Die Eltern von Halit Yozgat vor dem NSU-Untersuchungsausschuss
Die Eltern von Halit Yozgat vor dem NSU-Untersuchungsausschuss Bild © picture-alliance/dpa

Der Mord an Halit Yozgat beschäftigt seit Jahren den NSU-Ausschuss im Landtag. Doch erst jetzt hat sein Vater dort erzählt, wie er seinen sterbenden Sohn fand. Gegen Ex-Verfassungsschützer Temme erhob er schwere Vorwürfe.

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"Halit!" Ismail Yozgat ruft den Namen seines Sohnes. Der 62-Jährige kniet auf dem Boden und zeigt, wie er sein sterbendes Kind in den Armen hält. Zuvor hat er die Stühle und Tische extra zurecht gerückt, um den Tatort des Mordes in einem Kasseler Internetcafé nachzustellen.

Es sind hochemotionale Szenen im NSU-Ausschuss im Landtag in Wiesbaden, als der Vater von Halit Yozgat die schrecklichen Momente vom April 2006 nochmals durchlebt. Auch seine Frau Ayse ist zu der Sitzung am Montag gekommen.

Ismail Yozgat berichtet aufgewühlt, aber gefasst davon, wie er den 21-Jährigen fand. Der Vater geht im Ausschussraum "301 P" mehrmals zwischen den Tischen und Stühlen hin und her, gestikuliert. "Da war der Tisch, wo Halit sonst saß, aber ich habe ihn nicht gesehen." Als er genauer nachschaute, habe er seinen Sohn mit der schweren Schussverletzung am Boden liegend entdeckt, erzählt er. "Ich rief: Was ist passiert, mein Sohn? Halit, was machst Du?"

Vorwürfe gegen Ex-Verfassungsschützer Temme

Der 62-Jährige zeigt den Abgeordneten auch, an welchem Platz Andreas Temme an jenem Tag am Computer gesessen hatte. Der damalige Mitarbeiter des Verfassungsschutzes war während oder kurz vor der Tat im Internetcafé gewesen. Er geriet vorübergehend unter Mordverdacht.

Die Tat wird der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugeordnet. Der Untersuchungsausschuss des Landtags will seit 2014 klären, ob bei den Ermittlungen in hessischen Behörden Fehler gemacht wurden. Mit dem Besuch der Yozgats soll die Zeugenvernehmung nun beendet werden. Nun soll ein Abschlussbericht erstellt werden. Dass es zu einem von allen Fraktionen getragenen Dokument kommt, gilt wegen der großen Differenzen im Ausschuss als praktisch ausgeschlossen.

Ismail Yozgat erhebt am Montag im Landtag schwere Vorwürfe gegen Temme. Es sei unvorstellbar, dass er den Mord nicht gesehen habe, sagt der 62-Jährige. Womöglich habe er den Mördern sogar geholfen oder seinen Sohn selbst umgebracht, so die Vermutung Ismail Yozgats. Temme hatte stets behauptet, nichts von dem Mord mitbekommen zu haben.

Temme sei fast täglich im Internetcafé gewesen, jeweils rund zwei Stunden. Daher könne er sich auch nicht erklären, warum er am Tag der Tat nur eine Viertelstunde dort war, sagt Ismail Yozgat. Die Tatortbegehung mit Temme fuße auf dessen Lügen. Der Vater fordert einen neuen Ortstermin. Ohne diesen werde er kein Gerichtsurteil akzeptieren, egal wie es ausfalle, sagt er.

Enttäuschung über "Halitplatz"

Yozgat bekräftigt vor dem Ausschuss auch seinen Wunsch, die Holländische Straße in Kassel in Halitstraße umzubenennen. Beim Weg in den Ausschuss trägt er ein Schild mit dieser Forderung um den Hals, während der Sitzung postiert er es an seinem Platz. Sein Sohn sei in dem Haus mit der Nummer 82 geboren - und auch dort ermordet worden. Den Hinweis auf den "Halitplatz" in der Nähe des Tatortes kommentierte er mit den Worten: "Man hat uns nicht gefragt. Es war nur unser Wunsch, die Straße umzubenennen."

Der Vorsitzende des NSU-Ausschusses Hartmut Honka muss Yozgat in beiden Anliegen enttäuschen. "Die Benennung der Straße ist Sache der Stadt Kassel", erklärt er förmlich. Über eine neue Ortsbegehung entscheide der Generalbundesanwalt.

"Habe psychisch sehr gelitten"

"Er ist mein Leben gewesen, mein Ein und Alles, mein Kind", sagt Ayse Yozgat. "Mit der Ermordung meines Sohnes war der Himmel über mir zusammengestürzt." Nach der Tat habe sie sich lange Jahre völlig zurückgezogen. Es habe sie sehr belastet, dass im Umfeld der Familie ermittelt wurde. Sie sei beispielsweise gefragt worden, ob ihr Sohn mit Drogen zu tun hatte. "Ich habe psychisch sehr gelitten."

Beide berichten, wie sie nach der Tat von der Polizei beschattet wurden. "Die waren immer hinter uns her", sagt Ismail Yozgat. Beispielsweise sei ihnen die Polizei gefolgt, wenn sie Verwandtschaft in Rotterdam besucht hätten.

Dennoch zeigen die Yozgats Verständnis für die Ermittler. "Ich möchte mich nicht über Polizeibeamte beschweren. Jeder versucht, seine Arbeit zu machen", sagt Ayse Yozgat. Die Polizei habe der Familie auch zur Seite gestanden, ergänzt Ismail Yozgat mit Blick auf die Kasseler Ermittler.

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"Schicksale hinter jedem NSU-Mord"

Die Landtagsabgeordneten zeigten sich bewegt von den Aussagen von Halit Yozgats Eltern. Zur Aufklärungsarbeit des Ausschusses gehöre es auch, deutlich zu machen, "dass hinter jedem der unfassbaren NSU-Morde die Schicksale der Hinterbliebenen stehen", sagte die Obfrau der SPD, Nancy Faeser. Auch für Grünen-Obmann Jürgen Frömmrich war es "sehr richtig", den Eltern das voraussichtlich letzte Wort in der Beweisaufnahme zu überlassen.

Die Aussagen der Yozgats zeigten, dass die Familie durch den Umgang der Behörden bei den Ermittlungen ein weiteres Mal zu Opfern geworden seien, sagte Linken-Obmann Hermann Schaus. "Ihren wiederholten Hinweisen, dass die Mörder aus ausländerfeindlichen Motiven gehandelt haben müssen, wurde nicht nachgegangen." Stattdessen sei die Familie stigmatisiert und observiert worden.

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