Che Guevara von der Homepage der Reinheimer DKP, die gelbe Insel Steinbach im Meer der Rhein-Main-Gemeinden
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Die Kommunalwahlen waren auch jenseits des Landestrends für überraschende Ergebnisse gut: So verfügt Hessen über eine Gemeinde, in der die FDP stärkste Fraktion in Nähe einer absoluten Mehrheit ist - und einen Ort, in dem traditionsbewusste Kommunisten zweistellige Wahlergebnisse einfahren.

Reinheim, Kreis Darmstadt-Dieburg. "Eine attraktive Kommune im Rhein-Main-Gebiet mit 16.500 Einwohnern", heißt es auf der Homepage der Stadt. "Durch die Lage am Rande des Odenwaldes haben wir in Reinheim einen hohen Wohn- und Freizeitwert", preist der Text und hebt neben den günstigen Verkehrsverbindungen zur Finanzmetropole Frankfurt unter anderem hervor: zahlreiche Sportstätten, einen Segelflugplatz und das Naturschutzgebiet "Reinheimer Teich". Und Reinheim ist, auch wenn das nicht im Text steht, ein politisches Reservat: Hier hat die DKP ihre hessische Hochburg.

Che Guevara im roten Stern
Titelseite der Homepage der DKP Reinheim Bild © hessenschau.de

Die Deutsche Kommunistische Partei - es sind durchaus stolze, selbstbewusste Kommunisten; stolz unter anderem darauf, dass sie seit der Gemeindereform 1972 im Gemeinderat der Stadt vertreten sind und gegenüber der letzten Kommunalwahl 2011 um einen Prozentpunkt zugelegt haben - auf 11,1 Prozent. "Das liegt daran, dass wir eine kontinuerliche Arbeit leisten", begründet der Reinheimer DKP-Vorsitzende Arno Grieger den politischen Erfolg, "dass wir Persönlichkeiten anbieten, dass wir nie abgehoben agieren."

Kapitalismuskritisch im Kindergarten und Fastnachtszug

Das entspricht dem, was Kommunalpolitiker aller politischen Farben sagen und somit ziemlich staatstragend. Dürfte man von einer kommunistischen Partei nicht etwas mehr Dagegen erwarten? Arno Grieger stellt klar: "Wir stellen den Kapitalismus infrage, auch beispielsweise beim Bürgermeisterwahlkampf. Wir sagen, wer den Kommunen etwas geben will, der muss es zum Beispiel von der Rüstung nehmen. Von daher ist das, wenn Sie so wollen, Fundamentalopposition."

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Kommunisten mit Tradition

Als die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 1956 verboten wurde, konstituierten sich die Kommunisten im Reinheimer Ortsteil Ueberau neu und stellten prompt den Bürgermeister, Adam Büdinger. "Mein Vater", sagt sein Sohn Manfred Büdinger mit Arbeiter- und Familienstolz, "wurde nie abgewählt". Die große Politik holte die kleine Gemeinde ein: 1960 wird die "getarnte kommunistische Liste" aufgelöst. Bürgermeister Adam Büdinger und die UWG-Beigeordneten werden ihrer Ämter enthoben. Der hessische SPD-Innenminister in Wiesbaden setzt einen Staatskommissar ein. 1968 konstituiert sich die DKP neu: "Mit sozialistischem Gruß!" lädt Adam Büdinger "Genossen, Freunde und Interessierte"in die Gaststätte "Germania" ein.

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Vor Ort kümmert sich die DKP lieber um die kleinen Dinge und ist auch im regionalen Brauchtum verwurzelt - etwa mit einem Wagen beim jährlichen Faschingszug in Reinheim-Ueberau. Eine eigene Tradition hat sie in den jährlichen Konzerten mit dem Kinderliedermacher Frederik Vahle begründet; entstanden vor 30 Jahren als Protest gegen die Entsendung von Bundeswehr-Praktikanten an Kindergärten. A propos Ueberau: Der Ortsteil ist gewissermaßen eine Hochburg in der Hochburg - im Ortsbeirat ist die DKP mit 39 Prozent stärkste Fraktion.

Sucht man das Geheimnis des DKP-Erfolgs - die Homepage ist es vermutlich eher nicht, zumindest nicht, wenn man nur mit modernster Technik Wahlen gewinnen würde. Auch in den sozialen Netzen ist die Reinheimer DKP präsent: Um die Facebook-Präsenz der südhessischen Kommunisten - derzeit: 73 Fans - kümmert sich der Vorsitzende Arno Grieger persönlich.

FDP: Fast Dreiundvierzig Prozent?

Steinbach ist fest in Hand der #FDP

Es gab eine Zeit, da spöttelte man, die drei Pünktchen im Namen der F.D.P., das seien die Prozentpunkte. Davon kann in Steinbach nun wirklich keine Rede sein - die Partei hat es in der Taunus-Gemeinde geschafft, ihren Stimmenanteil praktisch zu verdoppeln und mit 39 Prozentpunkten nicht nur den Koalitionspartner CDU, sondern auch die oppositionelle SPD weit hinter sich zu lassen.

Gibt auch noch Ergebnisse, die nicht ganz so gaga sind … FDP 40% … oh wait … https://t.co/wTrRGffQeR

Das Wahlergebnis der Steinbacher FDP sei kein Zufallsergebnis, meint der stellvertretende FDP-Ortsvorsitzende Kai Hilbig. Eher das Resultat eines langen Wahlkampfs, den die Liberalen schon vor zwei Jahren begonnen hätten. Ganz nach dem Motto: Immer nah an den Menschen, sprich den Steinbachern, dran. Ob auf dem Weihnachtsmarkt oder im Fußballverein.

Aber klar, gibt Hilbig zu, auch der "Faktor Naas" spiele eine Rolle. Stefan Naas, Steinbachs 41-jähriger liberaler Bürgermeister. Einer, der jeden kennt und der alles zur Chefsache macht, wie es heißt. Im vergangenen Jahr wurde der gebürtige Steinbacher zum zweiten Mal wiedergewählt. Mit mehr als 85 Prozent. Einen Gegenkandidaten gab es nicht.

Zeigt sich hier, wie viel Potenzial die #fdp hat? @fdp #kwhe #kwhessen https://t.co/QBPpOkDeK8

Regionale Faktoren also - aber so ein regionaler Sieg ist durchaus gut fürs bundesweite Selbstvertrauen: FDP-Generalsekretärin Nicola Beer spürt Rückenwind - der Aufwärtstrend, der im vergangenen Jahr bei den Wahlen in Hamburg und Bremen begonnen habe, habe sich bei den Kommunalwahlen in Hessen fortgesetzt. Tatsächlich konnte sich die FDP landesweit deutlich verbessern - aber ob die fast vierzig Prozent der Steinbacher Freidemokraten wirklich ein Indikator für das bundesweite Wählerpotenzial sind, wie die Kommentatoren bei Twitter meinen?