Sea Eye, Flüchtlinge, Johanna Rockenbach
Ärztin Johanna Rockenbach versorgt an Bord der "Seefuchs" Flüchtlinge, die auf ihrer Flucht in Lebensgefahr geraten. Bild © sea-eye.org/ Johanna Rockenbach

Tausende sind schon auf der Flucht von Afrika nach Europa im Mittelmeer ertrunken. Die Gießener Ärztin Johanna Rockenbach sticht demnächst in See, um Flüchtlinge zu retten. Sie sei "voller Vorfreude", sagt sie im Interview.

Ihren Flug nach Malta zahlt sie selbst, für ihren zweiwöchigen Einsatz auf dem Schiff "Seefuchs" bekommt sie kein Geld. Johanna Rockenbach ist 27 Jahre alt, seit eineinhalb Jahren Ärztin und bereit, eine große Verantwortung als einzige Ärztin an Bord zu übernehmen. Ihr Einsatz für die Hilfsorganisation Sea-Eye startet am 11. August und dauert zwei Wochen. Im hessenschau.de-Interview erzählt sie, warum sie diesen Einsatz so wichtig findet, wie ihre Arbeit aussieht und warum sie Vorwürfe, Hilfsorganisationen würden Schleppern in die Hände spielen, zurückweist.

hessenschau.de: Was ist Ihre Motivation, sich als Seenotretterin zu engagieren?

Johanna Rockenbach: Ich möchte Menschenleben retten und meine Bildung und mein medizinisches Wissen denen zur Verfügung stellen, die nicht wie ich das Glück hatten, in Deutschland geboren worden zu sein. Ich wollte schon seit meiner Kindheit Menschen irgendwie helfen können. Unter anderem deswegen habe ich Medizin studiert.

hessenschau.de: Warum haben Sie sich die Organisation "Sea-Eye" für Ihr Engagement ausgesucht?

Rockenbach: Zum Thema Mittelmeer habe ich im Februar einen Artikel im Ärzteblatt gelesen über die verschiedenen NGOs (Nichtregierungsorganisationen, d. Red.), die dort im Einsatz sind. Das war für mich der Anlass, mich auch zu bewerben, mitzumachen. Ich habe mich nicht nur bei Sea-Eye beworben, sondern auch bei sechs anderen NGOs. Sea-Eye hat mich schnell genommen. Gut so, ich wollte schnell loslegen, weil die Probleme im Mittelmeer absolut akut sind.

hessenschau.de: Werden Sie bezahlt für ihren Einsatz?

Rockenbach: Nein, im Gegenteil. Ich fliege auf eigene Kosten nach Malta und arbeite auf dem Schiff ehrenamtlich, bekomme also kein Geld dafür.

Sea Eye
Das Team von Sea-Eye versorgt Flüchtlinge auf dem Mittelmmer primär mit Schwimmwesten und Wasser. Nur medizinische Notfälle werden an Bord der "Seefuchs" genommen und von Johanna Rockenbach versorgt. Bild © sea-eye.org

hessenschau.de: Wie arbeitet Sea-Eye?

Rockenbach: Sea-Eye schickt das Schiff von Malta aus ins Mittelmeer. Die Einsätze dauern meistens zwei Wochen, länger hält man das psychisch schlecht aus. Ein Einsatzteam besteht aus sieben bis zehn Kräften, davon ein Kapitän, ein Maschinist und ein Arzt. Der Rest ist Deckpersonal und Meeresbeobachter, die mit Wärmebildkameras nach Flüchtlingsbooten Ausschau halten.

Sea Eye Seenotrettung
An Bord der "Seefuchs" fährt Ärztin Johanna Rockenbach über das Mittelmeer und versorgt Menschen in Lebensgefahr. Bild © sea-eye.org

hessenschau.de: Was passiert, wenn ein Boot gesichtet wurde?

Rockenbach: Wir melden das Boot nach Italien an die MRCC, das ist die Seenotleitzentrale der italienischen Küstenwache in Rom. Diese Stelle gibt dann den Auftrag, ob man das Boot sofort retten soll oder nicht. Es geht darum, die Notfälle, die auf diesen Booten vorliegen, etwa Hochschwangere, Menschen mit Verätzungen oder Dehydratationen zu untersuchen und zu entscheiden, ob sie noch 24 Stunden durchhalten können, bis die Küstenwache ein großes Schiff schickt, das sie nach Italien bringt. Oder eben nicht. Dann helfen wir.

hessenschau.de: Was genau ist Ihre Aufgabe an Bord der "Seefuchs"?

Sea Eye Seenotrettung
An Bord der Seefuchs können bis zu drei Menschen akut medizinisch versorgt werden. Bild © sea-eye.org

Rockenbach: Ich mache die Akutversorgung. Dafür gibt es an Bord der "Seefuchs" einen Raum, dort kann ich bis zu drei Menschen aufnehmen. Den Rest muss ich an Deck versorgen. Wir können keine Flüchtlinge aufnehmen, unser Boot ist dafür einfach zu klein, und wir sind auch nicht dafür zuständig, die Flüchtenden irgendwo hinzufahren. Wir dürfen sie mit Rettungswesten und Wasser ausstatten und die Notfälle behandeln. Nur wenn das Boot, oft sind das ja Schlauchboote, gerade am Untergehen ist, können wir es evakuieren und die Menschenleben natürlich retten.

hessenschau.de: Und Sie sind also zwei Wochen lang die einzige Ärztin an Bord der "Seefuchs"?

Rockenbach: Ja, ich bin dann die einzige Ärztin. Manchmal hat man noch das Glück, einen Rettungssanitäter dabei zu haben. Letztendlich bin ich mit den medizinischen Entscheidungen alleine. Aber es gibt einen "medizinischen Hintergrunddienst Telemedizin". Das sind zwei sehr erfahrene, deutsche Fachärzte, die ich per Satellitentelefon notfalls anrufen kann. Das ist gut, wenn es funktioniert. Ich wäre aber sehr glücklich, wenn mehr Ärzte auch mit mehr Erfahrung und Spezialisierungen an Bord wären. Sea-Eye sucht auch noch erfahrene Ärzte.

hessenschau.de: Wie bereiten Sie sich auf Ihren Einsatz auf dem Mittelmeer vor?

Rockenbach: Mir ist bewusst, welche Art von Notfällen da auf mich zukommen können. Ich habe in der Geburtshilfe und in der Anästhesie hospitiert. Dort übe ich etwa Intubation (Einführen eines Beatmungsschlauchs, d. Red.). Die Kollegen unterstützen mich und den Einsatz dadurch also auch. Ich arbeite in Deutschland auch in der Ambulanz einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Erfahrung mit der Arbeit mit Flüchtlingen und Notfällen habe ich also bereits.

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Kritik am Einsatz der Hilfsorganisationen auf dem Mittelmeer

Der Vorwurf, die Arbeit der NGOs im Mittelmeer locke Flüchtlinge und bringe somit mehr Menschen dazu, die gefährliche Flucht anzutreten, kam unter anderem von der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex) und dem österreichischen Außenminister Sebastian Kurz. Der CDU-Innenexperte der Unionsfraktion im Bundestag, Stephan Meyer, sprach im Juni im ZDF (Berlin direkt) von einem "Shuttle-Service nach Italien" und vermutete, Schlepper würden extra seeuntaugliche Boote losschicken, da sie wüssten, dass die Menschen schnell von den NGOs aufgegriffen würden.

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hessenschau.de: Wie stehen Sie zum Vorwurf, gerade die Rettungsaktionen von NGOs würden Flüchtlinge besonders motivieren, nach Europa zu kommen, sie seien "Taxi für Flüchtlinge".

Rockenbach: Es gibt ja Studien, die beweisen, dass nicht dadurch mehr Menschen die Flucht über das Mittelmeer antreten, weil NGOs Rettungen durchführen. Ich persönlich denke: Menschen flüchten nur aus ihrem Land, wenn sie keinen Ausweg mehr sehen. Sie wissen, dass es lebensgefährlich ist für sie auf dem Mittelmeer. Es sterben immer noch so viele auf der Flucht. Ich glaube nicht, dass sie sich durch unsere Arbeit so sicher fühlen, dass plötzlich mehr Menschen deswegen fliehen. Der Push-Effekt durch Krieg und Hungersnot ist sicher größer als der Pull-Effekt durch unsere Einsätze.

hessenschau.de: Ist Ihnen schon mal Hass oder Ablehnung entgegen geschlagen, wenn Sie sich als Seenothelferin geoutet haben?

Rockenbach: Nein. Aber ich bewege mich auch nicht in Kreisen, die solchen Themen ablehnend gegenüberstehen. Eher im Gegenteil, ich stoße auf Interesse und Unterstützung. Mir begegnet eher Angst, die Menschen um mich haben, wenn ich mich jetzt auf den Weg mache. Weil man die Gefahr einfach nicht einschätzen kann.

Sea-Eye, Flüchtlinge, Mittelmeer
Sea Eye-Mitarbeiter versorgen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer mit Rettungswesten und Wasser. Medizinische Notfälle werden behandelt. Bild © sea-eye.org

hessenschau.de: Wird die Arbeit der Seenothelfer Ihrer Ansicht nach ausreichend wertgeschätzt? Sie riskieren schließlich auch Ihr Leben bei den Rettungsaktionen ...

Rockenbach: Die Wertschätzung ist mir letztlich gar nicht so wichtig. Es geht darum, wie ich selber dazu stehe und nicht, wie andere das tun. Wichtig ist mir, dass andere Menschen sich Gedanken machen, ob sie nicht auch helfen wollen. Ich finde, die Seenotrettung ist keine Lösung, aber ein Muss, bis es einen sicheren Weg gibt Asyl zu beantragen.

hessenschau.de: Sind Sie aufgeregt vor Ihrem ersten Einsatz?

Rockenbach: Ja, das bin ich. Und voller Vorfreude, an einer guten Sache beteiligt zu sein. Man wird noch lange von diesen Unglücken und den vielen Toten auf dem Mittelmeer sprechen. Wir brauchen dringend noch mehr Ärzte für solche Einsätze.

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Organisation Sea-Eye

Sea-Eye gibt es seit 2015. Die Organisation hat zwei Kutter, die "Sea-Eye" und die "Seefuchs". 2016 rettete die Organisation rund 5.600 Menschen vor der Küste Lybiens in Seenot. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen 2016 gut 363.000 Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa, etwa 5.000 Menschen ertranken.

Etwa 500 Menschen arbeiten für Sea-Eye, der Einsatz ist ehrenamtlich, die Schiffe finanziert Sea-Eye über Spenden. Die Sea-Eye-Crew versorgt in Seenot geratene Schiffe mit Schwimmwesten und Wasser und holt Hilfe von der italienischen Küstenwache. Medizinische Notfälle werden an Bord der Schiffe sofort behandelt. Sea-Eye handelt nach dem internationales Seerecht: Seenotrettung bedeutet, Menschen in Seenot zu retten, indem sie aus hochseeuntauglichen Booten aufgenommen und zu sicheren Häfen (Lybien zählt nicht dazu) gebracht werden.

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Das Gespräch führte Katrin Kimpel.