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Konsterniert nach dem späten Ausgleich: Aymen Barkok (li.) und Marius Wolf. Bild © Imago

Eintracht Frankfurt mogelt sich gegen Schalke 04 kurz in die Champions League, muss die Reisepläne aber in letzter Sekunde zerreißen. Der Sündenbock sitzt in der Stadionregie. Das Spiel in der Analyse.

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Der Frankfurter Eintracht fehlt im letzten Heimspiel der Hinrunde genau eine Sekunde zum Sieg gegen den Tabellenzweiten Schalke 04. Luka Jovic (2. Minute) und der kränkelnde Joker Sebastien Haller (66.) versetzen die erneut zahlreich erschienenen Zuschauer zwar in einen vorweihnachtlichen Europa-Rausch, Breel Embolo (82.) und Naldo (90.+5) entpuppen sich aber als Partycrasher.

Der ic-ic-ic-Blitzstart

Nach genau einer Minute und einer Sekunde saß in der Frankfurter Arena am Samstag niemand mehr. Das kroatisch-serbisch-bosnische Trio Ante Rebic, Mijat Gacinovic und Luka Jovic war im Spitzenspiel gegen den FC Schalke 04 im Düsenjägertempo aus den Startlöchern gekommen und hatte früh für den ersten großen Knalleffekt gesorgt. Rebic eroberte einen eigentlich schon verlorenen Ball gegen Benjamin Stambouli an der Strafraumkante und steckte auf Gacinovic durch. Dieser leitete auf Jovic weiter – 1:0 für die Eintracht. Nach zahlreichen Last-Minute-Treffern bewiesen die Frankfurter, dass sie nicht nur lange, sondern auch früh hellwach sein können. Ein ungewohntes Gefühl.

Spielerisch kommt zu wenig

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Alles andere als ungewohnt war dann allerdings das, was im Anschluss passierte. Die Mannschaft von Trainer Niko Kovac zog sich nach der Führung weit zurück und beschränkte sich nur noch aufs Nötigste: nach vorne lange Bälle, hinten zur Not auch mal das ganz lange Bein. Die Folgen waren drei schnelle Gelbe Karten gegen Rebic, Jetro Willems und Mijat Gacinovic sowie jede Menge Arbeit für die ohne den verletzten Abwehrchef David Abraham nicht immer sattelfeste Defensive. Schalke wurde immer druckvoller, scheiterte aber nicht zuletzt am sehr starken Frankfurter Schlussmann Lukas Hradecky.

Imago Hradecky
Fand nach der Partie deutliche Worte: Keeper Lukas Hradecky. Bild © Imago

Der Finne parierte vor allem einen Schuss von Alessandro Schöpf kurz vor der Pause (45.+1) in Weltklasse-Manier, hielt sein Team damit im Spiel und bewies auch bei der Spielanalyse seine Extraklasse. "Das war fußballerisch viel zu wenig von uns. Unser Spiel hat sich noch nicht zum Topmannschafts-Niveau entwickelt", kritisierte er. 37 Prozent Ballbesitz, eine Passquote von 58 Prozent und gerade einmal sechs Torschüsse sind für eine Mannschaft in der oberen Tabellenhälfte definitiv zu wenig. "Wir können die Drecksack-Dinge. Spielkontrolle und Passsicherheit sind aber verbesserungswürdig." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ein Traumtor für Europa-Träume

Umso grotesker mutet es da an, dass die Eintracht Mitte der zweiten Hälfte tatsächlich für einige Minuten an der Champions League schnupperte. Der eingewechselte Haller, der am Freitag noch mit einem Magen-Darm-Virus flachgelegen hatte, schraubte das Ergebnis mit einem Hacken-Traumtor auf 2:0 und katapultierte sein Team damit zu diesem Zeitpunkt auf den virtuellen dritten Platz. "Wir wollen nach Europa", skandierten die begeisterten Fans umgehend. Spätestens nach der Einblendung der Blitztabelle auf dem Videowürfel kannte die Euphorie im Stadion keine Grenzen mehr.

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Fabian im heimspiel!

Eintracht-Profi Marco Fabian ist am Montagabend ab 23 Uhr im heimspiel! des hr-fernsehens zu Gast. Moderator Ralf Scholt spricht mit ihm über seine Verletzung, aber auch darüber, wie er die Partie gegen Schalke von der Tribüne aus erlebte und wann er auf den Platz zurückkehrt.

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Nur einem gefiel die offen zur Schau getragenen Europa-Träumereien gar nicht. Sportvorstand Fredi Bobic knöpfte sich nur wenige Augenblicke nach Spielschuss seinen persönlichen Sündenbock vor. "Ich war schon in der Stadionregie und habe einem da die Ohren langgezogen. Es ist Wahnsinn und ein völlig falsches Zeichen, nach 70 Minuten die Tabelle anzuzeigen", zürnte er. "Wir wissen doch alle: Hochmut kommt vor dem Fall." Oder dem Doppelpack.

Last-Minute-Schock

Denn während sich die Frankfurter Anhänger schon für ihre anstehenden Europapokal-Reisen warmschunkelten, starteten die Schalker wieder einmal eine ihrer berühmten Aufholjagden. Nach dem furiosen 4:4 nach 0:4 bei Borussia Dortmund drehten die Gäste aus Gelsenkirchen auch in Frankfurt noch einmal auf – und dann die vermeintlich sichere Eintracht-Führung in ein Unentschieden. Zunächst verkürzte Joker Embolo, dann betrat Derbyheld Naldo die große Bühne und erzielte zum zweiten Mal in dieser Saison den umjubelten Last-Minute-Ausgleich.

Imago Naldo
Traf die Eintracht mit seinem Treffer ins Herz: Naldo. Bild © Imago

Ein Schock für die Eintracht – letztlich aber absolut folgerichtig. "Wenn man die 90 Minuten sieht, muss man sagen, dass das ein glücklicher Punkt war", sagte Eintracht-Trainer Kovac, der – wohlgemerkt – aus der Sicht seines Teams sprach. Ein ebenso schmeichelhafter wie schmerzhafter Punktgewinn. Das gibt es auch nicht oft. "Es ist bitter für uns, aber verdient für Schalke", fasste Hradecky passend zusammen.

Am Ende überwiegt die Freude 

Und so änderte sich die Stimmung in den Frankfurter Katakomben nach Abpfiff schnell von der Enttäuschung über den späten Ausgleich hin zur Freude über das Erreichte. Platz acht mit 26 Punkten zum Abschluss der Hinrunde kann sich durchaus sehen lassen. Erstmals in der Geschichte der Eintracht kamen zudem durchschnittlich mehr als 50.000 Zuschauer zu den nicht immer schön anzusehenden und wenig erfolgreichen Heimspielen. "Wir sind sehr zufrieden, die Mannschaft wird angenommen und ist auf vielen Ebenen auf dem Vormarsch", freute sich Vorstand Axel Hellmann.

To bad we didn't get the 3 points!!😤 but proud I could lead this amazing team as the captain today... #adler #prince17

Die Eintracht des Jahres 2017 ist wieder sexy, die komplett neu zusammengestellte Truppe mit Fußballern aus aller Herren Länder funktioniert. "Ich bin stolz auf diese Jungs", jubilierte Kovac. Wenn der Erfolgstrainer seiner Mannschaft nun noch beibringt, wieder ansehnlichen Fußball zu spielen, muss das Stadion wohl ausgebaut werden. Die Pläne dafür liegen ja bereits in der Schublade.