Das Ruderteam beim Training
Ruderer Lucas Schäfer (vorne) soll für seinen Olympia-Traum nach Hamburg ziehen. Bild © Imago

Mehr Medaillen – das ist das Ziel der Spitzensportreform von DOSB und Politik. Doch für viele Sportler bedeutet die Änderung einen Zwangsumzug und eine unsichere Zukunft. Ein Ruderer aus Frankfurt weiß bereits, wie er sich wehren will.

Lucas Schäfer will nach Tokio. Wenn in drei Jahren dort die Olympischen Spiele ausgetragen werden, will er im Doppel-Zweier um die Medaillen rudern. Dafür hat er sich in Hessen ein perfektes Trainingsumfeld geschaffen. Zusammen mit seiner Freundin Samantha Nesajda, auch einer Ruderin, lebt er in Frankfurt. Beide trainieren dort am Olympiastützpunkt. Zum Studieren pendelt er nach Gießen. Zwischen den Vorlesungen kann er hier auf der Lahn rudern.

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Doch all das soll sich mit der Spitzensportreform ändern, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Mittwoch im Kabinett vorlegt. Denn Ministerium und Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) wollen, dass Kaderathleten künftig gemeinsam in leistungsstarken Gruppen trainieren. Für Schäfer bedeutet das: Alle männlichen Leichtgewichtsruderer sollen an den Olympiastützpunkt nach Hamburg ziehen. Dort wohnt der Bundestrainer. "Für mich ist das echt ein Problem. Wir haben im Süden viele starke Athleten, in Hamburg nur einen Nennenswerten. Es ist nicht nachvollziehbar, warum wir nun alle umziehen sollen", sagt Schäfer. Doch der Deutsche Ruderverband zeigt sich bislang strikt. Wer nicht an den ausgeschriebenen Olympiastützpunkt zieht, kann künftig mit keiner Förderung mehr rechnen.

42 Medaillen aus Rio sind nicht genug

Damit befolgt der Verband das, was die Spitzensportreform vorgibt. Das große Ziel ist: aus deutschen Athleten wieder Medaillengewinner machen. 42 Mal Edelmetall bei den jüngsten Spielen in Rio sind DOSB und Politik zu wenig. 2017 und 2018 sollen noch Umstellungsjahre sein. Spätestens 2019 soll die Reform dann voll greifen. Neben mehr Geld und konzentrierterer Förderung für erfolgsversprechende Sportarten (siehe Kasten) soll das vor allem durch die umstrittene Zentralisierung gelingen.

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Neues Fördersystem

Künftig soll es mehr Geld für den Spitzensport geben, das aber neu verteilt wird. Kern des Konzepts ist das Potentialanalyse-System, kurz PotAs. Das System ordnet die Disziplinen in drei Förder-Cluster ein – von starkem, über mittlerem bis hin zu wenig Potential. So sollen die Sportarten gefördert werden, die besonders gute Chancen auf Medaillen haben. „Das mag hart sein, aber, wenn Sie wirklich diejenigen fördern wollen, die eine bessere Zukunft haben, dann können Sie nicht mit der Gießkanne agieren“, argumentiert Innenminister Thomas de Maiziere (CDU). Kritiker bemängeln das Modell, weil es auf einem Rechensystem basiert und andere Kriterien vernachlässigt.

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Leistungsstarke Athleten sollen gemeinsam in einer Gruppe trainieren, anstatt jeder für sich alleine mit dem Heimtrainer. "Wir agieren nach dem Motto Qualität vor Quantität", argumentiert DOSB-Präsident Alfons Hörmann. "Es gibt Bundesstützpunkte, die einfach nicht die Ausstattung und Stabilität und Qualität haben wie es notwendig ist."

Drei Streichungen und ein neuer Stützpunkt

In Hessen hat das nicht nur Folgen für Athleten wie Schäfer, sondern auch für drei Bundesstützpunkte (siehe Kasten). Die Nachwuchs-Stützpunkte Badminton, Basketball Jungen und Hockey sollen gestrichen werden, dafür kommt ein neuer Stützpunkt für Karate in Frankfurt dazu. Auf Nachfrage des hr-sport gaben alle drei Streichkandidaten an, auch ohne den Titel "Bundesstützpunkt" den Trainingsbetrieb fortzusetzen. "Uns werden rund zwei Drittel der Gelder fehlen. Dadurch wird es schwierig die Landestrainer zu halten. Aber wir versuchen, es als Herausforderung zu sehen", sagt Jana Ebert vom Hessischen Hockey-Verband.

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Die Stützpunkte in Hessen

Jedes Bundesland soll künftig nur noch einen Olympiastützpunkt haben. Der für Hessen befindet sich in Frankfurt. Olympiastützpunkte sind Betreuungs- und Serviceeinrichtungen für Bundeskaderathleten und deren Trainer. Hier wird Training sportwissenschaftlich ausgewertet, die Athleten können Physiotherapie, Ernährungsberatung oder Psychotherapie in Anspruch nehmen. Zusätzlich zu den Olympiastützpunkten gibt es Bundesstützpunkte für die einzelnen Sportarten. In der Regel befindet sich der Bundesstützpunkt dort, wo der Bundestrainer arbeitet und somit oft auch am Olympiastützpunkt. In Hessen haben wir nach der Reform acht Bundesstützpunkte: Leichtathletik, Ringen, Rudern, Schießen, Tischtennis, Trampolin, Volleyball - und ganz neu: Karate.

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Der Leiter des Olympiastützpunkts in Frankfurt, Werner Schäfer, versteht, dass es in einigen Sportarten sinnvoll ist, dass Kaderathleten gemeinsam trainieren. "Bei Rückschlagsportarten wie dem Badminton oder dem Tischtennis bist du auf einen guten Partner angewiesen", stimmt er den Plänen zu. Aber man könne nicht alle Athleten über einen Kamm scheren. "Wir betreuen hier am Olympiastützpunkt Frankfurt Athleten wie Marco Koch oder bis vor kurzem Fabian Hambüchen. Beide Sportler haben mit ihren Erfolgen gezeigt, dass es auch mit einem individuellen Konzept geht."

Ein Rennen gegen den Verband

Werner Schäfer beklagt zudem, dass Athleten viel zu wenig Anreize bekommen, um tatsächlich an einen anderen Stützpunkt zu wechseln. "Ein ordentliches Grundgehalt, Hilfe bei der Wohnungssuche und das Versprechen, einen Studienplatz zu bekommen – das müsste den Athleten zugesichert werden. Ohne diese Dinge ist das Risiko doch viel zu groß."

Auch für Lucas Schäfer. "Wenn die Nominierung für Tokio durch ist, sitzen die, die es nicht geschafft haben, dann in Hamburg und haben alles aufgegeben. Niemand garantiert dir, dass es klappt, wenn du umziehst", sagt der Ruder. Er hat sich bereits entschieden und wird weiter in Frankfurt trainieren. Damit riskiert er, aus der Förderung zu fallen. Den Traum von Olympia will er anders am Leben erhalten: Beim entscheidenden Qualifikationsrennen um die Startplätze für Tokio wollen die Ruderer vom Olympiastützpunkt Hessen zur Not ein eigenes Boot gegen das des Verbands antreten lassen. Die Entscheidung wird in diesem Fall schließlich immer noch auf dem Wasser getroffen.