Nach der Exhumierung einer Kinderleiche hat die Staatsanwaltschaft Hanau Anklage gegen eine 70-Jährige erhoben. Sie soll vor 29 Jahren als Anführerin einer Sekte einen Jungen ermordet haben - weil sie ihn für eine "Reinkarnation Hitlers" hielt.

Ein Stapel Akten
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Die Verdächtige habe nach derzeitigem Ermittlungsstand das damals vier Jahre alte Kind im August 1988 "aus niedrigen Beweggründen und grausam getötet", teilte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit. Der kleine Junge war ihr von dessen Mutter in Obhut gegeben worden.

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Demnach legte die Beschuldigte den Jungen bis über den Kopf in einen Leinensack eingeschnürt ins Badezimmer, damit er dort schlafe. Danach habe sie das Kind seinem Schicksal überlassen, obwohl sie dessen intensive Panikschreie gehört habe. Der Junge sei daraufhin in dem Sack verstorben.

Leiche nach 29 Jahren ausgegraben

29 Jahre lang glaubte man, der Vierjährige sei ohne Fremdverschulden erstickt. Im Sommer dieses Jahres waren an dieser Version aber Zweifel aufgekommen. In den Fokus der Ermittlungen geriet ein Paar aus dem Main-Kinzig-Kreis, das in den 1980er Jahren Pflegekinder aufgenommen haben soll. Später soll es eine sektenähnliche Gemeinschaft gegründet haben.

Um Aufschluss über die tatsächliche Todesursache zu erhalten, wurde die auf einem Friedhof in Hanau-Kesselstadt begrabene Leiche des Jungen im Juli exhumiert. Welche Erkenntnisse aus der Untersuchung der Überreste gewonnen wurden, wollte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Mittwoch nicht sagen.

Junge als "Reinkarnation Hitlers" bezeichnet

Zur Mordanklage habe letztlich "eine Gesamtschau der Erkenntnisse", bestehend unter anderem aus einer Vielzahl von Zeugenvernehmungen, Schriftstücken und Datenträgern geführt, so der Sprecher. Die Frau habe gegenüber anderen Mitgliedern der Gemeinschaft, deren "Anführerin" sie gewesen sei, das Kind als "Schwein" und "Reinkarnation Hitlers" bezeichnet. Sie habe außerdem geäußert der Junge sei "von den Dunklen besessen". Zur Sekte sagte der Sprecher, diese habe sich mit Traumdeutungen beschäftigt.

Trotz der Mordanklage bleibt die Frau auf freiem Fuß, wie der Sprecher sagte. Ein Haftbefehl sei nicht beantragt worden. Wann die Verhandlung beginnt, steht noch nicht fest. Gegen den Ehemann der 70-Jährigen liegen den Angaben zufolge keine Anschuldigungen vor.