julia Wolf: "Walter Nowak bleibt liegen"

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Hadwiga Fertsch-Röver (hr2-kultur): Im Titel "Walter Nowak bleibt liegen" steckt eigentlich schon die ganze Geschichte. Der Titel malt ein Bild und auf dieses Bild der Bewegungslosigkeit kommt es der Autorin auch an. Wir lernen Walter in einer misslichen Situation kennen. Nackt und am Kopf blutend liegt er im Badezimmer. Stück für Stück erinnert er sich an die Geschehnisse, die ihn in die fatale Lage gebracht haben. In diesen Selbstgesprächen mit Zeitsprüngen entsteht das Psychogramm dieses eigentlich unspektakulären 68-jährigen Mannes.

Spektakulär jedoch, wie Julia Wolf die Erfahrungen der Wiederaufbau-Generation examplarisch zum Leben erweckt. Streckenweise ist das Buch sehr komisch, denn immer wieder verstrickt sich Walter in Selbstbetrug und Selbsttäuschung. Die ganze Konstruktion des Romans bereitet Vergnügen. Dieses Hin und Her, vor und zurück der Erinnerungen - da schwimmt man gerne mit, in diesem Bewusstseinsstrom des Walter Nowak.

Feridun Zaimoglu "Evangelio"

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Cover Feridun Zaimoglu: "Evangelio. Ein Luther-Roman"

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Martin Maria Schwarz (hr2-kultur): Zaimoglu nimmt sich des Innenlebens von Martin Luther an und zwar in einer relativ kurzen Phase von Luthers Leben. Der Roman reicht von der Ankunft auf der Wartburg bis hin zu den Übersetzungsarbeiten am Neuen Testament. Wir erleben also einen Luther, der noch um sein Leben fürchten muss und der noch gar weiß, wohin das alles führen soll.

Zaimoglu ist ein cleverer Kniff gelungen. Der Erzähler des Romans ist ein Landsknecht, der zu Luthers Schutz abgestellt wurde und der in Streitgesprächen mit Luther dessen Gedankenwelt erforscht. Der Leser kommt so dem Geschehen auf glaubwürdige Weise sehr nahe. Durch die von Zaimoglu geschaffene derbe Kunstsprache meint man, im frühen 16. Jahrhundert unterwegs zu sein. Diese Diktion macht Spaß, aber sie verlangt dem Leser auch einiges ab. Es ist hoch lohnenswert, sich mit diesem Luther zu beschäftigen.