Joel Mall ist frustriert
Torhüter Joel Mall erlebte eine rabenschwarze Premiere im Trikot der Lilien. Bild © Imago

Darmstadt 98 steckt spätestens nach der Niederlage in Nürnberg in einer Krise. Die Defensiv-Identität ist den Lilien verloren gegangen. Die Schuld dafür aber nur bei individuellen Fehlern zu suchen, wäre zu wenig.

Es war nur ein kleines Plakat, das im Stadion am Böllenfalltor die Stimmung bei Darmstadt 98 perfekt zusammenfasst: "Scheiß Montagabend" stand da auf Höhe der Mittellinie und auch wenn das eigentlich ein Protest gegen die fanunfreundliche Spielzeit des Zweitliga-Topspiels war, hätte es wohl jeder beim SVD sofort unterschrieben. Der Bundesliga-Absteiger steckt spätestens nach dem 3:4 gegen Nürnberg in einer Krise, es ist eine Ergebniskrise, aber auch eine des Selbstverständnisses. Denn was in den vergangenen Jahren am Bölle als gesetzt galt, ist plötzlich ins Wanken geraten: Die Lilien standen immer für bedingungslose, eklige Abwehr. Doch plötzlich sind sie die Schießbude der Liga. Zwölf Gegentore in vier Spielen sind ungehört in der jüngeren Darmstädter Vergangenheit und sie drücken die Stimmung.

Schnelle Nürnberger überfordern Lilien-Abwehr

Erkennbar ist das vor allem am starren Blick der Verantwortlichen. Kevin Großkreutz bei seiner Auswechslung, Hamit Altintop beim Interview ("Das ärgert mich extrem") und Trainer Torsten Frings auf der Pressekonferenz – sie alle waren sichtbar frustriert, fixierten einen Punkt in der Ferne, offenkundig auf der Suche nach einer Lösung für ein grundlegendes Problem: Wie kann diese Flut an Gegentoren eingedämmt werden? Eines der Ergebnisse der Suche: Die individuellen Fehler müssen eingestellt werden.

Dieses Mal stand Patrick Banggaard im Mittelpunkt. Der Innenverteidiger hatte den Vorzug vor Immanuel Höhn bekommen, einer von insgesamt sechs Wechseln in der SVD-Startelf. Doch der junge Däne war mit den schnellen FCN-Angreifern überfordert. Erst klaute er dem ebenfalls unglücklichen Ersatz-Keeper Joel Mall den Ball und bereitete so das 1:1 durch Cedric Teuchert (23.) vor. Dann ging er immer wieder zu passiv in die Zweikämpfe und trug so auch an den anderen Gegentoren durch Mikael Ishak (51.), Teuchert (58.) und Tim Leibold (74.) eine Mitschuld. "Das war heute natürlich ein unglückliches Spiel für ihn", sagte Frings. "Aber er hat trainiert wie ein Weltmeister, deshalb haben wir uns für ihn entschieden. Und wir bauen ihn auch wieder auf."

Mannschaft kann individuelle Fehler nicht ausgleichen

Es wäre auch zu einfach, die momentane Darmstädter Krise auf einen Spieler zu reduzieren. Auch wenn Bangaard schwach war, auch wenn individuelle Fehler "schwer abzuschalten sind" (Frings) und die Lilien beim 1:2 erneut Schiedsrichter-Pech hatten – all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Fußball ein Teamsport ist. Und es den elf Darmstädtern nicht gelang, das ganze Spiel über als Mannschaft zu verteidigen.

Klar waren die ersten 55 Minuten gut, wie Frings betonte. Und klar mussten die Hausherren nach den unglücklichen beiden Toren der Nürnberger hinten aufmachen. Aber solche Löcher zwischen defensivem Mittelfeld und Abwehrreihen darf es auch bei Rückstand im eigenen Stadion nicht geben. Das gilt besonders für eine Mannschaft, deren Kader wohl der erfahrenste in der gesamten Liga ist. Den schnellen Gästen reichte oft eine Kopfballverlängerung im Mittelfeld, ein Pass in die Tiefe, um die Lilien aufzureißen. Mit vier Gegentreffern waren die Hausherren am Ende noch gut bedient.

Nur die Moral stimmt

Es ist den Südhessen anzurechnen, dass sie den Blick vor diesen Fehlern nicht verschließen. "Insgesamt war es von jedem einzelnen zu wenig. Jetzt müssen Aytac und ich die Mannschaft aufrichten, wir sind gefordert", nahm der sichtlich angefressene Altintop die erfahrenen Kräfte im SVD-Kader in die Pflicht. Und es ist auch wichtig zu betonen, dass die zweite Darmstädter Tugend, der Kampfgeist, nicht so wundersam verschwunden ist wie die Defensivstärke.

Trotz der zahlreichen Nackenschläge gaben die Lilien bis zum Ende nicht auf, kamen dank der Treffer von Felix Platte (72.) und dem Eigentor von Eduard Löwen (89.) noch einmal ins Spiel. "Die Jungs haben sich nicht aufgegeben, was den Charakter angeht, kann man ihnen keinen Vorwurf machen", kommentierte Frings. Auch wenn es am Ende zum Punktgewinn nicht reichte, die Moral stimmt weiter bei den Lilien. Sie müssen nur ihre andere Tugend schleunigst wiederfinden.

Sendung: hr-iNFO, hr-Radio, 17.10.20174, 7 Uhr