SVWW-U19-Coach Nils Döring
Nils Döring führt den SV Wehen Wiesbaden in die U19-Bundesliga. Bild © Imago

Mit Spielern aus der Region auf Platz fünf der Bundesliga: Die U19 des SV Wehen Wiesbaden übertrumpft derzeit sogar Mainz 05 und Eintracht Frankfurt – eine kleine Abkehr der Philosophie war allerdings notwendig.

Mehr Dorfclub geht nicht: Auf dem Weg zum Stadion am Halberg fahren Zuschauer und Spieler vorbei an einem kleinen Bauernhof, durchqueren große Getreidefelder und müssen nicht selten einem Huhn Vorfahrt gewähren. Die Spielstätte der Jugendmannschaften des SV Wehen Wiesbaden liegt im Taunussteiner Stadtteil Wehen, umgeben von Wald und Landwirtschaft. Ein idyllischer Ort, vor dem gerade die ganze Junioren-Bundesliga Süd/Südwest zittert.

Denn dort, wo vor rund 30 Jahren der heutige Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner auf Asche um Punkte in der Kreisklasse kämpfte, wird heute ebenso gepflegter wie erfolgreicher Jugend-Fußball geboten. Die U19 des SVWW ist als Aufsteiger bis auf Rang fünf der Bundesliga gestürmt und hat dabei nicht nur die beiden großen Nachbarn Eintracht Frankfurt und Mainz 05 im Eiltempo überholt. "Wir sind ein kleiner Verein und derzeit die Nummer eins im Rhein-Main-Gebiet. Das genießen wir sehr", sagte Trainer Nils Döring dem hr-sport.

Zwei Derby-Siege in Folge

Das Stadion am Halberg in Wehen
So sieht Idylle aus: Das Stadion des SV Wehen Wiesbaden. Bild © Google Maps

Dabei hatte es zu Beginn der Runde stark danach ausgesehen, als wäre die zweite Bundesliga-Teilnahme der Wehener Geschichte erneut nur ein schöner aber kurzer Zwischenhalt. Von den ersten vier Partien gingen drei verloren, mit einem Torverhältnis von 2:11 schien der SVWW die Erwartungen als Absteiger Nummer eins allesamt zu erfüllen. "Wir sind schnell an unsere Grenzen gestoßen", so Döring, der in zwei Wochen Sommerpause und sechs Wochen Vorbereitung insgesamt 14 neue Spieler integrieren und mit dem SVWW-Matchplan vertraut machen musste.

Eine Aufgabe, die in der Schnelle der Zeit nicht zu bewältigen war und dann plötzlich wie von selbst funktionierte. Nach einem glücklichen Sieg gegen Augsburg und einer weiteren Niederlage in Freiburg stand das Derby bei Eintracht Frankfurt auf dem Programm. "Da herrschte eine unglaubliche Anspannung bei meinen Jungs, die haben richtig gebrannt. Das habe ich selten so erlebt", so Döring. Auf Über-Motivation folgte Überraschung: Der SVWW gewann mit 2:1 und ist seitdem nicht mehr aufzuhalten. Vier ungeschlagene Spiele, zehn Punkte und einen weiteren prestigeträchtigen Sieg in Mainz später grüßen die Wehener Youngster aus der Spitzengruppe der Liga. "Das hat so keiner erwartet."

Der Star ist die Mannschaft

Doch wie ist dieser Höhenflug zu erklären? "Der Derbysieg war der mentale Wendepunkt, meine Mannschaft hat die Spielidee begriffen und wir sind zu einer echten Einheit geworden", fasst Döring das Erfolgsgeheimnis zusammen: Zurückhaltung abgelegt, Taktik umgesetzt, Teamgeist gestärkt. Dank laufintensivem Fußball, gezieltem Gegenpressing und schnellen Kontern hat sich der SVWW vom gerngesehen zum gefürchteten Gegner entwickelt "Unsere 16 Treffer wurden von elf verschiedenen Spielern erzielt. Das sagt viel über uns aus, wir sind schwer berechenbar."

Einen Starspieler gibt es im Team von Coach Döring nicht. Gute Chancen auf eine Profikarriere und den Sprung in die Drittliga-Mannschaft von Rüdiger Rehm haben wohl aber vor allem Innenverteidiger Marc-André Kositzki, der vor der Saison aus Essen kam, und der Ex-Innsbrucker Stefan Lorenz, der bereits einen Anschlussvertrag unterschrieben hat. Das Duo trainiert regelmäßig bei den Profis mit und hat das Potenzial, in die Fußstapfen von Benjamin (Hoffenheim) oder Florian Hübner (Hannover) zu treten und vom Halberg in die große Fußballwelt zu starten. "Den Durchbruch zu den Profis schafft nur ein ganz geringer Prozentsatz. Den beiden traue ich das aber zu."

Morgens Ausbildung, abends Fußballer

Die Nähe zu den Profis ist allerdings nicht die einzige Eigenschaft, die Kositzki und Lorenz etwas aus der Masse herausstechen lassen. Die beiden sind zwei von insgesamt "fünf externen Neuzugängen", wie Döring es nennt. Denn während der SVWW sonst ähnlich wie die bewusste Hausfrau auf dem Wochenmarkt immer auf Qualität aus der Region setzt und hochwertige (Spieler)-Ware aus der direkten Umgebung teuren Importen vorzieht, wurde in diesem Sommer eine Ausnahme gemacht. Fünf Spieler wurden von Vereinen außerhalb des normalen Einzugsgebiets eingekauft und in Ermangelung eines Internats in WGs aufgeteilt. Rundum-Betreuung von ausgebildetem Fachpersonal inklusive.

Denn neben der sportlichen Weiterentwicklung steht beim SVWW auch der persönliche Reifeprozess auf der Agenda. "Natürlich sind wir stolz auf jeden, den wir in der Sportschau sehen", so Döring. Die Profikarriere dürfe aber immer nur Plan B sein. "Plan A ist Schule, Studium, Beruf. Da helfen wir, wo wir können." Rechtsverteidiger Ronny Sarstedt hat gerade eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann auf der Geschäftsstelle begonnen. Morgens durchpflügt er Akten, abends seine Außenbahn. "Er ist ein Vorzeigebeispiel für unsere Arbeit."

Die Bayern kommen

In der Zeit bis zum Samstag (11 Uhr) werden Sarstedt seine anstehenden Prüfungen und dem Duo Kositzki/Lorenz ihr WG-Putzplan vermutlich jedoch herzlich egal sein. Zum nächsten Heimspiel reist nämlich der große FC Bayern zum Highlight des Jahres an. "Darauf freuen wir uns sehr", so Döring. "Zum ersten Mal seit neun Jahren kommt so ein großer Verein auf den Halberg." Da werden wohl selbst die sonst so unerschrockenen Hühner auf dem Anfahrtsweg große Augen machen.