Pflegeheim
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Ab 2017 greift die umfangreichste Reform der Pflegeversicherung überhaupt. Ein Experte erklärt im Interview mit hessenschau.de, was sich verbessert - und wo er Etikettenschwindel sieht.

Greß
Experte Stefan Greß Bild © privat

Thomas Kreutzmann vom hr-Landtagsstudio hat mit Stefan Greß, Professor im Fachbereich Pflege und Gesundheit der Hochschule Fulda, gesprochen. Der Experte räumt Fortschritte ein, sieht aber auch Nachbesserungsbedarf.

hessenschau.de: Für 2017 verspricht die Große Koalition die größte Reform der Pflegeversicherung seit deren Einführung 1995. Ist dieser Superlativ berechtigt?

Stefan Greß: Die Bundesregierung wirbt für dieses Gesetz damit, dass die Kommunen eine stärkere Rolle bei der Beratung, Koordination und Planung der Pflege bekommen sollen. Das ist ein bisschen Etikettenschwindel, weil die Kommunen weder ausreichende rechtliche Kompetenzen noch die notwendige finanzielle Ausstattung erhalten. Sie müssten mehr Kompetenzen bekommen, zum Beispiel wenn es darum geht, Kapazitäten in Einrichtungen zu planen. Aber diese bleiben im Wesentlichen bei den Pflegekassen. Die Kommunen müssen jetzt hoffen, dass die Pflegekassen ihre  Ratschläge berücksichtigen.

hessenschau.de: Was hat denn der Bürger davon, wenn die Kommunen Pflegeangebote besser abstimmen und ausbauen können?

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Greß: Die Kommunen wären ideal für die Planung. Pflege hat immer einen stark regionalen Bezug, die Pflegebedürftigen sind in einem Dorf oder Stadtviertel zuhause und wollen meist auch dort bleiben. Die Kommunen haben enge Kontakte zu sozialen Diensten, Infrastruktur und so weiter - damit hat eine Pflegekasse wenig zu tun.

Weitere Informationen

Das ändert sich in der Pflege

  • Aus drei Pflegestufen werden fünf Pflegegrade.
  • Die bisherige Pflegestufe wird in der Regel in einen höheren Pflegegrad überführt, also Pflegestufe 2 in Pflegegrad 3 usw.
  • Demenz, geistige und seelische Erkrankungen werden erstmals grundlegend berücksichtigt.
  • Es gibt teilweise deutlich mehr Geld – vor allem für Demenzkranke, für Pflegedienste und Betreuung zuhause und für stark Pflegebedürftige im Heim. Vergleichsweise hoch ist allerdings die Belastung für Neufälle des künftigen Pflegegrads 1 im Pflegeheim, wenn sie nicht dement sind.
  • Der Pflegegrad wird gemäß eines Punktesystems nach Beeinträchtigungen eingestuft, z.B. Mobilität, Gedächtnis, Hilfebedarf, Selbstversorgung.
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hessenschau.de:  Der Bund verbessert künftig finanzielle Anreize für Freunde und Angehörige, die andere pflegen. Reicht das aus, um fehlende Berufspfleger und -pflegerinnen zu ersetzen?

Greß: Nein. Im Gegenteil. Zumal es in Zukunft weniger ehrenamtliches Pflegepersonal geben wird. Die Erwerbstätigkeit gerade bei Frauen – die ja im Regelfall pflegen – steigt. Gleichzeitig ändern sich die Familienstrukturen. Ich wäre daher eher skeptisch bei diesen Anreizen.

hessenschau.de: Körperlich und geistig eingeschränkte Menschen zu pflegen, setzt erhebliche Kenntnisse voraus. Angehörige sollen künftig besser beraten werden. Ist das ein guter Schritt?

Greß: Das ist grundsätzlich nicht falsch, aber das kann kein Fachpersonal ersetzen. Eine Fachausbildung dauert an der Altenpflegeschule drei Jahre. Es gibt teilweise auch eine akademische Ausbildung für Pflegekräfte - auch da wäre ich eher skeptisch. Auch das kann kein geschultes Fachpersonal ersetzen. Viele Laienpfleger wären schlichtweg überfordert.

hessenschau.de: Warum ist es so wichtig, dass neuerdings Demenz bei der Einstufung der Pflegebedürftigkeit berücksichtigt wird?

Greß: Damit wird ein Geburtsfehler der Pflegeversicherung endlich korrigiert. Der sogenannte Pflegebedürftigkeitsbegriff war sehr stark auf Mobilität, Körperpflege und Ernährung abgestellt. Körperlich beeinträchtigte Menschen wurden eher als pflegebedürftig eingeschätzt als solche mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten. Dieser andere Pflegebedarf wurde bisher nicht berücksichtigt. Auch Menschen, die ausschließlich dement sind, kommen jetzt in einen Pflegegrad hinein. Diesen Fortschritt gibt es aber nicht zum Nulltarif.

hessenschau.de: Die Pflegebedürftigkeit wird durch Gutachter ab 2017 nicht mehr in drei Pflegestufen sondern in fünf Pflegegraden bemessen. Und es gelten andere Kriterien. Wird es gerechter?

Greß: Grundsätzlich ist das neue System so angelegt,  dass es im Prinzip keine Verlierer und möglichst viele Gewinner geben soll. Das macht es auch politisch so einfach, es durchzusetzen. Es wird zukünftig gerade für Menschen mit kognitiven Einschränkungen zusätzlicher Pflegebedarf anerkannt.

Aber es wird 2017 einen Personenkreis geben, der sich im Vergleich zum alten Recht verschlechtert: Die Neufälle, die in einer stationären Einrichtung im Pflegegrad eins aufgenommen werden. Profitieren werden andere mit höheren Pflegegraden. Denn künftig soll der Eigenanteil der Versicherten bei den Pflegekosten nicht nach Pflegegrad steigen, sondern der Eigenanteil ist für alle gleich. Gegenüber früher werden die Eigenbeiträge für die höheren Pflegegrade gesenkt.

hessenschau.de: Wer zahlt am Ende ?

Greß: Die Leistungsverbesserungen muss ja irgendjemand finanzieren, das sind bei der Pflegeversicherung zu gleichen Teilen die Beschäftigten und die Arbeitgeber. Der Gesetzgeber kalkuliert mit insgesamt 0,5 Prozent Anhebung des Beitragssatzes zur Pflegeversicherung, das könnte am Ende über sieben Milliarden Euro pro Jahr mehr einbringen. Die Kalkulation reicht für die nächsten vier Jahre, dann muss sich die nächste Regierung damit beschäftigen. Übrigens: Während bei Beitragsanhebungen in der Krankenversicherung immer viele Diskussionen entstehen, gab es das bei der Pflegeversicherung bisher nicht. Das spricht wohl für eine hohe Akzeptanz.

hessenschau.de: Ein weiteres Thema ist der sogenannte Pflege-TÜV. Bisher litt dieses Siegel offenbar unter Schönfärberei. Werden die regelmäßigen Qualitätsprüfungen künftig besser?

Greß: Die bisherigen Pflegenoten haben Qualitätsunterschiede eher verschleiert als offengelegt. Daher werden sie auch nicht mehr verwendet. Ich bin eher skeptisch, ob wir ein neues System bekommen, das transparenter ist. Weder die Pflegekassen noch die Leistungserbringer haben ein echtes Interesse daran.

hessenschau.de: Was wünschen Sie sich von der Politik für die bessere Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Hessen und anderswo?

Greß: Wir haben ein wesentliches Feld mit dringendem Handlungsbedarf: Wer leistet denn künftig die Pflege? Wir brauchen mehr und besser bezahltes Personal, um diesen Beruf attraktiver zu machen. Altenpfleger verdienen teilweise bis zu 30 Prozent weniger als Krankenpfleger mit einer vergleichbaren Ausbildung. Wir wissen auch, dass es in vielen Einrichtungen zu wenig Personal gibt, weil mehr nicht finanzierbar wäre. Da muss sich auch dringend etwas ändern.

hessenschau.de: Raten Sie zu einer privaten Pflegezusatzversicherung?

Greß: Nein, persönlich nicht. Ich bin zwar kein Vermögensberater. Aber die Abschluss- und Verwaltungskosten sind relativ hoch. Ich würde eher dazu raten, schon in jüngeren Jahren einen Betrag, der dem Versicherungsbeitrag entspricht, als Vorsorge auf die Seite zu legen.