Kopfbälle sind Mini-Gehirnerschütterungen, meist ohne akute Symptome. Neuro-Wissenschaftlerin Inga Koerte warnt nun: Langfristig können die das Risiko für Gehirnerkrankungen erhöhen, die bislang eher bei Footballspielern bekannt waren.

Videobeitrag

Video

zum Video Dr.Koerte: "Frauen haben ein größeres Risiko Symptome davon zu tragen"

Ende des Videobeitrags

Frau Koerte, Sie waren eine der ersten, die überhaupt zu der Gefahr von Kopfbällen forschte. Wie gefährlich ist das tatsächlich?

Koerte: Bei jedem Kopfball wird das Gehirn erschüttert. Jetzt ist es vermutlich so, dass eine einzige Erschütterung des Gehirns nicht zu Schäden führt. Wenn Sie sich aber vorstellen, dass Sie von dieser Sorte Schlägen möglicherweise Tausende in einem Jahr abbekommen – zum Beispiel als Profifußballer – dann können Sie sich vorstellen, dass das Gehirn nicht in der Lage ist, alle Schläge so wegzustecken. Und dass es hier möglicherweise zu langfristigen Veränderungen der Gehirnstruktur und damit den Gehirnfunktionen kommt.

Weitere Informationen

Prof. Inga Koerte ist Ärztin aus München und arbeitet derzeit als Neurowissenschaftlerin an der Harvard Medical School. Bereits 2012 brachte sie eine Studie heraus, die Veränderungen im Gehirn von jungen Profifußballern feststellte. Aktuell leitet sie mit „RepImpact“ eine der größten europäischen Kopfball-Studien, die das Risiko für Langzeitschäden untersucht.

Ende der weiteren Informationen

Welche Symptome können denn damit in Verbindung stehen?

Koerte: Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen oder Schlafstörungen... Die FIFA führt derzeit über 250 Millionen aktive Spieler weltweit. Selbst wenn nur ein kleiner Prozentsatz derer unspezifische Symptome davonträgt, dann ist das dennoch eine sehr große Zahl von möglichen Patienten. Die wissen ja vielleicht gar nicht, dass Ihre Symptome einen Zusammenhang haben mit wiederholten Kopferschütterungen im Sport.

Jetzt hat das Albert Einstein College in New York ja herausgefunden, dass vor allem Frauen neuronale Schäden beim Kopfballspiel davontragen. Warum das?

Koerte: Wir wissen von unseren bisherigen Forschungen, dass Frauen häufiger Gehirnerschütterungen erleiden im Sport. Wir wissen auch, dass Frauen häufiger Kopfbälle spielen, zumindest im Amateurbereich. Und wir wissen aus vielen Untersuchungen der vergangenen Jahre zum Thema Gehirnerschütterung, dass Frauen ein größeres Risiko haben, Symptome davonzutragen. Symptome, die schwerwiegender sind. Symptome, die andere Bereiche abdecken, als die, die Männer erfahren. Und Symptome, die auch länger brauchen, bis sie wieder verschwinden. Das heißt, das weibliche Gehirn scheint verletzbarer zu sein. Die Gründe hierfür müssen wir noch erforschen.

Kann längerfristiges Kopfballspiel schlimmstenfalls zu der Gehirnerkrankung CTE führen?

Weitere Informationen

Was ist CTE?

CTE steht für Chronisch Traumatische Enzephalopathie ist eine degenerative Gehirnerkrankung, die häufig bei Menschen vorkommt, die mehrfach Gehirnerschütterungen oder Schläge gegen den Kopf erlitten haben. Lange war sie deshalb als Boxer-Krankheit bekannt. Bei CTE wird die weiße Hirnsubstanz löchrig. Die Folge können Gedächtnisverlust, Wutausbrüche, Depression und Demenz sein.

Ende der weiteren Informationen

Koerte: Nach dem Stand der aktuellen Datenlage kann es sein, dass wiederholte Kopferschütterungen im Rahmen vom Sport tatsächlich das Risiko für CTE erhöht. Dennoch: Sport ist wichtig, Sport ist gesund. Die Frage ist nur, ob die Komponente der Kopferschütterung, wie es im Fußball oder bei anderen Kontaktsportarten der Fall ist, auch einen positiven Effekt hat. Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft spricht sehr viel dafür, dass es keine positiven Auswirkungen auf Gehirn hat. Sondern möglicherweise die positive Auswirkung des Sportes etwas minimiert oder vielleicht sogar in die andere Richtung umkehrt. Insofern, aus wissenschaftlicher Sicht, möchte ich dazu ermutigen, dass wir eine Debatte dazu haben und ich als Wissenschaftlerin möchte gerne diese Debatte unterstützen mit soliden und robusten Daten.

Das Interview führte Christiane Schwalm