Viele Autos stehen durcheinander, im Hintergrund ein Feuerwehrfahrzeug.
Wo bitte geht's denn hier zur Rettungsgasse? Situation am Mittwochnachmittag auf der A5, im Hintergrund ein Feuerwehrauto. Bild © Feuerwehr Mörfelden

Ein Mann verunglückt auf der Autobahn - und die Rettungskräfte erreichen ihn nicht, weil die Autofahrer keine Rettungsgasse bilden. Als sie zu Fuß weiterlaufen, werden sie sogar angepöbelt. 30 der Blockierer will die Feuerwehr nun anzeigen.

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Theo Herrmann ist auch einen Tag danach noch fassungslos: "Die haben mich gefragt, was ich mir einbilden würde, wer ich überhaupt sei, und ich soll nicht so einen Zirkus machen." 59 Jahre ist Herrmann alt, seit 46 Jahren ist er bei der Feuerwehr Mörfelden, inzwischen als stellvertretender Stadtbrandinspektor - "aber das hab ich noch nicht erlebt. Das ist eine neue Dimension", sagt er. Angepöbelt, von wildfremden Menschen. Und alles nur, weil er einem Schwerverletzten helfen wollte.

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Rettungsgasse

Fehlende Rettungsgassen sind immer wieder ein Problem. Wie man sich richtig verhält, erfahren Sie hier.

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Was war passiert? Bei Arbeiten an einer Autobahnbrücke bei Weiterstadt stürzte am Mittwoch gegen 16.20 Uhr ein Gerüstbauer fünf Meter in die Tiefe auf einen gesperrten Abschnitt der A5 in Richtung Süden. Der 49-Jährige verletzte sich schwer. An der Unglücksstelle bildete sich schnell ein Stau. Notarzt und Feuerwehr wurden alarmiert.

"Ein paar Schlaumeier"

Ein Polizeiwagen mit dem Signal "Bitte Rettungsgasse bilden" führte zwei Rettungswagen durch den Stau, die Autofahrer fuhren auch wie verlangt nach links und rechts, um die Fahrzeuge durchzulassen - dann aber meinten "ein paar Schlaumeier", wie Herrmann sagt, sie könnten hinter den Fahrzeugen her ebenfalls durch die Rettungsgasse fahren und so schneller durch den Stau kommen.

Als drei Großfahrzeuge der Feuerwehr Mörfelden - in einem davon saß Herrmann - und ein Notarztwagen ebenfalls noch durch die Rettungsgasse wollten, war die nun verstopft. "Für die ersten zwei Kilometer haben wir über 20 Minuten gebraucht. Dann ging gar nichts mehr. Da haben wir die Fahrzeuge abgestellt, unsere Sani-Rucksäcke geschnappt und sind die letzten 800 Meter, mit Uniform und Helm, zu Fuß gegangen", sagt Herrmann. Unterwegs hätten sie die Verkehrsteilnehmer auf ihren Fehler hingewiesen - und wurden ausgelacht.

"Dann hab ich halt Pech gehabt"

"Wir sind freiwillig dort", sagt Herrmann, "und wir sind da, um zu helfen, nicht, um uns anpöbeln zu lassen". Er habe den Leuten gesagt, sie sollten sich vorstellen, sie selbst wären verunglückt - "dann sagen die einfach: 'Dann hab ich halt Pech gehabt'". Von rund 30 besonders dreisten Autofahrern haben die Rettungskräfte Fotos gemacht, sie sollen am Freitag zur Anzeige gebracht werden. Die Bild-Zeitung hatte zuerst von der neuen Entwicklung berichtet. Unklar ist noch, ob dann wegen einer Ordnungswidrigkeit oder eines Straftatbestandes ermittelt wird.

So bildet man eine Rettungsgasse
Bild © hessenschau.de

Bis Freitagmittag traf jedoch noch keine Anzeige bei der Autobahnpolizei oder im Polizeipräsidium Südhessen ein, wie dessen Sprecher Bernd Hochstädter sagte. Dabei hätten ihm die Mörfelder Feuerwehrleute gesagt, dass sie die Anzeigen bereits geschichkt hätten. Womöglich sei der Mail-Server mit den E-Mails mit vielen angehängten Fotos überfordert, sagte Hochstädter.

Zeit für die Bilder war nur, weil der Verletzte inzwischen erstversorgt war: Zufälligerweise war ein Notarzt auf der Gegenrichtung an der Unfallstelle vorbeigekommen, der kümmerte sich um den Gerüstbauer, bis auf der Gegenspur der Rettungshubschrauber landete und den Mann in ein Frankfurter Krankenhaus brachte. "Aber wenn da jemand eingeklemmt ist und wir kommen nicht durch, da geht es um Minuten. Bis wir uns eine halbe Stunde lang durch den Stau gekämpft haben, ist der verblutet", sagt Herrmann.

Rettungsgassen sind ein Dauerstreitfall

Immer wieder wird in Hessen über Rettungsgassen diskutiert. So verzögerte sich der Einsatz vor drei Wochen auf der A67 bei Rüsselsheim um rund eine Stunde, weil keine Rettungsgasse gebildet oder wieder geschlossen wurde. Vor zwei Wochen mussten Helfer auf der A7 bei Kassel-Mitte zwei Kilometer weit laufen. Das Problem hier war aber: Aufgrund einer Baustelle war die Autobahn so schmal, dass keine Rettungsgasse möglich war.

Das war am Mittwoch auf der A5 aber nicht der Fall - die ersten Krankenwagen kamen ja durch. Am meisten ärgert sich Herrmann über die Reaktion der Betroffenen. "Es kommt immer mal wieder vor, dass einer die Rettungsgasse verschläft oder auch, dass Leute Fotos machen. Aber diese absolute Gleichgültigkeit, die ist neu."

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Rettungsgasse

Die Pflicht zur Rettungsgasse wird in der Straßenverkehrsordnung in Paragraph 11, Absatz 2 geregelt. Sie ist einzuhalten, auch wenn gar keine Notfallsituation vorliegt. Und zwar immer zwischen dem linken und den übrigen Fahrstreifen. Wer sich nicht daran hält, dem droht ein Ordnungsgeld von 20 Euro. Anderswo ist das teurer: In Österreich kostet das Zuwiderhandeln 726 Euro.

Daneben gibt es den Straftatbestand "Widerstand gegen Personen, die Vollstreckungsbeamten gleichstehen", geregelt im Paragrafen 114 Strafgesetzbuch. Demnach wird "bestraft, wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not Hilfeleistende der Feuerwehr, des Katastrophenschutzes oder eines Rettungsdienstes durch Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt behindert oder sie dabei tätlich angreift".

Dieser Straftatbestand liegt nach Meinung von Polizei und Staatsanwaltschaft in Darmstadt im aktuellen Fall nicht vor. Dazu müsse Vorsatz nachgewiesen werden, außerdem Gewalt bei der Behinderung der Feuerwehrleute.

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