Hessencheck Bevölkerung Wahlsburg
Lippoldsberg, einer von zwei Wahlsburger Gemeindeteilen Bild © Imago

Im nordhessischen Wahlsburg leben immer weniger Menschen. Ein länderübergreifender Zusammenschluss mit einer niedersächsischen Nachbargemeinde soll den Ort zukunftsfähig machen. Aber so einfach ist das gar nicht.

Auf den ersten Blick scheint in Wahlsburg alles in Ordnung zu sein. Aber die Idylle trügt in der Gemeinde, die malerisch an der Weser im nördlichsten Zipfel Hessens liegt. Nicht etwa wegen ausbleibender Touristen, die den von Wäldern umgebenen Ort vor allem wegen der bedeutenden romanischen Klosterkirche St. Georg und Maria aus dem 12. Jahrhundert besuchen.

Es sind andere Gründe, die dem Bürgermeister Jörg-Otto Quentin (parteilos) große Sorgen bereiten. Seine Gemeinde steht exemplarisch für den demografischen Wandel, von dem auch Hessen nicht verschont bleibt. In Wahlsburg ist die Landflucht besonders groß: Zwischen 1985 und 2015 schrumpfte die Einwohnerzahl um rekordverdächtige 30,7 Prozent. Ende vorigen Jahres waren dort noch exakt 2.039 Menschen gemeldet. Nirgendwo anders in Hessen war der Rückgang im gleichen Zeitraum größer.

Auch Bodenfelde und Oberweser schrumpfen

Mit dem Problem ist Wahlsburg aber nicht allein. Auch die Nachbarorte seien davon betroffen, berichtet Quentin hessenschau.de. Der Blick des 61-Jährigen geht ins angrenzende Oberweser (Kassel) und Bodenfelde, das schon zu Niedersachsen gehört. Beide Gemeinden sind von vergleichbarer Größe mit jeweils rund 3.100 Menschen. Tendenz auch hier: fallend.

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Daten & Fakten

Während Hessen insgesamt wächst, sind einzelne Gemeinden oder Regionen massiv von Bevölkerungsrückgang betroffen. Die Abwanderung von Bewohnern und eine zugleich niedrige Geburtenziffer sind dafür verantwortlich. Zugleich werden die verbliebenen Einwohner im Schnitt immer älter. Nennenswerte Zuwanderung gibt es an diesen Orten kaum. Am stärksten war der Bevölkerungsrückgang in den vergangenen 30 Jahren im Werra-Meißner-Kreis: ein Minus von 12,2 Prozent. Auf Gemeindeebene war der Rückgang in Wahlsburg am größten (-30,7%).

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Drei Gemeinden, die alle mit einer drängenden Frage konfrontiert sind: Wie den Bevölkerungsschwund aufhalten? Denn weniger Menschen bedeuten für die Orte zugleich weniger Steuereinnahmen sowie sinkende Zuschüsse durch den kommunalen Finanzausgleich. Schon jetzt ist die Haushaltslage in Wahlsburg alles andere als rosig. "Wir leiden darunter", bringt Quentin die angespannte Situation auf den Punkt.

Not macht bekanntlich erfinderisch und so hat die an der Märchenstraße gelegene Nordhessen-Gemeinde bereits einen Plan gegen die prekäre Lage entwickelt. Die Zauberformel lautet: länderübergreifende Fusion. Es wäre die erste überhaupt in Hessen. "Wir haben den Prozess angestoßen", erklärt Quentin. Der Wahlsburger erhofft sich, dass die Verschmelzung mit Ablauf seiner Amtszeit 2019 besiegelt sein wird.

Gemeinsame Feuerwehr, Spielgemeinschaften im Sport

Schon jetzt können Wahlsburg und Bodenfelde mit vielen Gemeinsamkeiten punkten. Beide haben die gleiche Postleitzahl (37194) und arbeiten auch in anderen Bereichen zusammen. Die Feuerwehr bekämpft länderübergreifend Brände, Sportvereine bilden im Handball und Fußball Spielgemeinschaften. Und schon seit 1972 gehen Bodenfelder Kinder in die Grundschule nach Wahlsburg und umgekehrt die Jugendlichen an die Gesamtschule Bodenfelde.

Aber auch zwischen Wahlsburg und Oberweser gibt's einige Schnittmengen. Ein Beispiel: So haben beide vor Jahren ihre Standesämter zusammengelegt. Neben Einsparungen im Verwaltungsbereich brächte eine Verschmelzung zu einem Ort mit dann rund 8.500 Menschen auch höhere Zuwendungen durch das Land. Die Gelder wiederum könnten in den Ausbau der Infrastruktur gesteckt werden und damit die Attraktivät der Region steigern.

Skepsis beim Städte- und Gemeindebund

Der Geschäftsführer des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, Karl-Christian Schelzke, sieht ein solches Vorhaben jedoch kritisch. "Wenn man zwei Kranke zusammentut, wird man nicht automatisch gesund." Eine Fusion sei immer das allerletzte Mitel, sagte Schelzke hessenschau.de. "Bei einem solchen Prozess dürfen die Bürger nicht vergessen werden."

Quentin jedenfalls würde einen Zusammenschluss nicht über die Köpfe der Einwohner hinweg verabschieden. Auch in Oberweser und Bodenfelde sollen die Bürger das letzte Wort haben. Anders wäre es auch gar nicht möglich, denn für Gemeindefusionen schreibt die Hessische Gemeindeordnung einen Bürgerentscheid vor.

Zuvor sind ohnehin noch viele wichtige Fragen zu klären: Wie soll die mögliche neue Gemeinde heißen, wo wäre der Verwaltungssitz, und gehört sie dann zu Hessen oder Niedersachsen? Denn bei einer Verschmelzung müssten die Landesgrenzen neu gezogen werden.

Ohne Zustimmung der Parlamente geht nichts

Das letzte Wort hat - wie immer - die Politik. "Es müssen triftige Gründe vorliegen", sagte Hessens stellvertretende Regierungssprecherin Elke Cezanne zu den Fusionsplänen. Darüber müssten die Parlamente beider Länder entscheiden. Seit 1968 hat es zwar schon kleinere Gebietsaustäusche zwischen Hessen und Niedersachen gegeben. Eine Fusion wie im Fall von Wahlsburg und Bodenfelde wäre aber die erste länderübergreifende Zusammenlegung überhaupt aus hessischer Sicht. Man darf also gespannt sein.