Imago Kombo HSV Eintracht
Viel Schmerz und drei Punkte: Die Eintracht erkämpft sich einen Sieg in Hamburg. Bild © Twitter: @KPBofficial, Imago (Kombo: hr)

Eintracht Frankfurt liefert beim HSV den Kampf des Jahres, lässt aber K.o.-Qualitäten vermissen. Heilfleisch und Nehmer-Qualitäten erinnern hingegen an einen Schwergewichts-Boxer. Das Spiel in der Analyse.

Eintracht Frankfurt feiert beim Hamburger SV den insgesamt fünften Auswärtssieg in dieser Saison und springt in die Europa-League-Plätze. Marius Wolf (16.) und Mijat Gacinovic (24.) kontern die Führung durch Kyriakos Papadopoulos (9.), der Rest des Spiels besteht aus Fouls, Spielern nahe der Ohnmacht und einem umgepflügten Rasen. Die beste Nachricht kommt nach Spielschluss aus dem Krankenlager.

Abraham sorgt für Schrecksekunde

Der Abend in Hamburg drohte zunächst in einer mittelschweren Katastrophe zu enden. Bereits nach vier Minuten krümmte sich der Frankfurter Abwehrchef David Abraham mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden. Wadenbeinbruch, Achillessehnenriss – die eilig ausgestellten Ferndiagnosen ließen das Schlimmste vermuten.

Und während viele noch über die langfristigen Folgen eines Ausfalls nachdachten, zeigte sich auch kurzfristig, wie wichtig Abraham für die Eintracht ist: In der ersten Szene nach der Auswechslung köpfte Papadopoulos die Hausherren in Führung.

Rund 90 Minuten und zwei eigene Tore später sah für die Hessen zum Glück alles wieder anders aus: "David hat keine Fraktur. Er hat nur einen Bluterguss am Wadenbein", gab Trainer Niko Kovac auf der Pressekonferenz Entwarnung und machte den 2:1-Sieg damit noch ein bisschen schöner.

Heavy Rotation

Anstelle von Abraham rückte Marco Russ auf die zentrale Position in der Fünferkette und war fortan für die Defensiv-Organisation verantwortlich. Eine erfolgreiche Job-Rotation, die sinnbildlich für den kompletten Frankfurter Auftritt steht. Denn Coach Kovac hatte angesichts der hohen körperlichen Belastungen in der stressigen Vorweihnachtszeit gleich mehreren Leistungsträger eine Pause verordnet.

Im Vergleich zum 0:1 gegen den FC Bayern nahmen Kevin-Prince Boateng, Sebastien Haller, Carlos Salcedo und Aymen Barkok auf der Bank Platz, Jetro Willems durfte sich sogar auf der heimischen Couch ausruhen. Dafür wurden Taleb Tawatha, Russ, Luka Jovic, Mijat Gacinovic und Timothy Chandler ins Hamburger Schietwetter geschickt. "Die Jungs, die heute rein rotiert sind, haben das Vertrauen zurückgezahlt. Das zeigt, wie wichtig ein breiter Kader ist", freute sich Kovac.

Jovic entpuppt sich als Chancentod

Luka Jovic zielt daneben
Luka Jovic zielt gegen den HSV zu oft daneben. Bild © Imago

Einer der Neulinge machte dabei besonders auf sich aufmerksam – allerdings nicht durchweg positiv. Der 19 Jahre alte Jovic ersetzte Haller in der Sturmspitze und hätte ohne große Mühe innerhalb kürzester Zeit zum Matchwinner werden können. Von drei dicken Chancen vor der Pause nutzte der Serbe aber nicht eine. Jovic wollte es entweder zu schön machen (26. Minute), kam einen Schritt zu spät (29.) oder zielte aus kürzester Distanz daneben (32.).

"Wir hätten 4:1 oder 5:1 führen müssen", bemängelte der frühere Nationalstürmer Fredi Bobic die mangelnde Kaltschnäuzigkeit im Frankfurter Angriff. Die Eintracht hat in dieser Bundesliga-Saison noch nie mehr als zwei Tore pro Spiel erzielt und nie mit mehr als einem Treffer Abstand gewonnen. Reicht, sagen die einen. Man könnte es einfacher haben, sagen die anderen.

Im zweiten Durchgang den Fußball eingestellt

Auf zahlreiche gute Offensivaktionen in der ersten Hälfte folgte ein unerklärlicher Leistungsabfall nach dem Seitenwechsel. Die müde wirkenden Frankfurter stellten das Fußball spielen komplett ein und beschränkten sich ausschließlich auf die Sicherung des eigenen Tors. Die Kovac-Schützlinge kämpften bis zum Umfallen und leisteten sich insgesamt stattliche 26 Fouls, in der Torschuss-Statistik zog der HSV auf 21:10 davon.

Schön war das alles nicht, letztlich aber erfolgreich. Die Eintracht feierte einen Sieg des Willens und der Mentalität. "Wir haben hier den Rasen umgepflügt, das war in der zweiten Hälfte ein reines Kampfspiel", resümierte Sportvorstand Bobic. "Die Mannschaft läuft auf der Felge, das war eine beeindruckende Energieleistung."

Chandler mit starkem Comeback

Besonders platt war nach Schlusspfiff Timothy Chandler. Der Rechtsverteidiger, der erstmals nach seiner Ende Oktober gegen Borussia Dortmund erlittenen Meniskusverletzung wieder zum Einsatz kam, bereitete in der ersten Hälfte beide Treffer direkt vor – und hätte dann am liebsten umgehend Feierabend gemacht.

"Timmy stand schon nach der Halbzeit kurz vor der Ohnmacht", attestierte Teamkollege Russ.  Bevor Chandler ins Sauerstoffzelt durfte, standen jedoch noch 45 Minuten harte Arbeit auf dem Programm. Mit Schnappatmung und brennenden Oberschenkeln warf sich der 27-Jährige in jeden Zweikampf und hatte somit einen großen Anteil an der Rückkehr auf die Spitzenposition der Auswärtstabelle. Weihnachten kann kommen.

Sendung: hr3, 13.12.17, 7 Uhr