Hessen wählt
Die Spitzenkandidaten bei "hessen wählt": Sabine Leidig (Linke), Daniela Wagner (Grüne), Michael Roth (SPD), Helge Braun (CDU), Nicola Beer (FDP), Mariana Harder-Kühnel (AfD) und die hr-Moderatorinnen Kristin Gesang und Ute Wellstein (v.l.n.r.) Bild © hr

In der hr-Sendung "hessen wählt" mussten die hessischen Spitzenkandidaten zu Rente, Dieselverbot und zum Thema Innere Sicherheit Rede und Antwort stehen. Es wurde diskutiert und geschimpft. Die Spitzenrunde im Check.

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Die Bundestagswahl am 24. September steht fast vor der Tür - das hr-fernsehen hat am Mittwochabend die Spitzenkandidaten in Hessen zur Sendung "hessen wählt" eingeladen. Was ist mit der Rente und braucht es mehr Polizei? Solche Themen diskutierten Helge Braun (CDU), Michael Roth (SPD), Daniela Wagner (Grüne), Sabine Leidig (Die Linke), Nicola Beer (FDP) und Mariana Harder-Kühnel (AfD). hessenschau.de hat den Check zur Spitzenrunde gemacht:

Die Zukunft von Renten und Diesel

Muss der Diesel auf den Schrott? Bei der Frage nach Diesel-Fahrverboten gingen die Positionen weit auseinander - während Braun seine Linie klar beibehielt, dass es mit der CDU keine Diesel-Fahrverbote geben soll, schmetterte Roth von der SPD den Autokonzernen eine klare Ansage entgegen: "Wir sind betrogen worden von Konzernbossen" - und die Autokonzerne müssten die Suppe nun auch auslöffeln. Die Grüne Wagner sagte, die E-Mobilität sei die naheliegendste Alternative, versuchte aber gleich auch die Diesel-Fahrer nicht zu verprellen: Es solle Ausnahmen geben. Auf Nachfrage offenbarte sie sogar eine sehr weitreichende: Diese könne auch für Pendler gelten. Harder-Kühnel von der AfD öffnete ein Tor in eine noch ganz andere Richtung: Die bisherigen Grenzwerte für CO2-Ausstoß seien "ideologiebetrieben" - weshalb die AfD die Grenzwerte gerne deutlich erhöhen will.

Was tun gegen Armut im Alter? Die klarste Antwort lieferte Wagner von den Grünen auf die Frage, ob sie später von einer Rente von 850 Euro leben wolle: "Nein." Sie ließ eine bedeutungsschwere Pause folgen und forderte dann eine Garantierente, die klar über der Grundsicherung sein müsse. Beer von der FDP vertrat die Position, dass die Rente mit 63 nicht im Sinne der FDP sei - "flexibler" müssten die Konzepte werden, und wer privat vorsorge, solle am Ende auch besser dastehen als andere. Auf die Rente mit 70 wollte sich Beer aber nicht festnageln lassen. Die Linke will laut Leidig in die Steuerkasse greifen, um eine solidarische Mindestrente von 1.050 Euro zu finanzieren. Die AfD will sich laut Harder-Kühnel nicht auf ein bestimmtes Rentenalter festlegen, versprach aber 1.000 Euro Mindestrente - das derzeitige Problem sei allgemein der fehlende Nachwuchs: "Wir brauchen mehr Kinder", fasste sie zusammen.

Die größten Aufreger

Obwohl sie die meiste Zeit eher still und vorsichtig auftrat, provozierte AfD-Kandidatin Harder-Kühnel die größte Entrüstung in der Runde. Empörtes Schnauben löste sie mit der Forderung aus, die deutschen Grenzen besser zu schützen und Kontrollen einzuführen. Ihr Argument: "Ich bin nicht einmal kontrolliert worden, ich war sehr oft zum Urlaub im Ausland." Dass sie damit ignorierte, dass unter EU-Ländern das Schengener Abkommen zum unkontrollierten Passieren der Grenzen für EU-Bürger und somit auch für sie besteht, führte beim SPD-Kandidaten zur wütenden Frage: "Sie wollen eine Mauer?" Dass Harder-Kühnel dann noch eine Lockerung für den Erwerb eines Waffenscheins forderte, brachte bei den anderen das Fass zum Überlaufen.

Die größte Annäherung

Große Ernsthaftigkeit gab es beim Thema Innere Sicherheit. CDU, Grüne, SPD und Linke sprachen sich alle für mehr Polizei aus, wobei die linke Position eine Polizei näher am Bürger forderte, die CDU lieber die Überwachungsmaßnahmen ausbauen will und die FDP auf mehr Kapazitäten bei Polizei und Justiz dringt. SPD-Mann Roth stellte aber auch fest: Deutschland sei eines der sichersten Länder der Welt, man dürfe nicht mit Ängsten spielen wie die AfD. Harder-Kühnel von der AfD befeuerte sogleich die Diskussion, indem sie einen großen Teil der Kriminalität Ausländern in die Schuhe schob - wozu sie gegen den Protest aller anderen auch gleich alle Doppelstaatler zählte.

Die Stimmung

Bei bissigen Debatten zeigt sich zuweilen mehr vom Charakter: Fast jeder Kandidat kam einmal an seine Grenze des Erträglichen. Den sonst ruhigen CDU-Mann Helge Braun ärgerte, dass sich die SPD bei der Koalitionsfrage nicht deutlich von der Linkspartei abgrenze und sich auch diese Option offenhielt. Roth von der SPD riss beim Thema G20 die Hutschnur, weil er der Linken vorwarf, statt von gewalttätigen Demonstranten von gewalttätigen Polizisten zu sprechen. Leidig, die beim Thema G20 von einer Eskalationsstrategie der Polizei gesprochen hatte, verteidigte sich gegen Roth mit lautstarken Zwischenrufen - sie habe nie die Randalierer in Schutz genommen.

Die Grüne Wagner war entsetzt über die Aussage der AfD, in Büros herrsche schlechtere Luft als an Straßenkreuzungen in der Frankfurter Innenstadt. (Hier finden Sie den ARD-faktenfinder) Die AfD-Position wurde mit einem "Das ist echt crazy"-Zwischenruf aus der Ecke von Wagner und der Linken quittiert. Nur Nicola Beer ließ sich nicht aus der Fassung bringen, auch wenn alle durcheinander redeten - offenbar hatte sie entschieden, die Stimmung selbst nicht noch weiter aufzuheizen.

Der Überraschungsmoment

Zu Irritiationen führte ein Blick auf Twitter: Dort führte der Account von AfD-Kandidatin Harder-Kühnel ein Eigenleben während der Live-Sendung. Als die Sendung gerade begonnen hatte und die Kandidaten das Diesel-Thema diskutierten, kam über den Twitter-Account von Harder-Kühnel ein Kommentar zum aktuellen Putzfrauen-Skandal der Parteichefin Alice Weidel (AfD).

Während Harder-Kühnel im Studio eher zurückhaltend sprach und bei einem Zwischenruf auch mal irritiert reagierte, feuerte zeitgleich ihr Twitter-Account gegen das gemeinsame Gelächter der Kandidatinnen von den Grünen und der Linken. Gleich mehrfach kommentierte der Account parallel zur laufenden Sendung das Verhalten der Kontrahentinnen: "Wer wie Grüne & Linke keinerlei Argumente hat, wird polemisch & überspielt seine (ihre) Inkompetenz mit Gelächter."

Die deutlichste Einigkeit

Die Frage nach möglichen Koalitionsoptionen führte zur größten Einigkeit: Keiner will mit der AfD koalieren - die Partei wurde als undemokratisch abgestraft. AfD-Kandidatin Harder-Kühnel empörte sich sogleich lautstark bei jedem Redner mit Zwischenrufen. Ohne Gegenwehr wollte sie sich nicht außerhalb des demokratischen Spektrums stellen lassen - und stand am Ende  trotzdem alleine da. CDU und FDP erteilten auch der Linkspartei eine explizite Absage. Und dann waren 90 muntere Minuten um.

Das Fazit?

Es sollte nicht werden wie das Kanzlerduell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz - und es wurde auch wesentlich lebhafter: Vom Schimpfen bis zur flüsternden Verbrüderung, von Zwischenrufen bis zum höhnischen Lacher war alles dabei. Ein bisschen Hexenkessel, viel Entsetzen über die anderen Parteien und starke Positionen: Am Ende wurde deutlich, wer hinter den Namen auf dem Wahlzettel steht - und was die hessischen Spitzenkandidaten mit Deutschland vorhaben nach der Bundestagswahl.

hessenschau.de hat die Spitzenkandidaten der Parteien vor der Bundestagswahl getroffen: Was wollen sie für Hessen erreichen?
Unsere Interviews mit
Helge Braun (CDU), Michael Roth (SPD), Daniela Wagner (Grüne), Sabine Leidig (Linke), Nicola Beer (FDP) und Mariana Harder-Kühnel (AfD).