Collage: Schäfer, Kirche in Bad Wildungen, Lange
Links: Schäfer, Rechts: Lange, Mitte: Kirchturm in Bad Wildungen Bild © Imago (2), picture-alliance/dpa, Collage: hessenschau.de

Carolin Schäfer holt im Siebenkampf WM-Silber und Patrick Lange setzt sich beim Ironman Hawaii die Krone der Triathleten auf. Ihre Heimat haben beide im nordhessischen Bad Wildungen. Reiner Zufall? Eine Spurensuche.

"Natürlich gut." Der simple wie eingängige Slogan, mit dem die nordhessische Kurstadt Bad Wildungen seit bald zwei Jahrzehnten Werbung in eigener Sache betreibt, hat im Jahr 2017 ein vielleicht noch nie dagewesenes Update erfahren. Dank der herausragenden Leistungen zweier Sportler, die ihre Heimat in diesem verschlafenen 17.000-Einwohner-Städtchen haben, schafft es Bad Wildungen in den vergangenen Monaten gleich zwei Mal in die weltweiten Nachrichten.

Gestatten: Carolin Schäfer und Patrick Lange. Die eine Spezialistin im Siebenkampf, der andere Ausnahme-Triathlet auf der Ironman-Langdistanz. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London gewinnt Schäfer im August die Silbermedaille, gut vier Monate später krönt sich Lange beim Ironman auf Hawaii gar zum Weltmeister. Für beide der bislang größte Erfolg ihrer noch jungen Karriere. Und das Ergebnis harter Arbeit, die vor vielen Jahren in Bad Wildungen beginnt.

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Wer in den Biographien der zwei Siegertypen stöbert, stellt zahlreiche Gemeinsamkeiten fest. Für beide ist die Kurstadt gut 40 Kilometer südwestlich von Kassel nicht nur Geburtsort, sondern auch Schauplatz unzähliger Trainingsstunden in der Leichtathletik-Abteilung des ortsansässigen TV Friedrichstein. Die Ense-Schule ganz im Süden der Stadt besuchen beide von der fünften bis zur zehnten Klasse. Lange (Jahrgang 1986) aber etwas früher als Schäfer (1991). Die Menschen, die ihnen im Jugendalter zur Seite stehen, sind jedoch stets dieselben.

"Manche Elite-Schule des Sports hätte gerne solche Schüler, wie wir sie haben", darf sich Arnd Gresenz auf die Schulter klopfen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Der gebürtige Leipziger ist einst selbst als Ruderer im Leistungssport unterwegs, seit 1999 arbeitet er als Lehrer. In dieser Funktion nimmt er großen Einfluss auf die frühe Entwicklung Schäfers und Langes. Die Leichtathletin begleitet er bereits im Jahr 2004 zu verschiedenen Schulsportwettkämpfen der Reihe "Jugend trainiert für Olympia".

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"Sie ist ja so ein Universaltalent und kann eigentlich alles", beschreibt Gresenz den vermutlich wichtigsten Schlüssel, der Schäfer im Laufe der Jahre zu einer starken Mehrkämpferin macht. Neben der Leichtathletik schlägt das Herz der heute 26-Jährigen viele Jahre auch für den Handball. Im Leistungszentrum, der Talentschmiede des Bundesligisten HSG Bad Wildungen, gehört sie Mitte der 2000er Jahre zu den besten ihres Jahrgangs.

Spätestens 2008 – nach ihrem Triumph bei den Junioren-Weltmeisterschaften – entscheidet sie sich aber für den Abzweig Richtung Leichtathletik. "Bei Carolin hat man frühzeitig erkannt, dass sie ein außergewöhnliches Talent ist", sagt Gresenz – und schließt Patrick Lange dabei nicht aus.

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Ihn holt der Sportlehrer bereits 2003 in eine eigens eingerichtete Schwimmgruppe. "Dort habe ich ihm die Grundtechniken beigebracht." Mit Erfolg: Aus dem einstigen Nordhessenmeister-Titel über 400 Meter Lagen wird im Jahr 2017, über die 3,8 Kilometer lange Schwimmstrecke beim Ironman Hawaii, eine Fabelzeit von 48:45 Minuten.

"Da war ich nicht nur der Lehrer, da war ich auch ein Stück weit an seiner Entwicklung beteiligt", freut sich Gresenz. Bei einem offiziellen Empfang der Stadt Bad Wildungen kurz vor Weihnachten sehen sich Lehrer und Schüler erstmals seit Jahren wieder. "Er ist hier immer noch sehr verwurzelt und hat wirklich niemanden vergessen."

Nur wenige Schritte von der Schule bis ins Stadion

Die Spurensuche in der Heimat der zwei nordhessischen Sport-Stars geht noch ein kleines Stück weiter. Direkt unterhalb der Ense-Schule, nur wenige Schritte entlang der Odershäuser Straße, liegt das Bad Wildunger Stadion. In den warmen Monaten teilen sich hier Schulklassen und Sportvereine einen Rasenplatz sowie die Leichtathletik-Anlagen drum herum.

Wenn Schäfer und Lange auf der Laufbahn Kilometer schrubben, an der Technik feilen oder sich durch Sprinteinheiten quälen, ist eine Frau immer mit dabei: Erika Keller, Trainerin in der Leichtathletik-Abteilung des TV Friedrichstein.

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Die mittlerweile 81-Jährige ist, weil hochdekoriert, weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. 2009 bekommt sie beispielsweise das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen – und man könnte meinen: auch als Anerkennung dafür, dass sie Jahre zuvor das läuferische Potenzial von Schäfer und Lange erkennt sowie im richtigen Maße fördert. Was der Triathlet 2016 und 2017 auf der hawaiianischen Laufstrecke leistet, bezeichnet Keller heute als "Wahnsinn". Auch sie ist zu dem Empfang vor ein paar Tagen eingeladen. "Da war ich schon ein bisschen stolz."

Ist es nun Zufall, dass gleich zwei Spitzensportler des Jahres 2017 aus ein und derselben Stadt kommen? Während Keller ihren ehemaligen Schützlingen "Talent, Willen und Bereitschaft" bescheinigt, sieht Lehrer Gresenz den hohen Grad an Eigenmotivation als Hauptgrund: "Ohne diese Eigenmotivation käme keiner da oben hin." Fest steht: Was die Bad Wildunger Carolin Schäfer und Patrick Lang in diesem Jahr geleistet haben, ist "natürlich gut". So groß scheint der Zufall also nicht zu sein.