Mit der wasserdichten Packtasche durch den Main: Jutta Maaßen schwimmt zur Arbeit.
Mit der wasserdichten Packtasche durch den Main: Jutta Maaßen schwimmt zur Arbeit. Bild © ARD

Früher nahm Jutta Maaßen die Fähre, um von Seligenstadt über den Main zur Arbeit zu fahren. Aber dann strich die Stadt den Schiff-Fahrplan zusammen. Und so sieht die Ingenieurin nur noch eine Möglichkeit, rechtzeitig ins Büro zu kommen.

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Jutta Maaßen mag es sportlich. Seit Jahren fährt sie von Rodgau (Offenbach) mit dem Rad zu ihrem Arbeitsplatz, dem Innovationspark Karlstein. Der befindet sich direkt gegenüber von Seligenstadt - nur eben auf der anderen Mainseite in Bayern. Insgesamt sind das etwa neun Kilometer.

Pendlerin mit Flossen

Zum Radfahren ist nun eine zweite Disziplin dazugekommen: Schwimmen. Denn während man früher den Fluss bequem schon frühmorgens mit der Seligenstädter Fähre überqueren konnte, startet diese ihren Betrieb seit drei Monaten erst um 9.45 Uhr - zu spät für Maaßen, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen.

Und so griff die Rodgauerin zu einer ungewöhnlichen Maßnahme. Jeden Morgen lässt sie ihr Rad am Mainufer stehen und zieht sich Schwimmflossen an. Dann durchquert sie mit ihrer Packtasche den rund 100 Meter breiten Fluss, zieht sich um, besteigt ein zweites, auf der bayerischen Seite geparktes Rad und fährt die letzten Meter bis zu ihrem Arbeitsplatz.

Nächste Brücke zu weit weg

Eine Brücke gibt es zwar, doch die ist gut vier Kilometer entfernt. "Für mich wären das 50 Minuten Umweg", sagte Maaßen im Gespräch mit hessenschau.de. "Durch den Main brauche ich fünf Minuten."

Ihr Arbeitgeber weiß Bescheid, begeistert sind die Kollegen nicht. Sie machen sich Sorgen um die 50-Jährige. Die allerdings hält das Durchqueren des Flusses nicht für riskant. "Mit meinen Flossen bin ich in wenigen Sekunden am Ufer, wenn ein Schiff kommt", sagte die passionierte Taucherin.

Durch den Main schwimmen ist nicht verboten

Beim zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Aschaffenburg ist man gelassen. "Wir warnen vor dem Baden in Flüssen", sagte zwar Sprecher Stephan Momper - vor allem wegen der Gefahren durch die Strömung und die Schifffahrt. Verboten ist es aber nicht. Laut der Verordnung zur Nutzung von Bundeswasserstraßen darf nur in einem bestimmten Umkreis von Anlagen wie Brücken oder Schleusen nicht gebadet werden.

Dass Maaßens Schwimmerei Aufmerksamkeit für ihr Anliegen erregt, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Ihre Aktion ist aber nicht primär als Protest gedacht. Es gebe eine Unterschriftenaktion zur Wiederaufnahme der alten Betriebszeiten der Fähre, die sie auch unterschrieben habe. Initiiert habe sie sie entgegen anderslautenden Meldungen aber nicht.

Unterschriftenaktion läuft

Seligenstädts Erste Stadträtin Claudia Bicherl sieht Maaßens originelle Selbsthilfe durchaus positiv. "Sie leistet ja körperliche Höchstarbeit", sagte die CDU-Frau voller Bewunderung. "Ich finde es eine tolle Aktion, um auf etwas aufmerksam zu machen." Denn dass Maaßen mit ihrer Schwimmaktion nicht nur sich selbst, sondern auch etwas im Bewusstsein der Verantwortlichen bewegen will, davon ist die Stadträtin überzeugt.

Der verkürzte Fährbetrieb sei von der Koalition aus SPD, FDP und Freien Wählern durchgesetzt worden, um Personalkosten zu sparen, erklärte Bicherl. CDU und Grüne seien dagegen gewesen. Die ehemals zwei Schichten wurden zu einer zusammengelegt. Seitdem startet die Fähre nicht nur gut vier Stunden später, es gibt auch eine Mittagspause von 13.15 bis 14.15 Uhr.

Murren in der Stadt

"In der Stadt wird schon geknoddert", sagte Bicherl. "Viele Geschäfte beschweren sich." Und auch die Hotels in der Stadt hätten mit Umsatzeinbußen zu kämpfen, weil Tagungsgäste von der anderen Mainseite nicht mehr in Seligenstadt übernachteten. Die Stadträtin hält es für möglich, dass das Wirkung zeigen könnte.

Bislang sieht es aber so aus, als müsse sich Jutta Maaßen bis zum kommenden Winter etwas einfallen lassen. Dann fährt die Fähre noch seltener. "Das Wasser hat Anfang Dezember noch über 10 Grad, da kann man schon noch schwimmen." Doch die Kombination aus Nässe und Kälte und die zusätzliche Kleidung könnten zum Problem werden. "Dann werde ich mir wahrscheinlich ein Auto kaufen müssen."

Sendung: Maintower, 28.7.2017, 18.00 Uhr