Ein röhrender Hirsch.
Ein Rothirsch in der Nähe von Hanau. Bild © picture-alliance/dpa

Autobahnen verhindern, dass Hirsche von einem Revier ins andere gelangen - mittelfristig steht damit ihre Gesundheit auf dem Spiel. Förster, Jäger und Wissenschaftler fordern Abhilfe, bevor es zu spät ist.

Erste Anzeichen, dass die Rotwildbestände in Mittelhessen genetisch verarmen, hatte bereits ein Forschungsprojekt vor über 30 Jahren gezeigt. Damals stellten die Wissenschaftler im Krofdorfer Forst nördlich von Gießen und Wetzlar fest, dass die genetische Vielfalt zurückgeht.

Gemeinsam mit den Rotwild-Hegegemeinschaften im Krofdorfer Forst, im Lahn- und im Dill-Bergland sowie im hohen und nördlichen Vogelsberg wurde deswegen mit den Forschern der Uni Gießen ein neue Studie initiiert: Proben von 300 Tieren aus fünf Gebieten haben die Forscher ausgewertet - und herausgefunden, dass die genetische Vielfalt, besonders im Krofdorfer Forst und im nördlichen Vogelsberg, noch weiter zurückgegangen ist.

"Wenn wir das mit einem Kartenspiel vergleichen, dann fehlt den Hirschen mittlerweile ein As im Ärmel“, erklärt Professor Gerald Reiner, der Leiter der Studie. Die Tiere könnten sich nicht mehr so gut an Umweltveränderungen anpassen, zum Beispiel durch den Klimawandel. Mittelfristig gefährde das ihre Gesundheit.

Wild- und Grünbrücken könnten helfen

Autobahnen und andere stark befahrene Straßen, die die Landschaft zerschneiden, sehen die Wissenschaftler als Ursache für diesen Rückgang. Reiner zufolge sind besonders die Verbindung zwischen Gießen und Wetzlar sowie die A5 problematisch. Die zum Teil eingezäunten Autobahnen verhindern, dass Hirsche von einem Revier ins andere wechseln können.

Karte, die den Austausch der Hirsche zeigt.
Je dicker die Pfeile, umso besser können die Hirsche von einem Gebiet ins andere - wo die A5 verläuft, kommen kaum Hirsche vorbei. Bild © Karte von Gerald Reiner

Das sei aber notwendig für die genetische Vielfalt. Vor allem der nördliche Vogelsberg und der Krofdorfer Forst leiden Reiner zufolge darunter. Sprecher der fünf Hegegemeinschaften fordern daher, Wild- oder Grünbrücken zu bauen, um dem Rotwild das Wandern zwischen den Gebieten wieder zu ermöglichen.

Dem schließt sich auch der Landesjagdverband an. Klaus Schwarz von der Hegegemeinschaft Krofdorfer Forst will weitere Maßnahmen, um die Reviere aufzuwerten. "Wir müssen versuchen, die Wälder attraktiv für das Rotwild zu machen, und wollen Ruhezonen schaffen." Dazu gehöre auch, die Besucher in den Wäldern zu lenken, um zu vermeiden, dass sie das Wild stören.

Auch Luchse oder Wildkatzen leiden

Außerdem wollen die Hegegemeinschaften eine Änderung des Jagdgesetzes. Nach der bisherigen Regelung müssen junge Hirsche in den Korridoren zwischen den Rotwildgebieten geschossen werden, um den Baumbestand zu schützen. Das sei aber ebenfalls schlecht für die genetische Vielfalt des Rotwilds, da vor allem junge Hirsche wandern.  

Und es betrifft nicht nur die Hirsche: Das Rotwild sei eine "Leittierart", sagt Professor Reiner. Das bedeutet: Was für diese Tiere gilt, gilt auch für andere Tierarten mit eher geringen Populationen, etwa Luchs oder Wildkatze. Auch sie werden demnach in ihrer Ausbreitung und im Austausch des Genmaterials gehindert.

Sendung: hr1, 12.01.2018, 6.45 Uhr