Christian Geselle, OB-Kandidat der SPD in Kassel
Christian Geselle Bild © Stadt Kassel

Was sind die Gründe für das Millionendefizit der documenta 14 in Kassel? Ein Interview mit Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) über eine zu gesprächige Geschäftsführerin, verantwortliches Haushalten und warum er keine Ratschläge seines Amtsvorgängers braucht.

Christian Geselle verschränkt die Arme vor seinem Oberkörper, seine Miene bleibt ernst: Zu Beginn unseres Interviews im Kasseler Rathaus am Mittwoch sendet die Körpersprache des neu gewählten Oberbürgermeisters andere Botschaften als seine Antworten auf unsere Fragen: Doch, doch, der neue Job mache ihm Spaß. Er freue sich darauf.

Ob es auch etwas Unangenehmes an seiner neuen Aufgabe gebe? Nein. Er habe ja gewusst, worauf er sich eingelassen habe. Entspannter wirkt der 41-Jährige eigentlich nur dann, wenn wir nicht darüber sprechen, wie es zu dem Millionendefizit der gerade beendeten documenta 14 kommen konnte. Doch das ist selten. Geselle ist seit seiner Amtsübernahme am 22. Juli auch Vorsitzender des documenta-Aufsichtsrats.

hessenschau.de: Der Obelisk auf dem Königsplatz gehört zu den meist beachteten Außenkunstwerken der documenta 14. Erst sagte die Stadt einen Ankauf wegen der hohen Kosten ab, jetzt scheint es doch Hoffnung zu geben. Bleibt der Obelisk?

Christian Geselle: Ich fände es nicht schlecht, wenn der Obelisk hier verbleiben würde. Aber das ist natürlich auch eine Frage des Preises und inwieweit der Künstler auch der Stadt und den Menschen entgegenkommt. Im hohen sechsstelligen oder siebenstelligen Bereich kann ich mir nicht vorstellen, dass die Stadt eine Empfehlung aussprechen würde, dass der Obelisk hier bleibt. Ein Spendenaufruf und Sponsorenakquise könnten zeigen, welche Bereitschaft es in der Bevölkerung gibt, das Kunstwerk hier zu halten.

Kulturdezernentin Susanne Völker bereitet derzeit eine Spendenaktion vor. In einem Gespräch mit dem Künstler Olu Oguibe will sie einen möglichen Verbleib des Obelisken in Kassel besprechen.

Documenta Obelisk Königsplatz
Obelisk auf dem Kasseler Königsplatz. Bild © picture-alliance/dpa

hessenschau.de: Hier kommt wahrscheinlich auch immer der Kämmerer bei Ihnen durch, der Sie ja waren, bevor Sie OB wurden und der Sie nach wie vor sind ...

Geselle: Ich war vorher nicht nur Kämmerer, sondern auch Sozial-, Sport- und Brandschutzdezernent. Diese innere Abwägung musste ich auch in der Vergangenheit bewältigen. Ich verlange von jedem Dezernenten, dass er abwägt: Kann sich die Stadt das leisten, ist das finanzierbar oder ist das ein Luftschloss? Weil: Luftschlösser brauchen wir nicht, sondern realistisch umsetzbare Vorhaben. Wir müssen ausgeglichene Haushalte vorlegen, um zum einen investieren zu können, aber zum anderen unsere Altschulden weiter abbauen zu können.

hessenschau.de: Im September wurde bekannt, dass in der Bilanz der documenta-Gesellschaft ein Defizit von 5,4 Millionen Euro zu erwarten ist - aus welchen Gründen, sei noch zu untersuchen. Die Stadt Kassel und das Land Hessen bürgen mit 8 Millionen Euro. Nun erklärte documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff in der FAZ, jeder einzelne ausgegebene Cent sei nachvollziehbar. Ist diese Aussage aus Ihrer Sicht so korrekt?

Geselle: Nach der letzten Sitzung des Aufsichtsrats der documenta-gGmbH (am 21. September, d. Red.) haben mein Stellvertreter, der hessische Kunstminister Boris Rhein, und ich auf einer Pressekonferenz all das gesagt, was es zum jetzigen Zeitpunkt öffentlich zu sagen gibt. Es sind in dem vom Aufsichtsrat beauftragten Gutachten einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft noch nicht alle Fragen geklärt. Und bevor diese Fragen nicht alle geklärt worden sind und der Aufsichtsrat hierüber in nicht öffentlicher Sitzung diskutiert hat, werde ich hier keine Stellungnahmen zu Äußerungen der Geschäftsführung abgeben.

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Christian Geselle

Der 41 Jahre alte Sozialdemokrat ist seit dem 22. Juli Oberbürgermeister von Kassel und Nachfolger von Bertram Hilgen (SPD). Bei der Oberbürgermeisterwahl am 5. März hatte Geselle bereits im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit (56,6 Prozent) gewonnen.
Geselle ist in Kassel geboren und wuchs dort auf. Nach dem Abitur arbeitete er zunächst als Polizist - unter anderem in Frankfurt. Er studierte Rechtswissenschaften und arbeitete nach seinem Abschluss als Verwaltungsjurist. Vor seiner OB-Tätigkeit war Geselle Kämmerer und Sozialdezernent seiner Stadt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Man muss im Augenblick sehr aufpassen bei allen öffentlichen Stellungnahmen, die man abgibt, ob man hierdurch nicht die documenta als Institution - also die Ausstellung - und nicht auch die documenta-Gesellschaft am Ende schädigt.

hessenschau.de: Ist es richtig, dass Sie der Geschäftsführung untersagt haben, öffentlich über die aktuelle finanzielle Situation der documenta zu sprechen?

Geselle: Es hat eine klare Weisung aufgrund einer Verabredung im Aufsichtsrat gegeben, dass sich außer Kunstminister Rhein und mir niemand zu diesen finanziellen Themen und zur wirtschaftlichen Situation der documenta gGmbH äußert.

hessenschau.de: Was bedeutet es für die zukünftige Zusammenarbeit mit der documenta-Geschäftsführung, dass der Umgang mit der Öffentlichkeit dennoch zweigleisig gefahren wird?

Geselle: Das klären wir zum gegebenen Zeitpunkt.

hessenschau.de: Der Vertrag von documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff läuft bis Mitte 2019. Wird sie bis dahin Geschäftsführerin bleiben?

Geselle: Frau Kulenkampff hat den Anspruch, bis Mitte 2018 über eine mögliche Verlängerung oder Nichtverlängerung ihres Vertrages durch den Aufsichtsrat informiert zu werden.

Christian Geselle (r.) im Gespräch mit hessenschau.de-Redakteur Christian Albrecht.
Christian Geselle (r.) im Gespräch mit hessenschau.de-Redakteur Christian Albrecht. Bild © hessenschau.de

hessenschau.de: Nach der Aufsichtsratssitzung am 21. September haben Sie und Herr Rhein auf Nachfrage von Journalisten angedeutet, dass die Mehrkosten der documenta maßgeblich am zweiten documenta-Standort Athen entstanden sind. Frau Kulenkampff nannte als Defizit-Ursachen auch das Sicherheitskonzept der Polizei oder Personalkosten. War also nicht nur Athen der maßgebliche Kostenfaktor?

Geselle: Ich habe schon gesagt: Alles zum richtigen Zeitpunkt. Herr Rhein und ich wissen, was wir am 21. September gesagt haben - und warum wir es gesagt haben.

hessenschau.de: An diesem Tag hieß es auf der Pressekonferenz, der Aufsichtsrat habe am 28. August von dem hohen Defizit erfahren. Frau Kulenkampff sagte der FAZ, sie habe Sie persönlich am 19. Juli über die Situation unterrichtet. Worüber hat sie Sie unterrichtet?

Geselle: Frau Kulenkampff hatte am 19. Juli einen vereinbarten Gesprächstermin. Von drohender Zahlungsunfähigkeit war hier noch nicht die Rede. Am 28. August ist mir dann zum ersten Mal auf mein Verlangen hin schriftlich über das Liquiditätsproblem hin berichtet worden - also konkret über die offene Liquidität der documenta gGmbH in Höhe von sieben Millionen Euro. Das ist auch das, was Boris Rhein und ich gesagt haben.

hessenschau.de: War Ihnen am 19. Juli also das Defizit der documenta-Gesellschaft schon bekannt?

Geselle: Nein.

hessenschau.de: Drei Tage später haben Sie das Amt des Oberbürgermeisters und damit den Vorsitz des documenta-Aufsichtsrats von Ihrem Vorgänger Bertram Hilgen übernommen. Wie häufig fragen Sie ihn derzeit um Rat?

Geselle: Wir schätzen uns. Aber: Ich habe meinen eigenen Stil, ich bin ein anderer Mensch und mache meine Arbeit sicherlich auch anders als er. Deswegen nimmt man da keinen Kontakt mit seinem Vorgänger auf und fragt auch nicht um Rat.

hessenschau.de: Das heißt, Sie müssen im Moment auch nicht auf seine documenta-Erfahrung zurückgreifen?

Geselle: Nein.

Das Gespräch führten Christian Albrecht und Wolfgang Türk.