Kopfballduell aus einem Spiel des FFC
Kopfbälle sind auch im Frauenfußball ein probates Mittel. Forscher aus den USA warnen vor gesundheitlichen Schäden. Bild © Imago

Kopfbälle können die Gehirne junger Fußballerinnen nachhaltig schädigen, warnen Forscher aus den USA. Mit dem richtigen Training kann genau das verhindert werden, sagen Trainer aus Frankfurt. Doch beide sind sich auch einig: Über das Thema muss viel mehr geredet werden.

In der U17 des 1. FFC Frankfurt funktioniert das Kopfballtraining – im wahrsten Sinne des Wortes – mit Köpfchen. "Wir machen uns immer Gedanken, wie wir den Kopfball trainieren sollen", sagt Chris Heck, Trainer der U17 und FFC-Nachwuchskoordinator, im Gespräch mit dem hr-sport. "Man sollte sich überlegen: Wann fange ich mit dem Kopfballtraining an? Muss ich schon mit den Mädchen, die sieben oder acht Jahre alt sind, Kopfbälle trainieren? Oder fange ich damit erst später an?"

Fragen, die auf den ersten Blick bestenfalls eingefleischte Fans der Fußball-Trainingslehre begeistern. Auf den zweiten Blick aber wird deutlich: Das Thema Kopfbälle und ihre möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit – speziell auf das Gehirn – fristet in Deutschland seit Jahren ein Schattendasein. Und gewinnt durch die Erkenntnisse einer neuen Forschungsstudie an Bedeutung.

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Auf dem Jahrestreffen der Gesellschaft für Neurowissenschaften, das vor wenigen Wochen in den USA stattfand, hatte das Albert Einstein College of Medicine aus New York Nachrichten im Gepäck, die viele im Mädchen- und Frauenfußball aufhorchen ließen: Spielerinnen tragen nach Kopfbällen offenbar mehr neuronale Schäden davon als ihre männlichen Kollegen. Konkret würde eine hohe Anzahl Kopfbälle - konkret: ab 1.000 pro Jahr - zwar bei beiden Geschlechtern für Probleme sorgen. Bei Männern aber nur in drei Hirnregionen, bei Frauen in acht. Und dort zumeist auch länger. Die Gründe sind noch unklar.

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Mehr zum Thema Kopfbälle und ihre möglichen Auswirkungen auf das Gehirn sehen Sie am Montagabend ab 23 Uhr im heimspiel! des hr-fernsehens.

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Eine Frau, die sich bereits seit Jahren mit diesem Thema auseinandersetzt, ist Inga Koerte. Die Wissenschaftlerin forscht im Auftrag der Universität München sowie der renommierten Harvard Medical School. "Von der bisherigen Forschung wissen wir, dass Frauen im Sport häufiger an Gehirnerschütterungen leiden und häufiger Kopfbälle spielen, zumindest im Amateurbereich", erklärt sie dem hr-sport. "Aus vielen Untersuchungen der vergangenen Jahre wissen wir auch, dass Frauen ein größeres Risiko haben, Symptome davonzutragen. Das weibliche Gehirn scheint aus bisher noch nicht ganz geklärten Gründen verletzbarer und empfindsamer gegenüber Erschütterungen zu sein."

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Mögliche Auswirkungen können sein: Veränderungen der Gehirnstruktur sowie Einschränkungen der Gedächtnisleistung und Lernfähigkeit. Die schlimmste bislang bekannte Folge heißt Chronische Traumatische Enzephalopathie, kurz CTE. Ein "schweres Krankheitsbild", wie Koerte erklärt, das ähnliche Symptome wie Alzheimer hervorruft und bei Patienten Gedächtnisstörungen und leichte Reizbarkeit verursacht. Doch die Wissenschaftlerin stellt klar: "Nicht jeder, der Kopferschütterungen erleidet, bekommt später CTE." In den USA wird die Krankheit auch nicht anhand von Fußballerinnen untersucht, sondern bei American-Football-Spielern.

Wie sollen nun Sportlerinnen und vor allem die Eltern junger Mädchen mit solchen Erkenntnissen umgehen? Sowohl Koerte als auch FFC-Trainer Heck halten eine übertriebene Vorsicht für unangebracht. Mit einem Helm auf dem Kopf auf den Fußballplatz? Bringt überhaupt nichts, sagen beide unisono. "Helme verhindern keine Erschütterungen des Gehirns", erläutert die Forscherin, die sich für eine noch umfangreichere Auseinandersetzung mit dem Thema einsetzt. Denn: "Aus wissenschaftlicher Sicht können wir noch keine Empfehlungen geben."

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Genau das hat die Stiftung Warentest vor drei Jahren probiert. Ende 2014 trug sie die damals verfügbaren Informationen zusammen und sprach Eltern unter anderem den Rat aus, sich bei den Vereinen und Trainern nach dem Material zu informieren, aus dem die Bälle gefertigt sind. In den USA ist man schon einen Schritt weiter, denn dort wird das Thema Kopfbälle und ihre möglichen Auswirkungen auf das Gehirn bereits seit 2011 diskutiert. Mit Folgen.

Die US Soccer Federation schreibt seit 2015 vor, dass Kinder unter 10 Jahren keine Kopfbälle machen dürfen. Zwischen 11 und 13 Jahren ist es im Spiel erlaubt, aber im Training verboten. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) macht bislang keine Vorgaben, rät aber, erst mit 13 oder 14 Jahren mit dem Kopfballtraining zu beginnen – wenn die Nacken- und Kopfmuskulatur stärker ist.

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Beim FFC nimmt man solche Empfehlungen und auch die Studien aus Übersee sehr ernst. "Wir richten unser Training natürlich so aus, dass die Verletzungsgefahr so gering wie möglich ist", versichert Heck. "Wir trainieren auch mit leichten Bällen und machen das mit Bedacht." Aufs Kopfballspiel komplett verzichten? Undenkbar. "20 Prozent aller Tore und bis zu 40 Prozent aller Abwehraktionen resultieren aus Kopfbällen", schätzt der Trainer. Umso besser, dass seine Spielerinnen den zwar vernünftigen, aber nicht übervorsichtigen Umgang mit dem Kopfballspiel bereits verinnerlicht haben.

"Man sollte probieren, im Training nicht andauernd Kopfbälle zu spielen", sagt Sophie Trepohl, eine der Kopfballstärksten in der U17. Angst vor gesundheitlichen Schäden hat sie nicht, schlimmer als ein zehnminütiger Brummschädel seien die Folgen einer Erschütterung auch noch nicht gewesen. "Wenn man ein Mal pro Woche Kopfball-Technik trainiert, dann ist das auch genug", sagt Trepohl. "Und dann wird es auch keine Probleme bereiten." Wie gesagt: Beim 1. FFC Frankfurt funktioniert das Kopfballtraining – im wahrsten Sinne des Wortes – mit Köpfchen.