Kriminalfälle
Bild © Michael Seeboth (hr), picture-alliance/dpa

Eine Gerichtsreporterin hat es fast täglich mit tragischen Schicksalen und menschlichen Abgründen zu tun. Doch es gibt Fälle, die sind einzigartig. Vier Fälle aus dem Jahr 2017, die in Erinnerung bleiben werden.

Externer Inhalt
Ende des externen Inhalts

Damit hatte kaum noch jemand gerechnet: Am Abend des 25. Oktober 2017 meldeten die Ermittler in einer Pressemitteilung einen Fahndungserfolg im Fall Johanna Bohnacker. 18 Jahre nach dem gewaltsamen Tod des Mädchens. Ein emotionaler Moment auch für hr-Gerichtsreporterin Heike Borufka. Sie hatte den Fall von Anfang als Reporterin begleitet. Besonders wichtig waren für sie aber auch drei weitere Fälle im 2017.

Fahndungserfolg nach 18 Jahren: Der Fall Johanna Bohnacker

Johanna Bohnacker
Johanna Bohnacker Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Ein blondes langhaariges Mädchen: acht Jahre alt. Ein neugieriges Gesicht. Zu sehen auf einem riesengroßen Plakat an einer Landstraße in der Wetterau. "Wo sind die Mörder?", steht auf dem Plakat und: "Gesucht seit 2.9.99." Es ist das Bild, das 18 Jahre später wieder zu sehen ist: im Fernsehen, in den Zeitungen. Es ist das Foto von Johanna Bohnacker, verschwunden vor 18 Jahren in Ranstadt-Bobenhausen.

Johannas Eltern haben das Andenken an ihre Tochter immer hochgehalten. Auf sehr besondere Weise. Nicht nur auf dem Plakat, auch mit einem offenen Brief an den Täter. Sehr persönlich. Auch emotional, aber Gabriele und Richard Bohnacker ließen sich öffentlich nie von ihren eigenen Gefühlen beherrschen. Vielleicht ist genau das der Grund dafür, warum die Anteilnahme an dem Verbrechen und der Wunsch nach Aufklärung immer so stark blieben und weshalb dieser Fall näher ging als andere.

Eine Festnahme, wie aus dem Nichts

Möglicherweise ist das auch der Grund dafür, dass fast 18 Jahre nach der Plakataktion die Anteilnahme an der Aufklärung des Falls so stark war. Am 25. Oktober um 19.35 Uhr meldeten Gießener Polizei und Staatsanwaltschaft, womit nicht mehr viele gerechnet hatten: "Festnahme im Fall Tötungsdelikt zum Nachteil von Johanna Bohnacker (1999/2000)."

Ein 41-Jähriger aus Friedrichsdorf im Taunus hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den "überwiegenden Teil des Tatvorwurfs" schon gestanden. Heißt: Er gibt die Sexualtat zu, nennt die Tötung von Johanna aber einen Unfall.

Warum berührt mich dieser Fall so? Vielleicht auch, weil ich die Eltern persönlich kennengelernt habe, sie lange interviewte, weil daraus ein Feature entstand - 27 Minuten, in denen es um die Frage ging: Wie lebt man damit, wenn das eigene Kind plötzlich verschwindet, neun Monate später die Leiche gefunden, aber der Täter nicht ermittelt wird.

Und plötzlich ist er doch gefasst, sind erste Fragen beantwortet. Etwa die, an welchem Tag Johanna gestorben ist. Gabriele Bohnacker will sich dazu nicht mehr äußern. Seit vielen Jahren ist Johannas Mutter nicht mehr öffentlich aufgetreten. Ihr Ehemann ist vor einiger Zeit schon gestorben.

Abschiebung eines Offenbacher Bub: Der Fall Sanel M.

Zivile Beamte bringen Sanel M. am Donnerstagmorgen zur Bundespolizei am Frankfurter Flughafen.
Zivile Beamte bringen Sanel M. zur Bundespolizei am Frankfurter Flughafen. Bild © Michael Seeboth (hr)

Sanel M. ist ein Offenbacher Bub. Das haben seine Anwälte immer betont - und das war auch immer wieder Thema im Prozess vor dem Darmstädter Landgericht um den gewaltsamen Tod der Studentin Tugce Albayrak.

Doch das hielt die Justiz nicht auf, den mittlerweile 21-Jährigen abzuschieben. Am 20. April – zweieinhalb Jahre nach seiner Tat und am Ende seiner Haftstrafe – wurde er im Gefängnis in Wiesbaden abgeholt und nach Serbien ausgeflogen.

Ausländerbehörde: Resozialisierung wird scheitern

Sanel M., der in Hessen aufwuchs, aber keinen deutschen Pass hat, wurde abgeschoben, obwohl ihm ein Gutachter eine gute Sozialprognose bescheinigte. Am Ende half auch die Einschätzung einer Sprecherin des Wiesbadener Amtsgerichts nicht, er habe seine Taten bereut. Die zuständige Ausländerbehörde blieb dabei: Sanel M. werde weitere Straftaten begehen, seine Resozialisierung werde angesichts seiner mangelnden Integration in der Bundesrepublik scheitern.

Zwei Gerichte bestätigten dies: das Verwaltungsgericht in Wiesbaden und der hessische Verwaltungsgerichtshof. Dass Sanel M. in Deutschland groß und in dieser Gesellschaft zum Kriminellen geworden war, kein Serbisch spricht und nur ferne Verwandte in Serbien hat, spielte keine Rolle.

Wenn Abschiebung scheitert: Der Fall Haykel S.

Seit Monaten sollte der terrorverdächtige Tunesier Haykel S. abgeschoben werden. Seit Monaten bemühten sich die Ausländerbehörde Frankfurt und das hessische Justizministerium darum. Vergeblich. Und das, obwohl es diverse Gerichtsentscheidungen gab, die eigentlich eine Abschiebung erlaubten. Eigentlich.

Haykel S. saß schon im Flugzeug, war bereits auf dem Rollfeld, als das Verwaltungsgericht Frankfurt Ende März die Abschiebung stoppte. Formal war es die Bundespolizei, den Grund aber lieferten die Verwaltungsrichter mit ihrer Bitte. Sie wollten nicht, dass vor ihrer Entscheidung Fakten geschaffen werden. Schließlich entschieden sie: Haykel S. darf abgeschoben werden, aber nur, wenn die Tunesier zusicherten, dass sie ihn nicht zum Tode verurteilen.

Was folgte, war eine diplomatische Note, also ein staatliches Schreiben. Aber das reichte den Verwaltungsrichtern nicht. Folglich entschieden sie: Haykel S. darf nicht abgeschoben werden. Derweil hob der Bundesgerichtshof den Haftbefehl im Strafverfahren auf. Tenor: Das, was die Generalstaatsanwaltschaft gegen den Tunesier in der Hand hat, reicht nicht. Anfang Februar hatte das noch anders geklungen. Da durchsuchten mehr als 1.100 Polizisten in Hessen 54 Wohnungen, Büros und Moscheen.

Warten auf Zusicherungen aus Tunesien

Im Mittelpunkt der Aktion stand Haykel S., der sich als Anwerber und Schleuser des IS ein Netzwerk von Unterstützern aufgebaut und einen Terroranschlag in Deutschland geplant haben soll. Der 36-Jährige sei hochgefährlich, hieß und heißt es.

Nachdem nun dieser als hochgefährlich angesehene Mann drohte, aus der Haft freizukommen, legten Ausländerbehörde Frankfurt und Land Hessen nach. Sie stuften ihn als Gefährder ein und beantragten Abschiebehaft. Damit war das Bundesverwaltungsgericht zuständig. Das teilte im September mit: Der unter Terrorverdacht stehende Tunesier kann abgeschoben werden, vorausgesetzt die tunesische Justiz spielt mit.

Das bedeutete, die nächste diplomatische Note musste her. Dafür ordnete das Frankfurter Amtsgericht die Abschiebehaft bis zum 23. Oktober an. Doch da war die diplomatische Note noch nicht da. Also verlängerten die Richter bis Ende Januar.

Fraglich, ob die Tunesier bis dahin zusichern, was sie schon einmal verwehrten. Nächste Frage: Wird Hessen einen Mann in ein Land abschieben, wo ihm die Todesstrafe droht?

Eine Rapperin, die der Zuhälterei angeklagt ist: Der Fall Schwesta Ewa

Schwesta Ewa
Schwesta Ewa auf der Bühne. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Der Begriff Respekt wird in dem Milieu, aus dem Schwesta Ewa stammt, inflationär eingefordert. Auch vor Gericht spricht die 33-Jährige ehemalige Prostituierte, Rapperin und Musikproduzentin davon. Im Zuschauerraum sitzen jede Menge Männer zu ihrer Unterstützung, viele von ihnen muskelbepackt. Die, denen ihr Respekt gilt.

Ihr Respekt Frauen gegenüber hielt sich dagegen offenbar in Grenzen. Jedenfalls klingen die Tonbandaufnahmen so, die der Anklage zugrunde liegen. Aufnahmen aus der Telefonüberwachung. Beweise ihrer manchmal sehr unbeherrschten, unflätigen Art ihren weiblichen Gesprächspartnerinnen gegenüber.

Doch die Frau, die im fensterlosen Gerichtssaal in Frankfurt auf der Anklagebank sitzt, nötigt dort vielen Respekt ab. Schwesta Ewa scheint ein Gespür dafür zu haben, was opportun ist. Als Angeklagte ist sie dezent gekleidet, kaum geschminkt und trägt ihre Fingernägel rosa lackiert. Sie feixt nicht.

Von der Prostituierten zur Rapperin

Sie triumphiert nicht. Sie zeigt kaum Regungen. Und wenn sie mit dem Vorsitzenden Richter spricht, begegnen sich zwei auf Augenhöhe. Mit der Ewa Malanda, geborene Müller, gegen die wegen Zuhälterei, Menschenhandel, Körperverletzung und Steuerhinterziehung verhandelt wird, die seit 17. November 2016 in Untersuchungshaft sitzt, hat diese Frau nicht viel zu tun.

Schwesta Ewa entschuldigt sich bei ihren Opfern, die gar keine Opfer sein wollen. Als sie ihren Lebenslauf beschreibt, flößt dieser durchaus Respekt ein. Schwesta Ewas Mutter ging auf den Strich, der Vater saß wegen Mordes im Gefängnis. Sie selbst wurde mit 17 Prostituierte. Ungewöhnlich in dem Gewerbe: Ihr Vorstrafenregister ist leer.

Sie wurde irgendwann Crack-abhängig und kam alleine davon los. 2004 machte sie ihren Hauptschulabschluss und zog nach Frankfurt. 2012 trat sie erstmals in einem Song des Gangsta-Rappers Xatar - er sitzt im Gerichtssaal - auf. 2015 erschien ihr Debütalbum. Sie ging fortan nicht mehr anschaffen, sondern ließ andere für sie anschaffen. Und die erzählen vor Gericht, wie sehr sie Schwesta Ewa bewundern. Von Zwang keine Rede. Auch nicht von Gewalt. Ohrfeigen ja, sie sei halt sehr impulsiv, sagen die Frauen.

Verurteilung wegen Steuerhinterziehung und Körperverletzung

Schwesta Ewa wird schließlich im Juni 2017 wegen Steuerhinterziehung und Körperverletzung zu zweieinhalb Jahren verurteilt. Für sie vermutlich viel entscheidender: Nach sieben Monaten kommt sie aus der Untersuchungshaft frei. Beide, die Angeklagte und die Staatsanwaltschaft, haben Revision gegen das Urteil eingelegt.

Ein halbes Jahr nach ihrer Verurteilung hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft zwei weitere Ermittlungsverfahren gegen die Rapperin Schwesta Ewa eingeleitet. Nach Auskunft einer Behördensprecherin wird gegen sie wegen Verleumdung und Beleidigung ermittelt.

Die Musikerin hatte in einem Zeitungsinterview und in einem Internet-Video behauptet, sie sei in der Untersuchungshaft von einem Justizvollzugsbeamten sexuell belästigt worden. In einem zweiten Verfahren geht es ebenfalls um das Video aus dem Internet. Darin hatte sie Staatsanwälte als "Bastarde" bezeichnet.