BTW17 vorläufiges amtliches Endergebnis für Hessen
Das Ergebnis der aktuellen Hochrechnung Bild © infratest dimap

CDU und SPD im neuen Bundestag mit spürbaren Verlusten, AfD auf Platz drei: Hessens Ministerpräsident Bouffier will an Merkels Kurs festhalten, SPD-Landeschef Schäfer-Gümbel schließt ein neues schwarz-rotes Bündnis aus.

Enttäuschung bei der CDU, Niedergeschlagenheit bei der SPD, Jubel bei AfD und FDP - und Abwarten bei den möglichen Partnern einer schwarz-gelb-grünen Jamaika-Koalition: Die Bundestagswahl am Sonntag hat ein einschneidendes Ergebnis gebracht, das vieles ändern wird. Das spiegelt sich auch in den Reaktionen hessischer Politiker.

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zum Video Schäfer-Gümbel (SPD) im hr-Interview

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Nach der krachenden Niederlage seiner Partei mit einem historisch schlechten Ergebnis sprach der hessische SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel im hr-fernsehen von einem "richtig bitteren und schweren Tag".

Eine Neuauflage der Koalition von CDU und SPD lehnte er ab. "Ich sehe keinen Weg dorthin. Wenn man mit einem solchen Ergebnis aus der Großen Koalition herauskommt, dann darf man nicht zurückgehen", sagte Schäfer-Gümbel, der Bundes-Vize seiner Partei ist.

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Alle Bundestagswahl-Ergebnisse aus Hessen

Vom Landesergebnis bis zur kleinsten Gemeinden finden Sie im Laufe des Abends alle Zahlen hier auf einer interaktiven Karte.

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Kurz vor 21 Uhr brachte das erste vorliegende Ergebnis aus einem hessischen Wahlkreis der SPD wenigstens einen kleinen Trost: Ihre Kandidatin Esther Dilcher gewann in Waldeck mit 35,1 Prozent das Direktmandat zurück, das Thomas Viesehohn (CDU) 2013 in der jahrzehntelangen SPD-Hochburg bekommen hatte - damals mit hauchdünnem Vorsprung von 0,2 Prozentpunkten.

Bouffier: "Nicht alles wegschmeißen"

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zum Video Bouffier (CDU) im hr-Interview

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Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sprach sich angesichts des Bundesergebnisses gegen eine Kurswende als Reaktion auf den Erfolg der AfD aus: Man solle jetzt "nicht plötzlich alles wegschmeißen, was wir bis gestern für richtig gehalten haben", sagte Bouffier, der Landesvorsitzender der CDU ist, in der ARD.

Der AfD sei es offenbar gelungen, das gesamte Unbehagen über die Große Koalition einzusammeln. Bouffier betonte zugleich, die CDU habe trotzdem ihre Wahlziele erreicht: Sie sei stärkste Partei, habe Rot-Rot-Grün verhindert und Angela Merkel bleibe Kanzlern. Er räumte aber ein: Die Regierungsbildung werde schwierig. Erfahrungen aus Hessen will er in künftige Verhandlungen einbringen: Die aktuelle schwarze-grüne Koalition sei sehr stabil und erfolgreich, die Zusammenarbeit mit der FDP zuvor sehr gut gewesen.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Merkel-Kritiker Klaus-Peter Willsch zeigte sich reserviert beim Gedanken an eine Jamaika-Koalition. Mit den Grünen, wie er sie mit Jürgen Trittin und Claudia Roth in Berlin erlebt habe, könne er sich dies nur schwer vorstellen. Willsch lag im Wahlkreis Rheingau-Taunus/Limburg am späten Abend uneinholbar vorne, allerdings erzielte auch bei ihm die AfD ein starkes Ergebnis.

Hochrechnung im Detail

Da hatten alle Hochrechnungen des Wahlforschungsinstitut infratest dimap im Auftrag der ARD bestätigt, was sich schon mit der 18-Uhr-Prognose abgezeichnet hatte: Die CDU bleibt stärkste Partei im Bundestag, allerdings mit einem Rekordverlust. Der SPD wird wohl ihr schlechtestes Bundestagswahlergebnis aller Zeiten einfahren. Von den kleineren Parteien legt die AfD am meisten zu und wird klar drittstärkste Fraktion. Die FDP meldet sich wieder im Parlament zurück - und das gleich mit zweistelligem Ergebnis. Linke und Grüne legen leicht zu.

Die Hochrechnung von 01.21 Uhr im Detail:

  • CDU: 32,8% (-8,7)
  • SPD 20,4% (-5,3)
  • Linke 9,1% (+0,5)
  • Grüne 9,0% (+0,6)
  • FDP 10,7% (+5,9)
  • AfD 13,0% (+8,3)
  • Sonstige: 5,0% (-1,3)

Rechnerisch möglich wäre neben der - von der SPD ausgeschlossenen - Neuauflage der schwarz-roten Koalition auch eine sogenannte Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen.

Die hessischen Ergebnisse laufen während des Abends nach und nach ein. Das erste Gemeindeergebnis kam gegen 19 Uhr aus Neuenstein (Hersfeld-Rotenburg). Die ersten Wahlkreisergebnisse werden ab 21 Uhr erwartet, das hessenweite Ergebnis erst nach Mitternacht.

Überlegungen zu Jamaika

Der hessische CDU-Spitzenkandidat Helge Braun sprach von einem klaren Regierungsauftrag für Angela Merkel. "Wir sind mit Abstand die größte Partei." Das gute Abschneiden der AfD zeige, dass es Sorgen bei den Bürgern gebe. Diese gelte es jetzt so aufzugreifen, dass sich die Menschen den demokratischen Parteien zuwenden.

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zum Video Stefan Ruppert von der FDP im hr-Interview

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Hessens FDP-Spitzenkandidatin Nicola Beer sagte im ZDF als Reaktion auf die ersten Hochrechnungen zu einer möglichen Regierungsbeteiligung: "Wir werden erst einmal abwarten. Es ist nicht an uns, zu Gesprächen einzuladen." Beer, die Generalsekretärin der Bundespartei ist, kündigte an: "Wenn die Kanzlerin anruft, werden wir das Gespräch suchen." Landeschef Stefan Ruppert sagte, das Ergebnis sei "ein Grund zum Feiern", auch wenn das Ziel verfehlt wurde, drittstärkste Partei zu werden.

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zum Video Daniela Wagner zum Abschneiden der Grünen

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Die Grünen nannten das Ergebnis besorgniserregend. "Aber wir stellen uns dem Kampf um eine offene Gesellschaft", erklärte ihre Spitzenkandidatin Daniela Wagner auf Facebook. Der Auftrag zur Regierungsbildung liege nun bei der CDU. "Für uns Grüne ist es auch im historischen Vergleich ein gutes Resultat", befand Wagner. Landeschef Klose nahm die Landtagswahl im kommenden Jahr in den Blick: "Lasst uns dafür kämpfen, dass der hessische Landtag 2018 der erste Landtag ohne AfD bleibt!"

Die hessische Spitzenkandidatin der Linken, Sabine Leidig, sagte, sie freue sich über Zuwächse an Stimmen und Mitgliedern: "Jetzt geht's um solidarische Alternativen gegen Rassismus."

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zum Video Mariana Harder-Kühnel (AfD) zum Abschneiden ihrer Partei

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Unterdessen sprach die hessische AfD-Spitzenkandidatin Mariana Harder-Kühnel von einem "famosen Ergebnis". Wie schon im Wahlkampf kündigte sie an, ihre Fraktion wolle die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses wegen der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel.

Gegen den Einzug der AfD in den Bundestag demonstrierten nach Polizeiangaben am Sonntagabend in Frankfurt rund 800 Menschen. Zu Zwischenfällen kam es zunächst nicht, wie ein Polizeisprecher sagte. Linke Gruppen hatten zu der Demonstration aufgerufen.

Höhere Wahlbeteiligung

Das Büro des Landeswahlleiters hatte am Sonntagmittag eine erste Zahl zur Wahlbeteiligung veröffentlicht. Demnach gaben bis 14 Uhr in den fünf größten hessischen Städten (Frankfurt, Wiesbaden, Kassel, Darmstadt, Offenbach) 45,9 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Darin sind nicht die Briefwähler enthalten.

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Superwahlsonntag

Alle aktuellen Entwicklungen zur Bundestagswahl in Hessen und zu den mehr als 40 Bürgermeister, Oberbürgermeister- und Landratswahlen am heutigen Sonntag können Sie in unserem Liveticker verfolgen.

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Bei der vergangenen Bundestagswahl im September 2013 lag dieser Wert um diese Zeit bei 40 Prozent, also knapp sechs Prozentpunkte niedriger. Damals fiel die Wahl zum Bundestag mit der zum neuen Landtag zusammen. Am Ende lag die Wahlbeteiligung damals bei 73,2 Prozent.

Zur Frage, ob der Landeswahlleiter von einer höheren Wahlbeteiligung insgesamt ausgehe, sagte eine Sprecherin: "Das kann man nie genau sagen. Jedoch gibt es mit der höheren Zahl an Briefwählern und der höheren Beteiligung bis 14 Uhr zwei Indizien dafür."