Tobias Reichmann beim Wurf
Tobias Reichmann ist einer der vier hessischen Leistungsträger im deutschen Team. Bild © picture-alliance/dpa

Gleich vier Hessen kämpfen mit der Handball-Nationalmannschaft ab Samstag um die EM-Titelverteidigung. ARD-Kommentator Florian Naß spricht im Interview über die Chancen der Deutschen, die Rolle der Hessen und die besondere Atmosphäre, die das Team erwartet.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Jannik Kohlbacher: Standfest am Kreis

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Florian, die deutsche Mannschaft geht als einer der Titelfavoriten in das Turnier. Was sind die Stärken des Teams?

Naß: Die größte Qualität ist die Ausgeglichenheit. Das Team hat keine Superstars wie Nikola Karabatic bei den Franzosen, aber in der Breite ist das die beste Mannschaft des Turniers. Durch die vielen Wechselmöglichkeiten kann man das Tempo immer hochhalten. Das ist die große Stärke der Deutschen.

Mit Jannik Kohlbacher (Wetzlar), Julius Kühn und Tobias Reichmann (beide Melsungen) sowie dem gebürtigen Frankfurter Steffen Fäth spielen gleich vier Hessen wichtige Rollen im Team. Was sind ihre Aufgaben?

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Florian Naß kommentiert die Spiele der Europameisterschaft im Ersten und ist einer der profiliertesten Handball-Experten des Landes. Bild © Florian Naß

Naß: Fangen wir mit Reichmann an. Er war der erfolgreichste deutsche Torschütze bei der vergangenen Europameisterschaft. Er ist der Mann für die leichten Tore. Wenn die Deckung steht, dann gibt es naturgemäß Konter – und da ist er einer der schnellsten und besten Spieler überhaupt. Leichte Tore erwartet sich der Bundestrainer auch von Kühn, aber halt aus dem Rückraum. Er war Melsungens wichtigste Verstärkung vor Beginn der Saison. Er hat eine wirkliche Wurfgewalt. Wenn nichts mehr geht, stellt man ihn beim Freiwurf wie in der Jugend hinter den Block und er haut das Ding rein.

Bleiben noch zwei…

Naß: Genau. Steffen Fäth ist nicht der klassische Spielmacher, aber er hat einen harten, platzierten Abschluss und ist gerade im Kleingruppenspiel, etwa mit dem Kreis, sehr wichtig. Da hat er von Ivano Balic in der gemeinsamen Wetzlarer Zeit sehr viel gelernt. Und das funktioniert gerade mit Kohlbacher gut. Jannik ist ein taktischer Spieler, der sowohl in Unter- als auch Überzahl wichtig ist. Einer mit viel Stehkraft am Kreis, der gerne unterschätzt wird und sich dann plötzlich blitzschnell bewegt.

Insgesamt spielen also alle Hessen eine wichtige Rolle?

Naß: Auf jeden Fall. Ich würde mich nicht wundern, wenn regelmäßig zwei oder mehr beginnen oder auf dem Platz stehen. Und auch die anderen werden keine Bankdrücker-Rolle übernehmen. Das zeigt nur einmal mehr, wie wichtig Hessen für den deutschen Handball ist. Es ist ein Sprungbrett, ein echtes Herzstück. Viele Spieler werden hier groß, oder nach ihren Wechseln besser. Da zählt neben den oben genannten natürlich auch Torhüter Andreas Wolff dazu.

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Mit Abwehrchef Finn Lemke ist aber ein Spieler der MT Melsungen daheim geblieben – eine Entscheidung des Bundestrainers, die viele überrascht hat. Was sagst du dazu?

Naß: Das war eine Bauchentscheidung, auch wenn Christian Prokop schon länger darüber nachgedacht hat. Ich finde es als Statement aber okay. Wir sind nicht bei den Trainingseinheiten dabei, er hat sich von seiner Philosophie und den Eindrücken leiten lassen. Er hat eine klare Strategie und dafür brauchst du Leute, die sie umsetzen. Aber natürlich macht er sich damit angreifbar, gerade wenn es in der zentralen Abwehr, im Innenblock, nicht funktioniert.

Bei einer Europameisterschaft gibt es keine Exoten. Trotzdem hat Deutschland mit Montenegro, Slowenien und Mazedonien eine unangenehme Gruppe erwischt…

Naß: Das Unangenehme ist vor allem der Austragungsort. Da muss man nur mal auf die Karte schauen. Die Fans der Gegner haben es einfach ganz schön nah. Die Vorrundengruppe in der Halle in Zagreb ist ausverkauft, das werden Auswärtsspiele für die Deutschen. 2012 habe ich das schon einmal bei der EM in Serbien erlebt. Da flogen Geldstücke und sonstige Sachen aufs Feld. So eine Atmosphäre muss man als Spieler erst einmal verkraften und auch die Schiedsrichter müssen das aushalten.

Letzte Frage: Werden die Bad Boys wieder Europameister?

Naß: Das ist sehr schwer zu sagen, ohne die Gegner im Wettbewerbsmodus zu sehen. Ich lege mich fest, Deutschland wird das Halbfinale erreichen und dann wird es ein schweres Spiel gegen die anderen Kandidaten wie Kroatien, Frankreich oder auch Norwegen. Ich würde nicht sagen, dass Deutschland der heiße EM-Titelfavorit ist. Aber sie spielen um die Medaillen.

Das Gespräch führte Philip Schmid.