Szene aus den NSU-Monologen
Szene aus den NSU-Monologen Bild © Uli Malende

Drei Schicksale, drei Familiengeschichten: Das Bühnenstück "NSU-Monologe" gibt den Opfern der rechten Terrorzelle und ihren Familien eine Stimme. Ein Gespräch mit Regisseur Michael Ruf vor dem Gastspiel in Frankfurt.

Zehn Morde hat die rechtsextreme Terrorzelle NSU in Deutschland verübt, zwei Opfer lebten in Hessen. Die strafrechtliche Aufarbeitung dauert noch an, im Hessischen Landtag befasst sich ein Untersuchungsausschuss mit Ermittlungspannen. Erst in der vergangenen Woche schilderte der Vater des Kasseler Opfers Halit Yozgat, wie er seinen sterbenden Sohn fand. Am Mittwoch plädiert im Münchner NSU-Prozess die Familie des Kasseler Opfers Halit Yozgat.

Am Donnerstag (7. Dezember) gastiert die Berliner "Bühne für Menschenrechte" mit einem ganz besonderen Stück im Frankfurter Gallus-Theater. Regisseur Michael Ruf gibt in den "NSU-Monologen" den Opfern und ihren Familien eine Stimme.

hessenschau.de: Was erwartet die Zuschauer bei den NSU-Monologen?

Weitere Informationen

NSU-Monologe

Theater und Gesprächsrunde: Donnerstag, 7. Dezember, 19 Uhr, Eintritt: 5 Euro
Gallus-Theater, Kleyerstraße 15, 60326 Frankfurt, Veranstalter:
DIDF Jugend Frankfurt

Ende der weiteren Informationen

Michael Ruf: Die NSU-Monologe erzählen von den jahrelangen Kämpfen dreier Familien der Opfer des NSU - von Elif Kubasık, Adile Simsek und İsmail Yozgat: von ihrem Mut, in der ersten Reihe eines Trauermarschs zu stehen, von der Willensstärke, die Umbenennung einer Straße einzufordern und vom Versuch, die eigene Erinnerung an den geliebten Menschen gegen die vermeintliche Wahrheit der Behörden zu verteidigen.

Die NSU-Monologe sind dokumentarisches, wortgetreues Theater, mal behutsam, mal fordernd, mal wütend – roh und direkt liefern sie uns intime Einblicke in den Kampf der Angehörigen um Wahrheit und sind in Zeiten des Erstarkens von Rechtsextremismus an Aktualität kaum zu überbieten.

hessenschau.de: Wie sind die Texte zustande gekommen?

Ruf: Mit Adile Simsek und Elif Kubasık habe ich jeweils ein ganztägiges Interview geführt. Im Falle von Ismail Yozgat hat uns die Familie Yozgat verschiedene Materialien anvertraut, wie Transkripte öffentlicher Reden oder Gerichtsprotokolle. Eine besondere Herausforderung war, die Beteiligten zu überzeugen, an dem Projekt überhaupt teilzunehmen, da sie sonst Interviewgesuche immer abgelehnt haben. Als ihre Anwälte sich dann unsere bisherige Arbeit live angesehen haben, machte dies den Unterschied.

hessenschau.de: Zwei der drei Monologe betreffen Fälle aus Hessen. Eignen sie sich besonders gut für die Umsetzung auf der Bühne?

Ruf: Ein Schauspieler erzählt die Geschichte des Kasselers Ismail Yozgat. Dabei verwenden wir Originalaussagen von Herrn Yozgat im Münchner Gerichtssaal. Diese Aussagen auf der Bühne zu hören, berührt mich jedes mal von Neuem. Es ist, als wären wir mitten in diesem Gerichtssaal.

hessenschau.de: Wie aktuell sind die NSU-Monologe? Fließen Aussagen vor Gericht noch mit in die Aufführungen ein?

Szene aus den NSU-Monologen
Szene aus den "NSU-Monologen" Bild © Uli Malende

Ruf: Unser Ziel ist es weniger, das Theaterstück permanent upzudaten. Stattdessen möchten wir die menschlichen Geschichten hinter dem Thema NSU erzählen. Ayse Yozgat hat vor kurzem beim hessischen Untersuchungsausschuss gesagt: "Er war mein einziger Sohn, und selbst wenn ich zehn Söhne gehabt hätte: Er ist mein Leben gewesen, mein ein und alles, mein Kind." - Was es also für die Familie Yozgat bedeutet, ihren Halit zu verlieren, dies steht im Mittelpunkt des Theaterstücks. Und wir erzählen die rassistischen polizeilichen Ermittlungsmethoden gegen die Hinterbliebenen nach den Morden.

Dennoch gibt es eine Aktualisierung durch das Publikumsgespräch nach der Darbietung. In Frankfurt wird Seda Basay, Nebenklageanwältin von Frau Simsek, dem Publikum Rede und Antwort zu aktuellen Entwicklungen im Münchner Prozess stehen.

hessenschau.de: Ihr Stück ist nicht laut, kommt ohne großes Bühnenbild aus. Wirkung erzielen Sie auf andere Weise.

Ruf: Es gibt keine Kulisse, keine Kostüme. Unser Theater ist wortgetreu. Wir führen Interviews, verdichten die Erzählungen dann lediglich, ändern die sprachliche Ausdrucksweise nicht und erfinden nichts hinzu. Das Publikum hört somit authentische Geschichten.

hessenschau.de: Die "Bühne für Menschenrechte" ist kein festes Ensemble. Was ist die Besonderheit Ihrer Truppe?

Ruf: Mittlerweile haben 400 Schauspieler und Musiker unsere Produktionen bundesweit aufgeführt. Fast jede Aufführung ist somit anders. Somit können wir die NSU-Monologe, genauso wie zuvor die Asyl-Monologe und Asyl-Dialoge an jedem Ort und zu jeder Zeit aufführen. So können wir etwas gegen Rassismus erreichen.