Collage Marathon Start Dreher
Bild © Imago, dpa / Collage: hessenschau.de

Erst Top-Läuferin, jetzt TV-Expertin: Claudia Dreher weiß, worum es bei einem Marathon geht. Im Interview spricht sie über die Faszination Marathon, die Favoriten beim Rennen am Sonntag und ihre Erinnerungen an das Windrennen 1998.

Wer sich mit Claudia Dreher über den Marathon unterhält, merkt schnell: Diese Frau ist immer noch im Lauffieber. Anekdoten und Emotionen über den Laufsport im Allgemeinen und den Marathon im Speziellen sprudeln nur so aus ihr raus. Kein Wunder in beinahe zwei Jahrzehnten im Laufsport hat sie viel erlebt, von der Deutschen Meisterschaft bis zur bitteren Absage bei den Olympischen Spielen wegen einer Krankheit. Der hr-sport hat mir Dreher, die bei der Marathon-Übertragung am Sonntag (10 Uhr) als Expertin fungieren wird, vor dem Rennen gesprochen.

hr-sport: Der Frankfurt Marathon steht vor der Tür. Sie sind hier oft gelaufen, kennen das Rennen genau. Was zeichnet diesen Lauf aus?

Dreher: Das ist ein sympathischer Lauf. Die ganze Atmosphäre stimmt, er ist professionell organisiert. Was Frankfurt für mich immer besonders gemacht hat, ist das ganze Drumherum. Als Läufer ist man sehr willkommen. Und natürlich ist es ein sehr schneller Marathon.

hr-sport: Das ist vielleicht auch der Grund, dass sich mit Vivian Cheruiyot ein absoluter Star der Lauf-Szene für den Start angemeldet hat. Die Kenianerin ist 5.000-Meter-Olympiasiegerin und läuft erst ihren zweiten Marathon. Wie gut klappt so eine Umstellung?

Dreher: Es kommt sicherlich darauf an, wie man als Bahnläuferin schon trainiert hat. Normalerweise dauert die Umstellung eine ganze Weile. Auf der Bahn geht es mehr um Geschwindigkeit. Mittlerweile ist es aber auch beim Marathon so, dass unheimlich hohe Geschwindigkeiten gefordert werden. Cheruiyot hat immer schon als Bahnläuferin längere Läufe in ihren Vorbereitungen eingebaut.

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Die Favoriten beim Marathon

Wer gewinnt den Frankfurt Marathon und welche Chancen haben die Deutschen? Einen Überblick über die Favoriten finden Sie hier?

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hr-sport: Bei ihrem Debüt hat Cheruiyot in 2:23 Stunden eine sehr ordentliche Zeit hingelegt. Kann man von ihr erwarten, dass die ihre Leistung beim zweiten Marathon noch steigern wird?

Dreher: Da bin ich mir ziemlich sicher. Sie ist bei ihrem ersten Marathon sehr mutig gelaufen, fast ein bisschen Harakiri. Die erste Hälfte war brutal schnell, sehr aggressiv. Hinten raus ist sie dann eingebrochen. Das wird ihr weh getan haben. Insofern bin ich mir sicher, dass sie Frankfurt anders angehen wird. Sie weiß jetzt, wie es sich anfühlt, einen Marathon gelaufen zu sein. Sie bringt mehr an Erfahrung mit an den Main. Von daher bin ich mir sicher, dass sie schneller laufen kann.

hr-sport: Ist Sie auch die Favoritin?

Dreher: Das Feld ist zwar sehr stark, aber für mich ist die Topfavoritin.

hr-sport: Werfen wir einen Blick auf die Deutschen. Was erwarten Sie von Arne Gabius?

Dreher: Arne ist zu einem richtigen Zeitpunkt in einen Flow reingekommen.  Er lief den Halbmarathon in Kopenhagen, hatte danach tolle Trainingseinheiten. Es rollt bei ihm. Ich hoffe mal, dass dieses Hoch bis Frankfurt anhält. Dann bin ich sicher, dass er wieder in dem Bereich laufen wird, den er sich vorgenommen hat.

Und wie ist es bei den Frauen mit Fate Tola und Katharina Heinig?

Dreher: Das wird sehr spannend. Für Fate wird es schon dritten Marathon in diesem Jahr. Das geht nicht so spurlos an einem vorbei. So ganz taufrisch wird sie also nicht sein. Bei Katharina schlägt mein Herz extrem mit, weil ich sie schon von klein auf kenne. Das ist für mich eine emotionale Sache, jetzt live mit zu erleben, wie sie selber durch Frankfurt rennt. Ihre Mama hat es ja schon ein paar Mal vorgemacht (lacht). Für Katharina ist der Druck von außen sehr groß. Die Frage ist, wie sie damit umgehen kann. Gut, dass die Heinigs da sehr professionell sind. Das wird großer Sport am Sonntag.

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Frankfurt ist auch ein Volkslauf. Zehntausende sind auf der Strecke. Was bedeutet diese Atmosphäre selbst für einen Läufer?

Dreher: Das ist sehr unterschiedlich: Ich kenne alle möglichen Bereich, ich weiß, wie es sich anfühlt, vorne in der ersten Reihe zu stehen. Aber ich weiß auch, wie es ist, mitten drin im Feld loszulaufen. Der Start ist da schon absolut elektrisierend. Wenn man in der Masse mitläuft, ist das eine komplett andere Atmosphäre als man als Topläufer wahrnimmt. Vorne hat man keine Zeit, da geht’s um jede Sekunde. Als Freizeitathlet genießt du das natürlich. Man lernt Leute unterwegs kennen, bekommt schöne Geschichten mit, wie sich Menschen nach Jahren bei Kilometer 35 wiedersehen. Das habe ich alles schon erlebt.

Beim Rennen am Sonntag erwartet uns ja starker Wind. Mit Wetterkapriolen haben Sie ja Erfahrungen…

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Dreher: Ich erinnere mich noch gut an das Sturmrennen 1998. Das Erste, das ich morgens nach dem Aufstehen wahrnahm, war das laute Klappern der Fahnenmasten vor dem Hotel. Da wusste ich, das wird verdammt hart. Es wurde ein Orkanrennen mit Windböen von bis zu 90 km/h in den Hochhausschluchten. Der Wind kostete viel Kraft, die lange Zielgerade wollte nicht enden und die verdammten Böen haben einem alles rausgezogen. Das war schon eine krasse Erfahrung. Aber die Wetterbedingungen sind für alle gleich. Man sollte seine Wettkampfkleidung dahingehend nochmal checken und muss versuchen, clever zu laufen. Es wäre gut, sich lange in einer Gruppe zu "verstecken", um Kraft zu sparen. Ich hoffe, dass die Athleten am Sonntag den Wind ab KM 27 im Rücken haben.

Das Gespräch führte Philip Schmid